In Ihrer Video-Dokumentation eben im Altarraum zeigten Sie, wie Sea-Watch die Flüchtlingsboote nach der Menschenrettung zerstörte und versenkte. Warum das?
Na weil diese Investitionen übler Schlepper- und Schleuser-Organisationen, die sie sich von den horrenden "Überfahrtgebühren" der Elenden vergolden lassen, ansonsten Richtung Tunesien und so weiter abtreiben und nochmal genutzt werden. Noch mal zu dieser ominösen Libyschen Küstenwache: Was die und Italien mit allen möglichen "Mängeln" an unseren absolut seetüchtigen, ehemaligen südkoreanischen Hochseefischerei- und anderen Schiffen veranstalten, das braucht starke Nerven unserer Crews, gestandener Seeleute und Kapitäne. Nicht immer gibt es so große internationale Aufmerksamkeit wie im Juni 2019 bei der Verhaftung unserer Kapitänin Carola Rackete. Mit 53 Geretteten auf unserer "Sea Watch III" und nach wochenlangem Warten auf Einlaufgenehmigung ließ sie in der Nacht zum 29. Juni trotz eines Verbots durch italienische Behörden Anker lichten, in den Hafen der Insel Lampedusa einlaufen. Übrigens: Die Italiener haben sogar die Lackschichtdicke der Bordwände nachgemessen, um es uns ans Zeug zu flicken. Uns hatte eine lybische "Küstenwache" zudem mal angekreidet, dass wir zu viele Rettungswesten an Bord hätten. Unsere Schiffs-Traglast beträgt 450 Leute, sonst droht echt Manövrierunfähigkeit. Aber klar, für weitere Einsätze hatten wir natürlich mehr als 450 Westen bevorratet. Die ließen uns echt aufstoppen. Grund: "Sie haben von vornherein mehr Flüchtende aufnehmen wollen". Ist so, als wenn die Polizei hier Ihre Fahrerlaubnis einzieht, weil es sein könnte, dass Sie morgen grob die Vorfahrt missachten werden (lacht). Die bisher aktive "Sea-Watch III" liegt derzeit in unserem Stamm-Hafen nahe Valencia in Spanien, unsere neue "Sea-Watch IV” ist administrativ festgesetz in Palermo auf Sizilien. Obwohl das wohl die einzige Stadt Italiens zu sein scheint, die uns noch wohlgesonnen ist, samt Bürgermeister Leoluca Orlando, (lacht) einer richtig coolen Socke. Auch unser Leichtbauflieger "Moonbird”, der mit eigenem Team zur Ortung von Booten aus der Luft seit 2017 mit in meinem Logistikbereich liegt, wurde am Boden festgesetzt, wo er vor sich hin korrodiert, täglich teurer wird.
Politische Öffentlichkeitsarbeit; zivilgesellschaftliche Hilfe aus dem Herzen und mit Taten: Gab es auch Situationen, dass nicht alle von den übervollen Booten gerettet werden konnten?
Es gab bei NGOs anderer schon Grenz-Situationen, weil überladene Schiffe Gefahr für alle bedeuten. Aber keiner wurde sich selbst überlassen, man kam tags darauf bei Tageslicht zurück, um die Zurückgelassenen aus den Rettungsinseln zu holen. Da gilt es gut auszuwählen: Die Menschen sind in total kritischen Zuständen, haben Schlimmes auf ihren Fluchten erdulden müssen, sind bis zur Rettung oft dehydriert und traumatisiert, seekrank, kaum noch ansprechbar.
Welche Rolle spielt die Handelsschifffahrt, die ja zur Seenotrettung verpflichtet ist?
Wir koordinieren nicht nur unsere Sea-Watch-Rettungsaktionen, sondern auch mögliche Hilfen seitens der Handelsschifffahrt, sprechen Koordinaten sogar mit den Reedereien ab. Aber selbst bei den großen Pötten gibt’s Helfende und Weiterfahrer. Denn die Kapitäne der oft zitierten christlichen Seefahrt sind im bösen Zwiespalt, immer mit einem Bein im Knast: Sie müssten retten, dürfen aber die Geretteten nicht in Häfen abladen, weil sie von so streng katholischen Staaten wie Malta und Italien dann kriminalisiert werden. Ich kann’s nicht anders formulieren: Aber die Situation der Flüchtenden, im Schiff so praktisch gefangen zu sein und zu vergammeln, ist menschenunwürdig.
Wie geht das mit Ihrer Luftaufklärung per Leichtflugzeug nun weiter?
Unsere tolle EU: Wir dürften zurzeit nur noch von Griechenland, Korsika oder Mallorca fliegen. Gibt aber eine Riesen-Mehrbelastung der Crew, weil von dort die Mission extrem lange dauert. Da bleiben nur zwei Stunden Absuche im Einsatzgebiet, ein Bruchteil der An- und Rückflugzeit. Der Forderung der EU-Küstenländer, nur einer Aufnahme Geflüchteter zuzustimmen, wenn auch die anderen einer EU Lösung zustimmen, stehen ja allein schon Polen, Ungarn und Kroatien im Wege. Wenn wir es hinkriegen, dass endlich staatliche Seenotrettung greift, wären wir happy, gingen alle fröhlich nach Hause. Wir sind außer unser Profi-Personal weder ausgebildet noch liquide dafür, das dauerhaft durchzustehen. Dass die Kirche unser Verbündeter wurde, ist sehr wichtig. Wir treffen deshalb demnächst sogar den Papst! Ihre Grüne Ilmenauer Landtagsabgeordnete Madeleine Henfling sagte mir gerade, dass sie ja auch evangelisch sozialisiert sei und dass auch Ihr Pfarrer der Katholischen Kirche hier das Retter-Anliegen unterstützt, was ihr vor Jahren noch undenkbar erschienen sei. Sie sei aber andererseits geschockt, wie mancher aus dem kirchlichen Kontext oder sogar dem "C” im Parteinamen gegen die Menschenrettung argumentiere. Doch, ich sag es nochmal, dass es unfassbar gut ist, Rückhalt von den Kirchen zu bekommen, inzwischen sogar von Kirchenoberhäuptern auf Malta. Und hier bei uns, da zählt jeder Spenden-Euro, solange sich EU-Regierungen nicht wirklich den Kampf gegen das unwürdige und grausige Sterben im Mittelmeer auf ihre Fahnen schreiben.
Interview: Klaus-Ulrich Hubert