Meininger Hofkapelle „Heute denke ich: Das ist richtig gut“

Mario Venzago dirigiert die Meininger Hofkapelle. Foto: /DMT

Hoppla, was ist das denn für einer? Mag sich am Mittwochabend beim Sinfoniekonzert im Meininger Theater so mancher Zuhörer gefragt haben: Mit Mario Venzago steht nicht nur der populärste Schweizer Dirigent am Pult der Hofkapelle, sondern auch ein begeisternder Erzähler.

Philippe Bach, der Chef der Meininger Hofkapelle, sitzt diesmal „nur“ im Publikum – oder mischt sich dezent unter die Zuhörer der Konzerteinführung im Foyer. Das kühne Programm für’s dritte Sinfoniekonzert der laufenden Spielzeit ist seine Idee, diesen Abend aber schenkt er einem Landsmann, den er wohl als Künstler und als Mensch sehr schätzt: Dem Komponisten und Dirigenten Mario Venzago.

Der populäre Schweizer, der nicht zum ersten Mal am Meininger Pult steht, hat bereits in der ganzen Welt dirigiert – dennoch ist ihm nicht die kleinste maestrohafte Attitüde anzumerken. So ist die Rührung gewiss nicht gespielt, als er sich bei Philippe Bach dafür bedankt, dass dieser ihm, dem Gast am Pult, ausgerechnet die „vierte Brahms“ überlässt: „Ein Zeichen der Großherzigkeit“, findet Venzago. Die vierte Sinfonie von Johannes Brahms ist, wenn man so will, das musikhistorische Heiligtum der Hofkapelle. Vor 137 Jahren, am 25. Oktober 1885, dirigierte der Komponist höchstselbst – was bei Brahms selten vorkam – die Uraufführung in Meiningen.

Von Brahms zu Kelterborn

Die mitreißende Sinfonie steht natürlich nicht zufällig auf dem Programm des dritten Sinfoniekonzerts: Bach möchte einen Bogen spannen hin zu einer anderen Uraufführung. Vor Johannes Brahms kommt am Mittwochabend nämlich Rudolf Kelterborn. Der sagt gewiss nur Insidern etwas, aber Mario Venzago gelingt es, dem Publikum mit sprühender Begeisterung etwas über den von Enthusiasten neuer Musik hochgelobten, im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren gestorbenen Schweizer Komponisten und Hochschullehrer zu erzählen. Dessen letzte Komposition, „Traumland“, spielt die Hofkapelle als Uraufführung, und schreibt damit ein weiteres Werk in die Annalen ihrer musikalischen Aufführungspraxis.

Wer aber ist Rudolf Kelterborn? Zunächst ein früher Kompositionslehrer von Mario Venzago – was erklärt, warum der Schweizer Dirigent so glücklich an diesem Abend ist. Ausgerechnet er darf das letzte Stück eines Komponisten zu dirigieren, mit dem er als junger Kerl gar nicht so gut ausgekommen ist: „Wir waren damals, Anfang der Siebzigerjahre, natürlich im Clinch mit ihm, wir hatten Leute wie Cage oder Stockhausen im Kopf, und dann kam Kelterborn, und wollte uns auf die Traditionen zurückführen.“

Während sich Venzago für musikalische Happenings interessierte, in denen von unten ans Piano geklopft oder Wasser über Klaviersaiten gegossen wurde, komponierte Kelterborn ganz klassisch. „Heute denke ich: Das ist richtig gut“, sagt Mario Venzago über das Schaffen des Schweizers, und er erklärt dem Publikum auch, wie sie „Traumland“ sehen sollen: Als Musik, in dem Kelterborn fragmentarische Texte des Expressionisten Georg Trakl verarbeitet (wofür er sechs Singstimmen benötigt). Die aber, gibt Venzago zu, „heute auf Anhieb nicht so recht unter die Haut geht.“ Da ist Brahms natürlich von anderem Kaliber: Die Vierte schlägt den Zuhörer bereits mit den ersten Takten in seinen Bann. „Er greift nicht direkt emotional an, das würde er sich nicht erlauben“, meint Venzago zu Kelterborns Musik, „aber man kann sie erfassen, wenn man sie wirken lässt“.

Nachwirkung des Krieges

Für den Dirigenten zeigt sich hier eine Nachwirkung des Weltkrieges. Nicht wenige Komponisten hätten sich damals allzu große Emotionalität geradezu verboten, weil sie nicht gewusst hätten, wie sie nach dem Schrecken überhaupt komponieren sollen. Solche künstlerischen Überlegungen aus der Nachkriegszeit sind heute natürlich weit entfernt der Realität. Mario Venzago weiß: Moderne Stücke sind nicht unbedingt beliebt beim Publikum. Vieles klingt schräg. Dennoch wird er nicht müde, zu erklären, warum auch solche Werke gespielt werden müssen: „Tradition heißt, durch etwas hindurch gehen. Wenn man Traditionen erhalten will, muss man weiter gehen, muss man sie bewegen. Nur im Neuen kann man das Alte erkennen und bewahren.“

So simpel hat in Meiningen, wo in zurückliegenden Jahren immer wieder über das moderne Regietheater und seine Sicht auf traditionelle Werke gestritten wurde, wohl noch nie jemand den musikalischen Zeitgeist verteidigt. Wohl auch, weil der Schweizer Dirigent charmant anfügt, er würde sich überglücklich schätzen, könne er mit dieser Uraufführung zum Erhalt der Meininger Traditionen beitragen, hatte er das Publikum nicht nur auf seiner Seite, sondern musikpädagogisch sogar noch ein wenig aufgeklärt. Das hört ganz anders zu, als nach der einführenden orchestralen Bach-Toccata in der populären, aber gar nicht so oft hierzulande gespielten Bearbeitung des Amerikaners Leopold Stokowski Kelterborns „Traumland“ durchs Theater rauscht. Eine Musik der feinen Nuancen.

Die vierte Sinfonie ist für die Hofkapelle natürlich Standard. Und doch lässt sich an diesem Abend nicht überhören, wie sehr Mario Venzago stürmische Leidenschaft aus dem Orchester herauskitzelt und es gleichzeitig schwelgen lässt. Eine Wallung der Gefühle, die ihn selbst an diesem Abend ergriffen hatte. Von der Begeisterung des Dirigenten jedenfalls, der die für ihn „perfekte“ Brahms-Sinfonie nie anpacken wollte, bevor er nicht Sechzig Jahr alt sein würde, lässt sich das Publikum anstecken. Und braucht es noch einen Beweis dafür, dass Berührung nicht nur aus dem Werk, sondern auch von den Musikern ausgeht – dieser Abend liefert ihn.

Nächstes Konzert: 2. Februar, Karten unter Tel.: 03693/451222

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