Steinbach-Hallenberg Vor 80 Jahren: Falscher Gruß bedeutete KZ

Der aus Bermbach stammende Foto: privat

Weil er den Hitlergruß verweigerte, kam Eduard Bauer aus Bermbach am 7. Juni vor 80 Jahren in Nazigefangenschaft. Zum Gedenken schrieb seine Nichte Anita Brecht nun an die Heimatzeitung.

Steinbach-Hallenberg - „Es hat mich gefreut, dass Ihr an mich denkt …“. So startet einer der Briefe Eduard Bauers, nachdem er am 7. Juni 1941 zunächst ins Konzentrationslager Buchenwald, dann nach Ravensbrück und Auschwitz kam. Bauer gehörte den Bermbacher Gemeinde der Zeugen Jehova an, deren Leidenswege bis heute oft kein Bestandteil der kollektiven Erinnerungskultur sind, wie Sprecherin Esther König aus Steinbach-Hallenberg weiß (wir berichteten).

Im Zuge dieser Aufarbeitung meldete sich nun Anita Brecht aus Bad Berka zu Wort, die einen Originalbrief ihres Onkels vom Mai 1943 in ihrem Nachlass fand, der von ihm per Hand auf dem entsprechenden Formular der Lagerverwaltung des KZ Ravensbrück geschrieben worden war. „Unübersichtliche und schlecht lesbare Briefe können nicht zensiert werden und werden vernichtet“, lautet eine der darauf gedruckten Anweisungen des Lagerkommandanten. Der war es vermutlich auch, der die Anzahl der zulässigen Seiten je Brief im folgenden Mustertext per Hand von vier auf zwei änderte. Pro Monat durften die Gefangenen eine Sendung empfangen oder absenden.

Wie der Gefangene mit der Nummer 1057 in den Block I des Konzentrationslagers kam, hat Anita Brecht herausgefunden. Zwei Worte seien es gewesen, die dem aufgeschlossenen, damals 27-Jährigen zum Verhängnis wurden: „Guten Morgen!“ anstelle von „Heil Hitler!“. Noch heute sei sie beeindruckt von dem Mut ihres Onkels, denn die Folgen das harmlosen Grußes im Jahr 1941 müssen ihm wohl klar gewesen sein, vermutet die Bad Berkaerin. Die Polizei Gotha ordnete unmittelbar danach die Schutzhaft an.

„Wer Hitler nicht folgte, galt als Volksverräter. Das haben viele aus meiner Familie erfahren. Einige Tage nach seiner Inschutzhaftnahme erhielt mein Onkel den Einberufungsbefehl, den er verweigerte“, schreibt Brecht. Eduard Bauer war ein Zeuge Jehovas und als solcher habe er nicht auf Menschen schießen dürfen. Vor 80 Jahren sei er zunächst ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Tausende seiner Glaubensbrüder ereilte in dieser Zeit ein ähnliches Schicksal.

So auch Anton Baumeister aus Weimar, ein guter väterlicher Freund des Bermbachers. Als lebensfreudiger, fußballbegeisterter und wissensdurstiger junger Mann sei er 1937 ins KZ gekommen. Auch er verweigerte den Militärdienst. Das brachte ihn zunächst nach Dachau und im Februar 1939 in das KZ Buchenwald. Rückblickend sagte er später, Buchenwald, das sei seine Universität gewesen – eine Ausbildung, auf die er sicher hätte verzichten können.

Auch aus Brechts Familie seien noch viele weitere in Lagern und Gefängnissen gelandet, darunter ihr Großvater Willy Bauer aus Steinbach-Hallenberg. Alle ihre Berichte seien erschütternd, aber gleichzeitig auch ermutigend für sie. „Ja, ich denke oft an ihn und all die anderen. Wir dürfen sie einfach nicht vergessen. Schließlich haben wir hier in Thüringen vor der Haustür ein echtes Mahnmal – die Gedenkstätte auf dem Ettersberg“, schreibt sie weiter.

Ein Besuch dieses Ortes verdeutliche das Leid und die Grausamkeit in ihrer Welt von Strafkompanien und Strafkommandos überaus lebendig: Schwerstarbeit, Demütigungen, Hunger, brutale Schläge auf dem Prügelbock, Baumhängen und andere unvorstellbare Qualen seien an der Tagesordnung gewesen. Eduard Bauer und Anton Baumeister überlebten das Nazi-Regime, doch die Befreiung sollte für sie nicht lange Freiheit bedeuten. Bauer heiratete nach der Befreiung die junge Liesbeth Bauroth. Sie habe als Kind bereits in der Schule und von der nationalsozialistischen Nachbarschaft viele Schikanen ertragen müssen. Mutter Emma hatte 1934 Flugblätter gegen die Verfolgung verteilt und war so ebenfalls ins Visier der Nationalsozialisten geraten. Wie Eduard sei sie 1941 ins KZ gekommen.

Im Lager Ravensbrück habe sie ihren zukünftigen Mann Willy Thiel kennengelernt, ebenfalls ein kriegsdienstverweigernder Zeuge Jehovas. Sie heirateten nach Kriegsende, bevor das Unglaubliche geschah. „DDR-Gerichte verurteilten diese Opfer des Faschismus erneut, jetzt als Angehörige einer faschistischen Organisation“, hat Anita Brecht recherchiert. Eduard Bauer sei zu sechs Jahren Zuchthaus, seine Frau Elisabeth zu vier Jahren und Brechts Großvater, Willi Bauer, zu fünf Jahren hinter den Gittern des Arbeiter- und Bauernstaates verurteilt worden. Thiel sei sogar gleich zweimal verurteilt worden: 1951 zu sechs Jahren und im Jahr 1961 zu sieben Jahren und sechs Monaten Zuchthaus.

„Wie könnte man diese Menschen vergessen? Menschen, die nicht bereit waren in Hitlers brutalen Krieg zu ziehen und auf Mitmenschen zu schießen. Vor so viel gelebter Courage, Moral und Friedfertigkeit scheinen sich autoritäre Führer offensichtlich noch immer zu fürchten. Mit dem Erinnern in Gedenkstätten und im öffentlichen Leben werden wir selbst zu Zeugen dieser Zeitzeugen“, schließt Anita Brecht ihr Schreiben mit Bezug auf ein Zitat des Holocaust-Überlebenden, Elie Wiesel, das er am 11. April zum Jahrestag der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora geäußert habe.

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