Wirtschaft Die EKS geht in die Knie: Aus für Betrieb mit 230 Beschäftigten

In dem Werk in Malmerz – die Wurzeln reichen bis Anfang der 1960er-Jahre zurück – werden keramische Isoliererzeugnisse hergestellt. Zuletzt wurde in der Werkringstraße Hoch- und Mittelspannungsporzellan für eine weltweite Kundschaft in Form gebracht. Foto: /Carl-Heinz Zitzmann

Es ist ein Nackenschlag für die Sonneberger Wirtschaft: Am Montag informierte die Werksleitung der Elektrokeramik Sonneberg die Belegschaft über eine Einstellung der Produktion zum Jahresende.

Die Belegschaft der Elektrokeramik Sonneberg hatte am Nachmittag im Zuge einer Mitarbeiterinformation erfahren, dass die Produktion in der Werkringstraße zum Jahresende ausläuft. Fünf Minuten dauerte das Beisammensein, schildert ein erboster Mitarbeiter gegenüber Freies Wort. Rückfragen waren nicht erlaubt: „Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen.“

Gegen 16 Uhr wurde hernach die Öffentlichkeit in Kenntnis gesetzt, wie dramatisch es um die Aussichten des Traditionsbetriebes, dessen Wurzeln bis Anfang der 1960er-Jahre zurückreichen, bestellt ist. „Wir bedauern mitteilen zu müssen, dass die Geschäftsführung der EKS sich gezwungen sieht, eine dauerhafte Einstellung der Produktion in Sonneberg zum 31. Dezember anzustreben“, äußerte Firmensprecherin Dunja Schmidt gegenüber Freies Wort. Hiervon werden voraussichtlich alle Beschäftigten betroffen sein – rund 230 Männer und Frauen.

Vor diesem Hintergrund wolle die EKS mit der Arbeitnehmervertretung sozialverträgliche Lösungen suchen, hieß es weiter. Und: „Wir bedauern zutiefst, dass unsere Arbeitnehmer diesen Herausforderungen gegenüberstehen.“ Den Mitarbeitern werde zu einem späteren Zeitpunkt noch Gelegenheit gegeben, ihre Fragen an die Geschäftsführung einzubringen, so Schmidt.

Als Hintergrund zum Standort-Aus verweist man auf Überkapazitäten in der gesamten europäischen Hoch- und Mittelspannungsporzellan-Branche. Die EKS habe demnach zuletzt anhaltend hohe Verluste verzeichnet: „Die gegenwärtige politische Situation in Europa, welche zu einer außergewöhnlichen Inflationssituation geführt hat, haben die angespannte Situation zusätzlich verstärkt.“ Aufgrund dessen, sei es „leider nicht mehr möglich, unseren Betrieb in Sonneberg langfristig aufrechtzuerhalten“.

Wenige Neuprojekte

Im Schraubstock von Geldentwertung und Branchenproblemen geht der EKS demzufolge die Luft aus, das Unternehmen kann seine Produkte offenkundig nicht mehr länger zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Hinweise auf eine solche Gemengelage gibt der in diesem Mai im „Bundesanzeiger“ veröffentliche Jahresabschluss 2020. Darin wird recht unumwunden eingeräumt, dass das Geschäft „erneut nicht den Erwartungen“ entsprach. Maßgeblichen Anteil hatten damals die Einflüsse von Covid 19: „Dadurch kam es zur Verschiebung von Projekten und den Stopp von Baustellen in den traditionellen Märkten wie Deutschland und Österreich. 2020 waren auch noch Nachwirkungen aus Lieferverzögerungen aus 2019 (...). Die Folge war ein vorübergehender Rückgang an Bestellungen.“ Ebenfalls problematisch, so der Lagebericht, habe sich im ersten Halbjahr 2020 die Marktsituation im Nahen Osten dargestellt. Unverändert zu 2019 gab es nur wenige Neuprojekte. „Ursächlich hierfür waren weiterhin die aktuellen Krisen im Nahen Osten, der niedrige Ölpreis am Weltmarkt und die damit verminderte Finanzkraft der arabischen Länder aber auch der intensive Verdrängungswettbewerb auf dem Markt für Porzellan-Langstabisolatoren, da auch kundenseitig mit den kostengünstigeren Glasisolatoren verglichen wird.“ Zwar habe sich die Nachfrage berappelt, „Ende 2020 wurde in diesem Zusammenhang ein erster neuer Großauftrag verhandelt, der Anfang 2021 zu einem Auftrag geführt hat“.

Doch brachen im Vergleich der Jahre 2019 (19,146 Mio. Euro) und 2020 (17,625 Mio. Euro) die Umsatzerlöse um anderthalb Mio. Euro ein. Stand einhergehend 2019 ein Fehlbetrag über 6,3 Mio. Euro zu bilanzieren, so lag das Defizit 2020 niedriger, erreichte aber dennoch 4,2 Mio. Euro. Entsprechend lässt sich Besorgnis herauslesen in der Rückschau auf 2020: „Vor allem der für die EKS wichtige Welthandel entwickelte sich zunehmend schwächer. Neben den Märkten in China und anderen asiatischen Ländern waren davon auch entwickelte Volkswirtschaften betroffen. Dazu trugen anhaltende internationale Handelskonflikte (insbesondere zwischen China und den USA) bei. Die schwächere Entwicklung der Industrie (wie auch der Energieversorgung) war besonders in Deutschland ausgeprägt.“

Zwar habe die italienische Seves-Gruppe, in welche die EKS seit 2007 eingebunden war, zuletzt Kapital in Sonneberg zugeführt. Doch was 2020 als vorsichtige Hoffnung gehandelt wurde – nämlich das Mitbewerber aufgeben und sich dadurch Möglichkeiten ergeben, den eigenen Marktanteil zu steigern – hat sich nicht erfüllt. Im Gegensatz scheint die EKS jetzt selbst namhafter Verlierer zu werden beim Anpassungsprozess in der Branche. Dazu passt, so heißt es aus Mitarbeiterkreisen, dass sich Seves im Herbst 2021 von seinem Ableger in Südthüringen getrennt habe. Zurzeit tritt auf der Homepage der EKS die PPCInsulators als federführend auf – mit vier Produktionsstätten, 800 Mitarbeitern weltweit und einem Stammsitz in der österreichischen Hauptstadt Wien.

Schlechte Botschaft

Seiner Betroffenheit über die schlechten Nachrichten gab am frühen Montagabend Heiko Voigt Ausdruck. Am Rande eines Arbeitsgesprächs in der Landeshauptstadt erhielt Sonnebergs Stadtchef Kenntnis von den überraschenden Entscheidungen. Er werde sofort am Dienstag das Gespräch mit der Geschäftsführung vor Ort suchen, kündigte Voigt an. Dabei solle erkundet werden, ob die Stadt in irgendeiner Form Hilfestellung geben kann, um die Folgen für die Mitarbeiter ein Stück weit abzufedern. Mit einem Nackenschlag für den Wirtschaftsstandort Sonneberg habe man es ansonsten einmal mehr zu tun: „Das sind im Moment alles extrem schlechte Einflüsse, die da von außen auf uns hereinprasseln, an denen wir nichts ändern können, die wir aber trotzdem vor Ort stemmen müssen.“

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