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Thüringer helfen

"Die haben Hilfe bitter nötig"

Wenn die Menschen auf den Philippinen sich nun aus den Trümmern des Taifuns aufrappeln, fühlen Südthüringer mit ihnen. Ein einstiger Auslands-Zivi aus Steinbach-Hallenberg kennt die am schlimmsten betroffene Region und organisiert jetzt Hilfe.



"Mindestens 90 Prozent zerstört": Benjamin Godau (links) und sein Vater Knut Endter betrachten die Bilder aus Quinapondan nach dem Taifun.	Foto: Bühner
"Mindestens 90 Prozent zerstört": Benjamin Godau (links) und sein Vater Knut Endter betrachten die Bilder aus Quinapondan nach dem Taifun. Foto: Bühner   » zu den Bildern

Steinbach-Hallenberg - An sein Auslandsjahr 2009/2010 in Quinapondan erinnert sich Benjamin Godau gern. "Es war anstrengend und gewöhnungsbedürftig, aber die Menschen und die Gegend waren absolut fantastisch", sagt der junge Mann aus Steinbach-Hallenberg. Um so schlimmer der Schock, als der 24-Jährige am 8. November aus den Nachrichten erfährt: Taifun Haiyan, der schlimmste Wirbelsturm seit Menschengedenken, traf auf die philippinische Landmasse mit vollster Wucht genau in dem Ort auf der Insel Samar, in dem er damals seinen Zivildienst verbracht hatte.

Zehn Tage danach sitzt Benjamin mit seinem Vater Knut Endter im Büro von dessen Metallbaufirma und betrachtet die Fotos. "Chaos und Zerstörung, bestimmt sind 90 Prozent der Häuser kaputt", sagt er, immer noch fassungslos angesichts der katastrophalen Folgen des Taifuns. "Die meisten der 12 000 Einwohner von Quinapondan wohnten in einfachsten Pfahlbauten aus Holz", sagt Benjamin, und sein Vater ergänzt: "Die Dächer aus Bananenblättern, die Gegend ist eine der ärmsten der ganzen Philippinen."

Bis heute gibt es noch keinerlei Kontakt zu den einstigen Nachbarn und Kollegen - Mobilfunknetz und Internet funktionieren nach wie vor nicht, die Menschen sind mit dem Überlebenskampf beschäftigt. Allein die im Internet kursierenden Fotos aus der Bezirksstadt Tacloban und der nächstgrößeren Stadt Guiuan lassen Schlimmstes ahnen.

Auf Facebook finden die beiden Steinbach-Hallenberger ein paar Fotos aus Quinapondan, die ein Helfer im Vorbeifahren gemacht hat. "Überall Trümmer, alle kleineren Häuser futsch, selbst die massive Kirche - abgedeckt", kommentiert Knut Endter, zeigt auf ein Bild: "Hier, das Rathaus, nun ganz fensterlos und von Schutt umgeben. Oben rechts, da hat mein Sohn gearbeitet."

Dort, in der Stadtverwaltung des Provinzorts, war ein Jahr lang, von September 2009 an, Benjamins Arbeitsplatz. Damals, nach dem Informatik-Abi am BBZ Schmalkalden, wollte er weder zur Bundeswehr gehen noch den gewöhnlichen Zivildienst ableisten. Benjamin hörte von der Möglichkeit, der Wehrpflicht durch ein Auslands-Zivi-Jahr genüge zu tun. Er bewarb sich beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) - und entschied sich unter den drei angebotenen Stellen für die in Quinapondan auf der Pazifik-Insel Samar, fast tausend Kilometer südöstlich der philippinischen Hauptstadt Manila. Sein Job: Hilfe und Beratung der Verwaltungsmitarbeiter in Sachen Computer-Netzwerk und Internet.

"Es war eine wichtige persönliche Erfahrung, und mit den unglaublich netten und hilfsbereiten Menschen dort bin ich sofort zurecht gekommen", erzählt Benjamin. "Weltwärts" steht auf seinem grünen Zivi-Shirt. Unter diesem Motto organisierte der DED die Verwaltungs-Hilfe junger Deutscher auf den Philippinen. Er erinnert sich an die bescheidene Krankenstation, an schwerkranke Menschen so arm, dass sie Arzneimittel nur tablettenweise kaufen konnten. An fleißige Kollegen und an gesellige Abende mit starkem Palmwein in den bescheidenen Häuschen der Einheimischen. Ob es Tote und Verletzte gab? Was mit Lorenzo, seinem Chef im Rathaus, dessen Frau und den vier stets fröhlichen Kindern geworden ist? "Wir wissen es bis heute nicht", sagt Benjamins Vater und stöbert durch die vielen Einträge auf Facebook, in denen verzweifelte Eltern Fotos ihrer vermissten Kinder eingestellt haben ...

Knut Endter hatte damals seinen Sohn zwei Mal in seinem Auslands-Einsatzort besucht - "so weit weg, da macht man sich schon Sorgen um seinen Sohn." Und seitdem hat der gestandene Unternehmer die Kollegen und Freunde in Quinapondan genau so ins Herz geschlossen wie Benjamin. "Ein Spanferkel haben wir denen zu Weihnachten geschenkt- das ist dort etwas ganz Besonderes", erzählt Knut und erinnert sich an die Reisbauern und Fischern, die die Fremden aus Deutschland aufgenommen hatten, als gehörten sie zur Familie.

Über Weihnachten, das hatten Benjamin und sein Vater schon seit langem geplant, kommen sie wieder auf Besuch nach Samar. Am 18. Dezember geht's los, sie wollten sich eigentlich das andere, nördliche Ende der Insel anschauen. Unter den neuen, schlimmen Umständen ist das Reiseziel der Steinbach-Hallenberger aber eindeutig wieder Quinapondan. Sie wollen helfen. Auch wenn derzeit noch die einzige Verbindung dorthin Roan ist, die frühere Gemeindeschwester des Ortes, die jetzt in einer weniger betroffenen Gegend wohnt und daher immerhin - so wie andere Helfer - E-Mails schreiben kann. So erfährt Benjamin, dass wohl der nächstgelegene Flugplatz in Guiuan benutzbar ist - aber die Hilfsgüter mangels Sprit für die Lastwagen von dort aus nicht weitertransportiert werden können.

"Aber wir sind sicher, dass wird schon bald direkten Kontakt nach Quinapondan haben werden", sagt Benjamin, bevor er sich wieder auf den Weg nach Berlin macht, wo er seit zwei Jahren Maschinenbau studiert ("mit Spezialgebiet Erneuerbare Energien"). Schon kurz nach den ersten Taifun-Nachrichten hatte er sich kurzgeschlossen mit anderen Auslands-Zivis, die in der Gegend aktiv waren. Unter dem Motto "Freiwillige für die Philippinen" stellen die jungen Leute schon jetzt Nothilfe für die Überlebenden auf die B eine. Und sie sind fest entschlossen, sich auch um längerfristige Wiederaufbau-Unterstützung zu kümmern für die Menschen, mit denen sie eine so prägende und schöne Zeit verbracht hatten. Schulen, Krankenstationen und tausende von Privathäuschen müssen wieder neun errichtet werden.

"Ich habe selbst einen Taifun erlebt damals, sogar ein Erdbeben und einen Tsunami mit Ein-Meter-Welle", sagt Benjamin. Ein ziemlich mulmiges Gefühl sei es schon gewesen. "Aber was nun dort passiert, ist der Horror. Diese Menschen haben unsere Hilfe nötig."

Lesen Sie dazu auch: Alltag kommt zurück, doch die Not bleibt

 

"Freies Wort hilft - Miteinander Füreinander" nimmt Spenden für die Taifun-Opfer in Quinapondan entgegen.

Stichwort: Taifun
Konto: 1705017017 / BLZ: 840 500 00

Jeder eingehende Cent wird ohne Abzüge an die Projekte von Benjamin und der ehemaligen Zivis weitergeleitet.

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Von Markus Ermert
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Veröffentlicht am:
21. 11. 2013
00:00 Uhr

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Von Markus Ermert

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Veröffentlicht am:
21. 11. 2013
00:00 Uhr



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