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Schmalkalden

Positiv - negativ - Homeoffice

Einer der ersten Corona-Patienten in der Region ist Heiko Hildenbrandt. Weil er als Zahnarzt tätig ist, wurde seine Erkrankung publik. Der 59-Jährige sieht sich mittlerweile einer halben Rufmordkampagne ausgesetzt.



Floh-Seligenthal - Seit dem 15. März lebt Heiko Hildenbrandt mit dem Coronavirus. Er hat sich mit dem Sars-CoV-2 angesteckt und befindet sich in strenger Quarantäne. Wie 25 andere Menschen aus dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen (Stand 26. März), die anonym die Erkrankung in ihren eigenen vier Wänden auskurieren. Hildenbrandt wäre das auch lieber gewesen. Doch sein Fall ist publik geworden. Spätestens seit das Gesundheitsamt des Landratsamtes Schmalkalden-Meiningen am 19. März bestätigte, dass sich unter den damals elf Corona-Fällen ein Zahnarzt aus Floh-Seligenthal befinde und dass allen Kontaktpersonen, darunter Patienten, umgehend Quarantäne verordnet worden sei. Klar, ein Name ist nicht gefallen. Aber binnen kurzer Zeit verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Das ist der Hildenbrandt aus der Struth. Der sei im Skiurlaub gewesen und habe nach seiner Rückkehr weiter Patienten behandelt. 23 soll er mitgerissen haben, verantwortungslos, wurde die Gerüchteküche weiter befeuert.

Der 59-Jährige, der seit 36 Jahren als Zahnarzt arbeitet, sieht sich mittlerweile einer halben Rufmordkampagne ausgesetzt. Er verstehe die Ängste der Menschen, sagt er, möchte aber einige Dinge richtigstellen. Am 11. März, erzählt Hildenbrandt mit ruhiger Stimme, sei er in den Skiurlaub nach Österreich aufgebrochen. Corona, sagt er, sei für ihn zu diesem Zeitpunkt noch wenig bekannt gewesen. Im österreichischen Obertauern angekommen, habe er jedoch gespürt, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Nach zwei Tagen brach er den Urlaub ab. "Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen", gibt der 59-Jährige zu. Bereits auf der Heimfahrt rief Hildenbrandt die Landesärztekammer an, fragte, ob er weiter praktizieren könne. Das sei bejaht worden, weil er sich nicht in einem Risikogebiet aufgehalten habe.

"Aus Verantwortungsgefühl" und von Zweifeln geplagt, fuhr Hildenbrandt drei Tage nach seiner Rückkehr - zwischendrin lag ein Wochenende - ins Elisabeth Klinikum Schmalkalden, um sich testen zu lassen. Dort sei er abgewiesen worden. Mit der Begründung, er habe keine Beschwerden und komme nicht aus einem Risikogebiet. Am nächsten Tag fuhr Hildenbrandt, der inzwischen Halsschmerzen bekommen hatte, wieder ins Krankenhaus. Regelrecht gefleht habe er um einen Abstrich, der dann schließlich auch genommen wurde - und positiv ausfiel. Quarantäne für ihn und weitere Kontaktpersonen folgten auf dem Fuß, darunter sein Personal - und fünf Schmerzpatienten, die er an zwei Tagen behandelt hatte. Die Entwarnung der Ärztekammer im Hinterkopf, wie er ausdrücklich betonen möchte.

Gesundheitlich geht es Heiko Hildenbrandt inzwischen besser. Ganz sei er jedoch noch nicht auf dem Posten. Wo er sich das Virus eingefangen hat, kann er nicht sagen. Dass er sich im Skiurlaub angesteckt haben soll, bezweifelt der 59-Jährige. Die Inkubationszeit betrage zwei Wochen, Symptome habe er hingegen bereits wenige Tage nach der Heimkehr gezeigt. Der Zahnarzt schließt nicht aus, dass er sich möglicherweise bei einem Patienten infiziert hat. "Es weiß doch keiner, ob er das Virus hat oder nicht."

Hildenbrandt nutzt das Gespräch mit der Heimatzeitung, um eine Lanze für die Zahnärzte, die zu den systemrelevanten Berufsgruppen gehören, zu brechen. "Wir haben einen Versorgungsauftrag, sind aber schlecht mit Schutzausrüstung ausgestattet." Gerade diese seien einer hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Inzwischen würden sich seine Mitarbeiterinnen selbst Mundschutz nähen.

Psychisch geht es Heiko Hildenbrandt nicht wirklich gut. Seine gesamte Familie leide unter der Situation, besonders die 90-jährige Mutter. Persönlich ist er zwar noch nicht angefeindet worden, aber die Gerüchte finden auch den Weg in die Quarantäne. Bis zum 29. März muss er noch das Haus hüten. Danach dürfte er seine Praxis wieder öffnen. Einen Vorteil habe er jetzt, versucht Hildenbrandt das Beste aus der Situation zu machen: Nach überstandener Erkrankung ist er nun immun gegen Covid-19.

Fräbel negativ getestet

Zu den fünf Schmerzpatienten, die Heiko Hildenbrandt vor seiner verordneten Quarantäne behandelte, gehörte auch Peter Fräbel, Alt-Bürgermeister von Floh-Seligenthal. Der 71-Jährige befindet sich ebenfalls seit fast zwei Wochen in häuslicher Quarantäne, die er freiwillig um einige Tage verlängern möchte. "Mir ist der Ernst der Lage sehr wohl bewusst", betont der FDP-Kreispolitiker, der nach dem Anruf des Gesundheitsamtes umgehend die Mitarbeit im Krisenstab der Einheitsgemeinde Floh-Seligenthal beendete. Er halte sich streng an die Vorgaben der Quarantäne, erklärt Fräbel. Heißt zum Beispiel, dass er seiner Familie nur vom Balkon aus zuwinken kann, ausreichend Abstand zu seiner Frau hält und in einem separaten Zimmer schläft. Zum Glück dürfe er sich im eigenen Garten aufhalten. Die Psyche, bekennt Peter Fräbel, leide sehr unter solch einer Situation. "Das kratzt an den Nerven." So richtig aufatmen konnte er erst am Dienstag: Der Corona-Test war negativ.

Eines aber ärgert Fräbel: Die Ausrede vieler Reisenden, dass Anfang/Mitte März das Virus in Deutschland noch nicht angekommen gewesen sein soll. Am 11. März habe die Weltgesundheitsorganisation WHO von einer weltweiten Pandemie gesprochen. In Nordrhein-Westfalen gab es bereits 801 Infizierte und drei Tote, in Thüringen elf Erkrankte.

Zurück ins Homeoffice

Von einer turbulenten Reise aus Mittelamerika zurückgekehrt, hat sich am Mittwochvormittag ein weiterer Floh-Seligenthaler in Quarantäne begeben: Bürgermeister Ralf Holland-Nell. Er war mit einer zwölfköpfigen Reisegruppe, zu der unter anderem Alt-Landrat Ralf Luther mit seiner Frau und der Wernshäuser Zahnarzt Christian Bechmann gehörten, in Mexiko gestrandet (wir berichteten) . Es sei schon irre gewesen, berichtet Holland-Nell von einer nervenaufreibenden Zeit. In der Ferne sei man, dank Ralf Luther und seiner täglichen Zeitungsschau, gut informiert gewesen, was zu Hause passiert. Auch wenn der Bürgermeister für zwei Wochen das Haus nicht verlassen darf, führt er die Amtsgeschäfte in Homeoffice. Erste Maßnahmen hat er am Donnerstag bereits ergriffen. So bietet die Gemeinde ihren Unternehmen an, die Gewerbesteuer 2020 zinslos zu stunden.

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Susann Schönewald

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Veröffentlicht am:
26. 03. 2020
19:22 Uhr

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Susann Schönewald

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26. 03. 2020
19:22 Uhr



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