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Das ewige Hin und Her

So viel Pendler wie nie fahren täglich zur Arbeit und zurück. Zeit, den Faktor Arbeit zu überdenken.



 

Im Grunde klingt es nach einer großartigen Idee: Hier die Arbeit, dort das Vergnügen. Job in der Stadt, Häuschen auf dem Land. Nach dem grauen Alltag ab ins Grüne. Wundervoll. Oder ist es womöglich das genaue Gegenteil: der alltägliche Stress, die kilometergenaue Kapitulation vor beruflichen Zwängen?

Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, da fand der Mensch seine Arbeit üblicherweise dort, wo er sein Zuhause hatte. Büro, Werkstatt, Schreibtisch – alles war meist nur ein paar Gehminuten entfernt. Eher selten musste man Richtung Job längere Zeit unterwegs sein, gar andernorts sein Tagwerk zu verrichten war die ganz große Ausnahme.

Vor gut 100 Jahren, haben Statistiker ermittelt, verließ gerade einmal jeder zehnte Erwerbstätige morgens seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es immer noch nur jeder Vierte. Und heute? Finden bereits mehr als 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ihre Arbeit nur mehr jenseits der Gemeindegrenze. Fast 20 Millionen hierzulande pendeln, belegen aktuelle Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit. So viel wie nie zuvor. Tendenz: weiter steigend.

Das ewige Hin und Her kostet Stunden, nicht selten einen halben Arbeitstag extra. Manchmal bloß am Wochenende, meistens aber tagein, tagaus. Und das oft über Jahre. Fast jede Minute davon ist vergeudet. Im Zug kann man vielleicht noch ein bisschen lesen oder am Laptop arbeiten. Aber im Auto?

Dazu kommt der Ärger mit den Regierenden. In deren Augen sacken Pendler in der City die dicke Kohle ein, wohnen preiswert im Paradies – und wollen für diesen Luxus auch noch ihre Steuerschuld gemindert wissen. In schöner Regelmäßigkeit gelangen Finanzminister unterschiedlichster Parteien daher zu der Überzeugung, dass es in unserem Gemeinwesen Wichtigeres zu finanzieren gebe als Fahrten zur Arbeitsstätte.

Dabei pendeln die Wenigsten aus Spaß oder überhaupt nur freiwillig. Und auch nicht immer vom schönen Land in die graue Stadt. Fast alle fahren einfach nur ihrem Job hinterher. Der nämlich findet sich immer seltener gleich um die Ecke. Womöglich war er da einmal, ist jetzt aber woanders. Nicht mehr dort, wo man sich so schön eingerichtet hatte. Wo man vielleicht genau deswegen sogar mal hingezogen ist.

Weil der Tag auch für Pendler bloß 24 Stunden hat, fehlt diese Zeit natürlich. Es reicht nicht mehr für Sport, Hobbys oder andere Entspannung. Unter dem langen Arbeitsweg leidet nicht selten die Beziehung, auch das Sozialleben verkümmert. In der Folge sind Pendler körperlich meist weniger aktiv und im Schnitt häufiger übergewichtig. Und weil sich alles zugunsten der Arbeit verschiebt, geht erholsamer Schlaf verloren.

Dazu kommt psychischer Druck. Verspätungen, Zug-Ausfälle – all das zehrt an den Nerven. Im Auto ist es keinen Deut besser. Staus, Baustellen, Umleitungen – dazu stets das Risiko einer Panne und die Sorge, in einen Unfall verwickelt zu werden. Die Folgen: Kopf- und Rückenschmerzen, erhöhter Blutdruck, Depressionen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Statistiken der Krankenkassen belegen: Pendler fehlen im Schnitt fast einen halben Tag mehr als Menschen, die heimatnah arbeiten.

Schon vor dem, was man gerne Globalisierung nennt, war Arbeit in Bewegung. Doch spätestens seither ist sie es in immer kürzeren Abständen. Stets auf dem Weg dorthin, wo deren Geber die größte Rendite wähnt. Und entweder lässt man sie ziehen, was sich nur Begüterte leisten können – oder man folgt. Mit Auto, Zug – nicht selten in Kombination. Sicher, man könnte umziehen. Wenn man denn bezahlbaren Wohnraum fände. Und selbst das hülfe wenig bei befristeten Verträgen, wechselnden Arbeitgebern, oder wenn beide Partner berufstätig sind.

Und darum ist die Sache mit der Mobilität auch so kompliziert. Weil es die eine gar nicht gibt. Weil wir auf der einen Seite Städte haben, die nicht mehr wissen, wie sie all den massenhaften Verkehr überhaupt noch bewältigen sollen – und außerhalb ganze Regionen, in denen man ein gerüttelt Maß an Rechenkunst, Abenteuerlust und Zeit aufbringen muss, um mit Öffis vom einen Dorf in ein anderes zu gelangen. Wenn überhaupt.

Und also muss sich die Politik die Frage gefallen lassen, ob sie tatenlos immer noch mehr Jobs Richtung Städte strömen lassen will – und in der Folge immer noch mehr Pendler? Und ob sie nicht erkennen will, dass die andauernd beschworene Mobilität im Job eben zwangsläufig zu mehr Mobilität auch auf der Straße führt? Bevor wir nicht Arbeit grundlegend anders organisieren, wird sich da wenig ändern.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
21. 02. 2020
16:15 Uhr

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21. 02. 2020
16:15 Uhr



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