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Feuilleton

Von Marken und Kartoffeln

"Hallo an die Redaktion!" - so oder so ähnlich beginnen so manche Briefe, die wir in den letzten Tagen und Wochen zu unseren "Konsummarken" erhielten. Die lustigen wie rührenden Erinnerungen möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht vorenthalten.



"Präsent-Körbe waren sehr gefragt", schreibt uns unsere Leserin Heidi Beilicke aus Hildburghausen. Sie selbst (hier auch auf dem Foto) hat die Geschenke im ehemaligen "kontakt"-Kaufhaus der Kreisstadt gerne gestaltet. 40 Jahre lang war sie im Handel tätig, nachdem sie im Konsum gelernt hatte. Foto: privat
"Präsent-Körbe waren sehr gefragt", schreibt uns unsere Leserin Heidi Beilicke aus Hildburghausen. Sie selbst (hier auch auf dem Foto) hat die Geschenke im ehemaligen "kontakt"-Kaufhaus der Kreisstadt gerne gestaltet. 40 Jahre lang war sie im Handel tätig, nachdem sie im Konsum gelernt hatte. Foto: privat  

Diesen einen besonderen Abend eines jeden Jahres, wie in Barbara Wagner in ihrem Brief an uns beschreibt, kennen wohl alle Konsum-Kunden: Nein, die Rede ist nicht von Heiligabend, sondern von jenem Winterabend, an dem die Konsummarken geklebt wurden: "Ich wuchs als Zwillingsmädchen einer fünfköpfigen Geschwistergruppe in Meiningen auf", schreibt Barbara Wagner. Den Konsum hatte sie schon als kleines Mädchen jeden Tag im Blick - er befand sich gegenüber der elterlichen Wohnung im Weidig. Als die Zwillinge größer waren, durften sie dort einkaufen - und bekamen ab einem bestimmten Einkaufswert Konsummarken mit dem Wechselgeld. "Die wurden meist in einer Schachtel gesammelt", erinnert sich die Obermaßfelderin. Bis eben dieser eine besondere Abend heranrückte.

"Zum Jahresende gab es einen gemütlichen Abend - für uns Kindern mit roter und grüner Brause", die Familie Bohlig aus dem Bodenweg beisteuerte. Die Zwillinge durften natürlich mithelfen. "Die Marken wurden nach Farben sortiert bis die Heftchen voll waren. Im Januar hat Mutter sie dann abgegeben und das Geld wurde für die Einkellerungskartoffeln aufgehoben. Der Zentner kostete 7,05 Mark", erinnert sich Barbara Wagner, "da hat das Geld vom Konsum geholfen". Auch die jährliche Kohlen-Anlieferung kann sie noch lebhaft beschreiben. "Wenn die Kohlen für den Winter vor der Tür standen und sie in den Keller gebracht werden mussten, hat unsere Mutter immer einen Beutel Knöpfe gehabt" - für jeden bestellten Sack genau einen Knopf.

Dienstbare "Schätzchen"

Die Jungs trugen die Kohlen in den Keller und vom Bruder erhielt sie für jeden ausgeleerten Sack immer einen Knopf. "So wusste wir, dass alles übereinstimmte. Dann gings zum Kohlehof, um die Lieferung zu bezahlen." Barbara Wagner hat auch Papier, Flaschen und Gläser gesammelt, als in der Schule dazu aufgerufen wurde, sie half am Rohrer Berg auf der Kirschen- und Apfelplantage oder in der Kartoffelernte. Heute sei das nicht mehr vorstellbar, meint sie: "Ich habe oft meinen Kindern davon erzählt, die sagten dann immer: Ja, das war früher." Der Blick zurück fällt ihr dennoch, oder vielleicht gerade deswegen leicht: "Unser Tag war immer sinnvoll ausgefüllt und auch der hatte bloß 24 Stunden."

Ursula Fröde aus Geraberg hat noch ein ganzes Sammelsurium an Ostprodukten zu Haus - und vor allem: Noch in Betrieb! "Viele Schätzchen leisten noch gute Dienste", schreibt sie - etwa der Entsafter & Einkocher von AKA Electric, der seit 35 Jahren im Haushalt ist, die Fritteuse "FG 2501", das "RG 28" oder der "Multiboy". "Wasserkessel und Thermoskanne von der ‚Alfi’" in Fischbach habe ich sogar schon 54 Jahre, hat Frau Fröde ausgerechnet. Ihr allererstes Reibeisen ist (für Käse) ebenso noch immer im Einsatz wie die handbetriebene Kartoffelreibe. Mit der wird kein Kloß-Teig mehr bereitet, sondern Semmelbrösel. "Geschirr haben wir uns auch kein neues zugelegt, denn wenn das Essen nicht schmeckt, nützt auch der moderne eckige Teller nichts", schreibt die Gerabergerin. Mit dieser Meinung dürfte sie nicht alleine sein - das Porzellan aus DDR-Zeiten wird in vielen Familien noch aufgetragen. Allerdings ist Ursula Fröde trotz aller N(O)stalgie auch ehrlich: "Ich habe natürlich auch neue Geräte und meine ‚Kitchen Aid‘ möchte ich nicht mehr hergeben. Beim Blick zurück vermisst sie weniger Produkte aus volkseigener Produktion, sondern mehr den Umgang der Menschen miteinander: "Wir leben auf dem Land und auch da ist das vertrauensvolle Miteinander und die Sicherheit nicht mehr wie früher."

Weniger Verpackung

Maritta Wagner aus Steinbach-Hallenberg hat uns ihren Mitgliedsausweis bei der Konsumgenossenschaft Suhl geschickt, den sie beim Aufräumen zufällig gefunden hat. "Ich vermute, er stammt aus der Mitte der Siebzigerjahre", schreibt sie. Marken ins Heftchen kleben und im Konsum gegen Bargeld eintauschen - daran erinnert auch sie sich natürlich. Und wie bei Barbara Wagner wurden mit der Rückerstattung die Einkellerungs-Kartoffeln bezahlt. "Bei vielen DDR-Produkten war die Verpackung nicht so toll - aber die Qualität war gut. Und man hatte nicht so viel Verpackung wie heute beim Einkauf und es war umweltfreundlicher!" - eine Erinnerung, die wohl so mancher gerne teilt. Wie auch diese Einschätzung: "Die Elektrogeräte hielten länger und konnten im Notfall auch repariert werden. Heute gibt es viel und viel wird auch schnell wieder entsorgt."

Lesen Sie dazu auch: Von Konsumgütern wie Indianern, Cowboys und anderen Gestalten

Autor

Peter Lauterbach
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
07:05 Uhr

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Autor

Peter Lauterbach

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
07:05 Uhr



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