Mit wem man da so marschiert
In die Unzufriedenheit klinken sich rechte Gruppen ein. So sieht es der sächsische Verfassungsschützer Christian: „Die berechtigten Sorgen und Nöte der Bürger dienen den Rechtsextremisten nur als Vehikel für ihre verfassungsfeindliche Agenda.“ Und das weiß auch Piechotta: „Das Demogeschehen ist im Osten ein anderes, das ist einfach faktisch so.“ Rechte Strukturen hätten sich in der Migrations- und der Corona-Zeit in ländlichen Regionen etabliert – nicht nur die AfD, sondern auch rechtsextreme Gruppen wie die Freien Sachsen. Die Strukturen würden jetzt wieder genutzt, nur für ein anderes Thema.
Auch bei manchen Demos beobachten nicht wenige mit Sorge, dass da Behördenmitarbeiter in einer Reihe mit bekannten Neonazis marschieren. Am Einheitswochenende kam es an den ersten Orten bereits zu Vermischungen der beiden Lager. Dabei hatte Die Linke diese bei ihren Aufrufen für den heißen Herbst eigentlich ausschließen wollen.
„Wir setzen dagegen auf breite demokratische Bündnisse vor Ort“, betont Linken-Chef Schirdewan. Er hofft, dass die Gewerkschaften demnächst breiter mit einsteigen. In Leipzig sind sie für eine Demonstration am 15. Oktober mit an Bord. Bisher sind Proteste der Linken im Vergleich zur Rechten oft kleiner. Schirdewan sprach bei einer Demo in Halle am 17. September – einem bundesweiten Aktionstag der Linken – vor gerade einmal 150 Leuten.
Abgrenzung funktioniert nicht immer
Die Linken-Spitze legt Wert darauf, sich scharf von der Rechten abzugrenzen – auch auf den Marktplätzen. Geklappt hat das nicht immer. In Brandenburg an der Havel protestierten vor einigen Tagen Politiker der Linken ohne große Distanzierung mit Vertretern der AfD und der rechten Szene, wie die Linken-Landesspitze später kritisierte.
Auch auf Bundesebene mischen sich die Linien – zumindest bei einigen Politikern. Die Klage vom „Wirtschaftskrieg“, die Forderung nach Aufhebung von Russland-Sanktionen und nach Öffnung der Gasleitung Nord Stream 2 kommen gleichlautend von der AfD-Politikerin Alice Weidel und der Linken-Bundestagsabgeordneten Sahra Wagenknecht. Beide beschimpfen die Bundesregierung in emotionaler Tonlage als dumm und inkompetent – fast wie einige Demonstranten.
Grund zur Abgrenzung von der AfD sieht Wagenknecht nicht. Der „Berliner Zeitung“ sagte sie, man dürfe es nicht „der AfD überlassen, als einzige richtige Forderungen zu stellen“. Die Angst vor Beifall von der falschen Seite sei eine „ausgesprochen dumme Diskussion. Wenn die AfD sagt, der Himmel ist blau, müssen dann alle politisch Korrekten behaupten, der Himmel sei grün? Begreift man nicht, dass man genau damit die Rechte stark macht?“
Politischen Zulauf abkassiert
Zulauf scheint die Rechte so oder so zu haben. Nach der Umfrage Insa-Meinungstrend für „Bild“ ist die AfD in den östlichen Bundesländern derzeit mit 27 Prozent Zustimmung Nummer eins, bundesweit liegt sie bei 15 Prozent. In derselben Umfrage kam Die Linke bundesweit auf 5,5 Prozent, im Osten auf 8 Prozent.
Piechotta appelliert an Die Linke, sich wie bisher mit Grünen und SPD zumindest auf lokaler Ebene gemeinsam gegen Rechts zu stellen. Werde die AfD im Osten noch stärker, werde es immer schwieriger für die übrigen Parteien, stabile Regierungen zu bilden. „Wenn dieser Winter schiefgeht, könnte der Osten noch unregierbarer werden, weil die Mitte weiter ausgedünnt wird“, sagt die Grünen-Abgeordnete. Tatsächlich mobilisieren zum Beispiel in Plauen DGB, Linke, SPD und andere an diesem Wochenende gemeinsam gegen Rechts.
Die Plauener Friseurmeisterin Scholz meint hingegen: „Die einzigen Extremisten in diesem Land sind die Grünen.“ Bei der „Volksversammlung“ vorige Woche forderte sie: „Geht zu jeder Demo, egal wer sie veranstaltet.“