Hildburghausen/Erfurt Entsetzen nach Corona-Protest im Hotspot Hildburghausen

"Oh, wie ist das schön": Kritiker der Corona-Maßnahmen zogen am Mittwochabend singend durch Hildburghausens Altstadt. Foto: Steffen Ittig

Neue Rekorde bei den Infektionen mit dem Corona-Virus - und während weitere Beschränkungen angekündigt werden, demonstrieren und verstoßen in Hildburghausen Hunderte gegen die Regeln. Das sorgt weit über den Kreis hinaus für Entsetzen.

Hildburghausen/Erfurt - Nach einer Demonstration von vier- bis fünfhundert Gegnern der Corona-Beschränkungen am Mittwochabend in Hildburghausen drohen dort weitere Ausgangsbeschränkungen. So warnte etwa Ministerpräsident Bodo Ramelow am Donnerstag vor Konsequenzen, sollte es zu weiteren Protesten kommen, bei denen die simpelsten Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten würden. Ramelow verwies in dem Zusammenhang auf bayerische Regeln während der ersten Corona-Welle im Frühjahr. Demnach wäre auch eine Beschränkung des Bewegungsradius’ der Menschen denkbar oder ein schriftlicher Nachweis, weshalb man unterwegs ist.

Keine früheren Ferien

Weihnachtsferien wie gewohnt, aber eingeschränkter Betrieb und feste Gruppen: Thüringen verschärft angesichts weiterhin hoher Infektionszahlen die Regeln für den Kita- und Schulbetrieb in der Corona-Pandemie. Entgegen einer Einigung von Bund und Ländern will der Freistaat jedoch am üblichen Ferienstart am 23. Dezember festhalten, wie cas Bildungsministerium am Donnerstag bestätigte. Demnach ist nur geplant, dass ältere Schüler ab Klasse 7 in den Tagen ab dem 21. Dezember bereits zu Hause bleiben und bis zum 10. Januar Distanzunterricht erteilt bekommen. Seite 2


Neue Regeln in Kraft

Im Kreis Hildburghausen, Deutschlands Corona-Hotspot Nummer 1, gilt seit Mittwoch bereits eine neue Allgemeinverfügung, nach der "triftige Gründe" vorliegen müssen, wenn man die Wohnung verlässt, Dokumente sind dafür bislang nicht erforderlich. Solche Gründe können berufliche Tätigkeiten, Arztbesuche, Einkäufe, Besuche bei Pflegebedürftigen oder Sport im Freien sein. Schulen und Kindergärten im Kreis sind geschlossen. Die Regeln gelten vorerst bis zum 13. Dezember.

Größerer Polizeieinsatz

Trotz dieser Regelungen hatten sich am Mittwochabend hunderte Menschen in der Hildburghäuser Altstadt zu einem "Spaziergang" getroffen - vielfach ohne Mund-Nasen-Bedeckung - und waren durch die Straßen gezogen. Es gab Rufe wie "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" und Gesänge wie "Oh, wie ist das schön". Zu der Aktion war in sozialen Netzwerken mobilisiert worden. Die Polizei schrieb mehr als 30 Anzeigen und löste die Demonstration nach mehreren vergeblichen Aufforderungen mit Pfefferspray auf.

Todesdrohungen

Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer reagierte fassungslos. "Was muss denn noch passieren, bis manche den Ernst der Lage begreifen?", fragte er. Landrat Thomas Müller nannte die Aktion unverantwortlich. Müller wird indes in den Netzwerken heftig attackiert und wurde hier bereits aufgefordert, "sich einen Strick zu nehmen".

Neuer Rekordwert

Hintergrund für die verschärften Beschränkungen sind die extrem hohen Zahlen bei den Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Am Donnerstag erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz (Neuinfektionen pro Woche umgerechnet auf 100 000 Einwohner) im Kreis Hildburghausen mit 603 einen neuen deutschen Rekord.

Klinik meldet Engpass

Unterdessen melden die Henneberg-Kliniken in Hildburghausen, die zum Regiomed-Verbund gehören, dass die Standard-Intensivbetten und die Intensivbetten für schwere Fälle komplett ausgelastet seien. Dies müssen jedoch nicht zwingend Corona-Fälle sein. Nach Daten aus dem Klinik-Monitor sind 13 Intensivbetten in Hildburghausen gemeldet. Andere Krankenhäuser der Region haben den Daten zufolge noch freie Kapazitäten, so etwa in Suhl, Meiningen und Coburg. Die Medinos-Kliniken in Sonneberg melden erste Engpässe bei Standard-Intensivbetten. Laut dem Intensivregister der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sind in Thüringen von insgesamt 846 Intensivbetten 639 belegt, davon 73 mit Corona-Patienten. 207 Betten sind frei, im Notfall können 422 weitere aktiviert werden.

Andere Kreise an der Grenze

Am Mittwochabend hatten die Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin die Verlängerung des bundesweiten Lockdowns bis zum 20. Dezember und einen neuen Grenzwert bei der Inzidenz von 200 vereinbart. Überschreitet ein Landkreis diesen Wert, sollen auch dort weitere Einschränkungen ähnlich wie in Hildburghausen kommen. Mit Sonneberg (322), Altenburger Land (282), Sömmerda (245) und Saale-Orla (214) lagen am Donnerstag bereits vier weitere Thüringer Kreise über dem Wert, außerdem sämtliche bayerischen Nachbarkreise. Aber auch Saalfeld-Rudolstadt (199), Schmalkalden-Meiningen (186) und der Ilm-Kreis (164) nähern sich diesem kritischen Wert.

Mehr zum Thema:

Bund-Länder-Verhandlungen Seite 2

Stimmung in Hildburghausen Seite 3

Leitartikel: Nicht schön Seite 4

Weihnachten und Corona Seiten 5 und 24

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