Tourismus in der Rhön Noahs Segel steht gut im Wind

Jedes Jahr besuchen 20 000 bis 25 000 zahlende Gäste die Aussichtsplattform Noahs Segel in der thüringischen Rhön bei Oberweid, genießen die grandiose Aussicht und die Rutschpartie hinunter. Bald geht auch eine Sommerrodelbahn in Betrieb. Die vor fünf Jahren eröffnete Attraktion ist ein gutes Beispiel, wie Tourismus in der Rhön engagiert vorangebracht werden kann.

Auf dem Ellenbogen, der mit dem benachbarten Schnitzersberg zur höchsten Erhebung der thüringischen Rhön gehört, herrscht buntes Gewimmel am Sonntag. Die Besucher zieht es hinauf zu Noahs Segel, der markanten Aussichtsplattform. Von hier oben blickt der Besucher über die weite Landschaft, in drei Bundesländer und auf die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Die roten Dächer der Ortschaften Unterweid, Geisa und Sinnershausen leuchten in der strahlenden Sonne unter blauem Himmel. Aus der Ferne grüßen die grün bewachsenen Berge, darunter Wasserkuppe, Milseburg und Baier.

Noahs Segel, für 1,2 Millionen Euro oberhalb vom Hotel „Eisenacher Haus“ errichtet und am 6. August 2017 eröffnet, ist ein touristisches Wahrzeichen der Region, ein Anziehungspunkt für Besucher und ein Mut machendes Beispiel, wie der Tourismus in der Rhön angekurbelt werden kann. Denn das Segel steht – um im Bilde zu bleiben – gut im Wind. „Seit der Einweihung vor fünf Jahren haben bereits über 130 000 zahlende Gäste das Segel besucht“, sagte Oberweids Bürgermeister Tino Hencl. Kinder seien nicht eingerechnet. Denn nur Erwachsene müssen die zwei Euro Eintritt am Drehkreuz entrichten und werden somit gezählt. Die Gemeinde Oberweid als Betreiberin der Attraktion kann auf einige ehrenamtliche Helfer zurückgreifen und ist sehr froh über den regen Zuspruch. „Ein Erfolgsmodell“, so Hencl. Dank der Einnahmen, die in die Gemeindekasse fließen, habe die Kommune beispielsweise neue Technik für den Bauhof anschaffen und auch in die Feuerwehr investieren können, erläuterte er und betonte zugleich: „Natur und Tourismus müssen kein Widerspruch sein.“

Am Sonntag lud der Bürgermeister mit seinen Mitstreitern anlässlich des Fünfjährigen zum Feiern ein – mit Hüpfburg, einer Oldtimer-Schau, einem Festzelt und einigen Informations- und Verkaufsständen, mit Souvenirverkauf und Tombola. Zu den Gästen gehörte Thüringens Wirtschaftsstaatssekretär Carsten Feller, der in Meiningen wohnt und mit seiner Frau Frauke auf den Ellenbogen kam. Der SPD-Politiker hob die „gute Entwicklung“ von Noahs Segel hervor, für das der Freistaat rund eine Million Euro beigesteuert hatte. Zugleich legte er aber den Finger in die Wunde und wies auf den touristischen Nachholebedarf der Thüringischen Rhön hin: „Fünf Millionen Menschen besuchen im Jahr die Rhön, aber nur jeder Zehnte kommt in den Thüringer Teil.“ Es gebe noch ein großes Potenzial, das zu heben sei. „Thüringen ist ein Tourismusland und wird noch mehr zum Tourismusland werden“, unterstrich er.

Schon der frühere Landrat Peter Heimrich (SPD) hatte diesen Nachholbedarf erkannt. Er wollte deshalb einen schiefen Turm als starken Touristenmagnet auf die Geba setzen lassen, dem bedeutenden Berg der thüringischen Rhön. Das Ende des Projektes ist bekannt: Ein Bürgerentscheid verhinderte die Millionen-Investition. Der Landkreis bemühte sich danach mit einem Ideenwettbewerb um Alternativen. Doch alle daraus hervorgegangenen Architektenvorschläge schlummern schon lange Zeit in der Schublade, weil aus Sicht der Verantwortlichen nicht der große Wurf darunter ist. Landrätin Peggy Greiser (parteilos) bedauerte schon mehrfach, dass aus dem schiefen Turm nichts geworden ist.

„Wir halten am Tourismuskonzept auf der Hohen Geba fest. Das ist Beschlusslage“, sagte Rolf Baumann, SPD-Fraktionschef im Kreistag Schmalkalden-Meiningen, während der Feier zum Fünfjährigen am Ellenborgen. Er gehe davon aus, dass das Thema im nächsten Jahr wieder auf die Tagesordnung komme und dann die weitere Strategie zur Entwicklung des Bergplateaus besprochen werde. Die stellvertretende Meininger Bürgermeisterin Monika Lösser (SPD) wünscht sich unterdessen, dass sich die Tourismusziele in der Region gegenseitig bewerben und nicht als Konkurrenz ansehen. So könne man die Besucher auf die weiteren Angebote aufmerksam machen.

„Touristischer Leuchtturm“

Derweil zählt Noahs Segel als „touristischer Leuchtturm“ der Region, wie es die stellvertretende Landrätin sagte. Sie heißt seit ihrer Hochzeit nicht mehr Susanne Reum, sondern Susanne Reich. Die Vizelandrätin zeigte sich sportlich und eilte wie Bürgermeister Hencl und 32 weitere Teilnehmer nacheinander beim Segeltreppenlauf die 85 Stufen bis zur Plattform hinauf, dann 26 wieder hinunter, hinein in die Rutsche und sauste schließlich runter bis zum Ziel. Die Schnellsten brauchten für das Treppauf und Treppab nicht mal 45 Sekunden, die Vizelandrätin schaffte es in etwas mehr als einer Minute.

Zeit, um den Blick schweifen zu lassen, blieb den Läufern nicht. Aber die meisten kennen das Bild von oben. In in den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Es ist ein kleiner Spielplatz auf dem Areal entstanden. Und es gibt jetzt eine Sommerrodelbahn. Der Bau steht kurz vorm Abschluss. Die Bahn stammt vom früheren Schullandheim Schafhausen und wurde nach fast zehn Jahren reaktiviert. „Zum Verschrotten war sie einfach zu schade“, so der Bürgermeister, der die Bahn am Sonntag für eine Proberutschpartie freigab. Sie befindet sich neben der Snow-Tubing-Bahn, die im Winter betrieben wird. Zum Kindertag am 20. September soll die Sommerrodelbahn in Betrieb genommen werden und dann an den Wochenenden geöffnet haben. Derweil schmiedet die Gemeinde weitere Pläne. Eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Schäferwagen oder einem Minihaus auf dem Berg ist im Gespräch. Noch laufen die Absprachen. Zudem ist beabsichtigt, eine Allee mit den Bäumen des Jahres anzulegen. Die Besucher dürfen gespannt sein, was sich in den nächsten Jahren noch alles tut am Ellenbogen.

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