Meinung Mehr Gelassenheit mit der eigenen Geschichte

Die Deutschen sollten ihre lange Vergangenheit besser kennenlernen und dabei entspannt bleiben, meint Olaf Amm zum 200. Todestag von Napoleon. Alles Nationale gilt ihnen seit dem totalen Zusammenbruch nach dem letzten totalen Krieg als Teufelszeug. Woher es aber ursprünglich stammte, ist vergessen worden.

Suhl - „Am Anfang war Napoleon.“ Mit diesem Satz beginnt der Historiker Thomas Nipperdey seine Geschichte von der Entstehung der staatlich geeinten deutschen Nation. Es folgen 2671 eng beschriebene Seiten, die es ohne den (laut zeitgenössischer Presse) „Menschenfresser“ Napoleon nicht geben würde. Für Generationen war der Bezug auf die Franzosenzeit Anfang des 19. Jahrhunderts Dreh- und Angelpunkt ihres Geschichtsverständnisses. Das ist komplett verloren gegangen. Für heute Lebende ist der Nationalsozialismus der wichtigste Bezugspunkt deutscher Geschichte und die Zeit des Deutschen Kaiserreiches davor nur Vorspiel dieser zwölf Jahre.

Dabei ist vieles, was in Deutschland bis zur ersten Republik von Weimar politisch und militärisch entschieden wurde, eine direkte Reaktion auf die Erfahrungen unter französischer Besatzung. Wer aus heutiger Sicht den überbordenden Nationalismus verdammt, der Deutschland in den ersten Untergang 1918 und in den zweiten 1945 trug, ist im Wortsinn kurzsichtig. Er hatte seine Gründe, und die lagen einmal außerhalb der deutschen Grenzen.

Napoleons Projekt, den ganzen Kontinent in ein französisches Protektorat zu verwandeln, hatte durchaus Ähnlichkeit mit den deutschen Ambitionen im Zweiten Weltkrieg. Alle Unterworfenen und auch die vermeintlichen Partner hatten der Zentralmacht zuzuarbeiten und bis an die Grenze des Zusammenbruchs zu zahlen. Unter anderem von schikanösen Zollbestimmungen spricht der Historiker, die in erster Linie französischen Wirtschaftsinteressen dienten und den deutschen schadeten. Napoleons Wirtschaftsblockade gegen England sei ein Schritt zur Ausweitung des Krieges auf das Bürgerlich-Zivile gewesen, „ein Schritt zum totalen Krieg“ – den Begriff vom totalen Krieg kennt man sonst nur aus dem Jahr 1943.

„Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“, schreit damals Propagandaminister Joseph Goebbels und kann sich sicher sein, das 78 Millionen Zuhörer vor den Radioapparaten das Zitat genau verstehen. Es kommt aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Theodor Körner dichtet 1814: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los. Wer legt noch die Hände feig in den Schoß?“ Nur, dass diesmal die Deutschen in der Rolle der Unterdrücker Europas sind und sich andere Völker – mit jedem Recht – befreien wollen. Aus dem im Jahrhundert zuvor gewachsenen und berechtigten nationalen Bewusstsein ist eine Karikatur geworden.

Davon hat sich Deutschland nie wieder erholt. Alles Nationale gilt seit dem totalen Zusammenbruch nach dem letzten totalen Krieg als Teufelszeug. Woher es aber ursprünglich stammte, ist vergessen worden. Und so kommt es, dass aktuell in Erfurt über die Umbenennung des Nettelbeckufers beraten wird. Es geht um Joachim Nettelbeck, der 1807 zusammen mit Neidhardt von Gneisenau die Stadt Kolberg erfolgreich gegen Napoleon verteidigt hat. Als einen Vorwurf gegen Nettelbeck schreiben die Umbenennungswortführer von einer „sinnlosen und mörderischen Abwehrschlacht“, die später den Nazis als Propaganda diente.

Man könnte ihn aber auch als Aktivisten sehen, der sich mit seinen Mitbürgern über staatliche Stellen hinweggesetzt hat, um Schaden von seinem Land und dessen Bewohnern abzuwenden – die Befreiungskriege sechs Jahre später haben ihm recht gegeben. Die Deutschen sollten ihre Vergangenheit besser kennenlernen und dabei entspannt bleiben. „Die Grundfarben der Geschichte sind nicht Schwarz und Weiß, ihre Grundmuster nicht der Kontrast eines Schachbretts; die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen“, endet Nipperdeys Beschreibung im dritten Band.

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