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Thüringen

Viele Millionen für die neue Lust auf Glas

Die Firma Wiegand-Glas hat Großes vor. In Schleusingen entsteht ein komplett neues Werk mit den modernsten Schmelzwannen Europas. Einen dreistelligen Millionenbetrag investiert das Familienunternehmen.



Aus der Luft wird die Dimension des Neubaus in Schleusingen deutlich. In einem neuen Werk gleich an der Autobahn 73 zwischen Suhl und Coburg errichtet Wiegand-Glas zwei neue Schmelzwannen. Die bisherigen Wannen im alten Werk gehen außer Betrieb, wenn das neue Werk fertig ist. Archivfoto: Steffen Ittig
Aus der Luft wird die Dimension des Neubaus in Schleusingen deutlich. In einem neuen Werk gleich an der Autobahn 73 zwischen Suhl und Coburg errichtet Wiegand-Glas zwei neue Schmelzwannen. Die bisherigen Wannen im alten Werk gehen außer Betrieb, wenn das neue Werk fertig ist. Archivfoto: Steffen Ittig   » zu den Bildern

Kritische Stimmen sagen, die Glasherstellung gehöre zu jenen, von denen nach der Wende in Thüringen kaum etwas übrig geblieben ist. Platt gemacht. Wie so viele Industrien im Osten.

Glas-Familien im Thüringer und Frankenwald

Wiegand und Heinz : Das sind Familiennamen, die die Glasindustrie in Oberfranken und Südthüringen bis heute prägen. Beide Familien begründeten ihre Tradition zunächst in Thüringen. 1622 gründete Hans Heinz die erste Glashütte der Familie gemeinsam mit Peter Bock, Hans Dietz und Georg Schott und damit auch den Ort Piesau, heute Ortsteil von Neuhaus am Rennweg. Nach 1945 ging’s ins nahe Tettau, heute sind wieder beide Standorte aktiv.

Bis ins 16. Jahrhundert reicht die Tradition der Familie Wiegand zurück. 1570 begann Niclas Wiegand in der Rhön mit der Glasproduktion. Im 19. Jahrhundert kreuzen sich die Weg der beiden Familien. 1853 gründeten Daniel Wiegand und Adam Heinz eine Glashütte in Schleusingen.

Schon im Jahr 1906 umfasst der Familienbesitz sechs Werke mit zentraler Verwaltung in Großbreitenbach. Bereits 1926 strecken die Wiegands ihre Fühler vom Thüringer in den Frankenwald aus. Otto Wiegand erwirbt die Glashütte im 20 Kilometer von Ernstthal entfernen Steinbach am Wald. 1945 folgt die Enteignung. Wiegands müssen alle Thüringer Werke abgeben, ihnen bleibt die Hütte in Steinbach, heute Hauptsitz.

Insgesamt beschäftigen beide Familienunternehmen heute rund 5000 Menschen.

 

Tettauer Erklärung

Energie ist eines der Schlüsselthemen der Glasindustrie. Und mit der Energiewende sind die Glasunternehmer Wiegand und Heinz überhaupt nicht zufrieden. So befürworten sie den Bau neuer Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland. Nur so könne sauberer und dann hoffentlich auch günstiger Strom für die Glasindustrie bereitgestellt werden. Bei einer Energiekonferenz vor wenigen Tagen im Glasmacherort Tettau kündigten beide Unternehmer mit anderen Firmen und der Gewerkschaft IG BCE für die kommenden Wochen eine "Tettauer Erklärung" an, in der sie ihre Forderungen an die Politik für eine Energiewende im Einklang mit der Industrie formulieren. Ihre Warnung: Wenn die Energiewende nicht gelinge und Strom nicht bezahlbarer werde, dann bedeute das den Niedergang der Glasindustrie. Die Chinesen stünden längst bereit, Glasverpackungen in Massen nach Europa zu liefern.

 

 

Wer jedoch genauer hinsieht, der erkennt, dass die Kritik in diesem Fall nicht ganz berechtigt ist. Unternehmen wie Wiegand belegen, dass die Glasindustrie in Thüringen lebt. Einen dreistelligen Millionenbetrag investiert Wiegand-Glas derzeit in den Ausbau und die Modernisierung des Unternehmens. Ein Großteil des Geldes fließt nach Thüringen. Zum Beispiel nach Schleusingen. In wenigen Wochen sollen dort die ersten Beton-Fertigelemente für ein nagelneues Glaswerk geliefert werden. "Hoch- und Tiefbau sind in vollem Gang. Etwa 150 Arbeiter sind aktuell auf unserer Baustelle in Schleusingen beschäftigt", sagt Oliver Wiegand, einer der beiden Geschäftsführer des Familienunternehmens, im Gespräch mit dieser Zeitung.

 

Rückkehr zu den Wurzeln

Gut. Kritiker werden nun anmerken, dass Wiegand ja kein Thüringer Unternehmen sei. Was nicht ganz stimmt. Schließlich reicht die Glas-Tradition der Familie zurück bis ins 16. Jahrhundert. Und die Wurzeln liegen in Thüringen, in Schleusingen und Großbreitenbach. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte Wiegand den Firmensitz etwas weiter östlich, ins bereits bayerische Steinbach am Wald. Nicht freiwillig. "Meine Großmutter erzählt immer, die Russen hätten mit der Haubitze vor dem Haus gestanden und sie gezwungen, entweder die weiße Fahne zu hissen und ihnen das Unternehmen zu übergeben, oder aber aus Thüringen zu verschwinden", erzählt Oliver Wiegand.

Die Wiegands verschwanden. Aber nicht weit weg. Und nach dem Fall der Mauer waren sie sofort wieder da. Großbreitenbach, Schleusingen und Ernstthal bei Lauscha sind die drei Standorte auf Thüringer Seite. 2000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. "Die meisten davon in Thüringen", versichert der Junior-Chef. Zum Beispiel in Schleusingen. Das Werk für Behälterglas dort hat Wiegand im Jahr 2011 übernommen. Nun soll es quasi neu entstehen. Im neuen Werk sind zwei neue Schmelzwannen geplant. Deutlich größer als die alten. Und vor allem energetisch auf dem neusten Stand. "Energie ist ein riesiges Thema", sagt Oliver Wiegand, denn im internationalen Vergleich sei sie in Deutschland einfach zu teuer. Unter diesen Bedingungen Glaswerke zu betreiben sei eine Herausforderung.

Nach dem Neubau soll das Werk in Schleusingen deutlich sauberer sein als das alte. Geringere Ausstoß an Kohlendioxid, weniger Feinstaub, weniger von allen Abgasen, die bei der Glasproduktion anfallen. "Jeder vierte Euro, den wir investieren, geht in die Energieeffizienz", erklärt Oliver Wiegand. Ein Aufwand, der an anderen Standorten in der Welt nicht nötig wäre, weil Energie einfach billiger sei. Doch das Ziel, Energie zu sparen, sei ja richtig. Wiegand heizt seine Schmelzwannen sowohl mit Strom als auch mit Gas. Das sei von Standort zu Standort unterschiedlich. Wiegand investiere aber deshalb so viel, weil es eben ein Familienunternehmen sei. "Wir fühlen uns dem Standort verpflichtet und natürlich unseren Mitarbeitern", sagt Oliver Wiegand.

Glas-Nachfrage steigt

Das Unternehmen investiert aber auch deshalb, weil die Nachfrage nach Glasprodukten in jüngster Zeit stark gestiegen ist. Das trifft auch für die Produkte zu, die Wiegand in Schleusingen fertigt. Flaschen für die Getränke-, Gläser für die Lebensmittelindustrie. "Die Weinernte im vergangenen Jahr war sehr gut und durch den heißen Sommer wurde viel Bier verkauft. Beides spüren wir", sagt Wiegand. Winzer und Brauer bräuchten einfach mehr Flaschen. Die Branche beklagt Lieferengpässe

In der Lebensmittelindustrie profitiert Wiegand von der wachsenden Skepsis der Verbraucher gegenüber Kunststoff-Verpackungen. "Es werden wieder mehr Produkte in Glas verpackt", sagt Wiegand. Gemüse- und Obstkonserven stehen mittlerweile wieder deutlich öfter im Glas als in der Dose in den Regalen der Kaufhallen.

Doch nicht nur am Standort Schleusingen investiert Wiegand. Auch in Ernstthal laufen Sanierungs- und Reparaturarbeiten. "Hier läuft die turnusmäßige Generalreparatur einer Schmelzwanne", sagt Wiegand.

In Ernstthal am Rennsteig stellt das Unternehmen besonders hochwertige Glasflaschen her. Zum Beispiel für die Spirituosen-Industrie. Die Hersteller von Schnäpsen, Bränden und Likören nutzen die Flasche traditionell auch als Marketing-Instrument. Der Kunde soll schon an der Flasche erkennen, was da im Regal vor ihm steht. Daher seien die Anforderungen an die Reinheit des Glases, die Farbgebung und die Formen besonders hoch. Kundenwünsche, die Wiegand von Ernstthal aus erfüllt. Das Glaswerk kam 2016 zur Unternehmengruppe dazu.

Norbert geht in Rente

Und dort, in Ernstthal, wurde Norbert vor wenigen Tagen stillgelegt. Nach zehn Jahren hat die größte der drei riesigen Glaswannen ausgedient. Nun entsteht dort in den nächsten zwei Monaten ein neuer, modernerer und größerer Schmelzofen für gut 35 Millionen Euro. Norbert ist mehr als 100 Quadratmeter groß. Gut 270 Tonnen Glas wurden bisher darin geschmolzen. Pro Tag. Um die 100 000 Tonnen jährlich gingen im vergangenen Jahrzehnt so durch die Wanne. Sie ist damit die größte Wanne im Glaswerk Ernstthal. Gut 650 Tonnen wurden mit Norbert und den zwei anderen somit seit 2008 täglich in Ernstthal verarbeitet. Was in etwa bis zu 1,2 Millionen Glasflaschen pro Tag bedeutet.

Mehr als zehn Jahre hat Norbert nun auf dem Buckel. Die chemischen Bestandteile des Glases und die hohen Temperaturen haben ihm zugesetzt. Das Material wird schwächer. Der Verschleiß ist nicht aufzuhalten. Sodass er nun seinen wohlverdienten Ruhestand antreten kann. Ende Mai soll dann die neue Wanne stehen, sagt Oliver Wiegand. Außerdem entstehen zwei Neubauten am Standort, die Platz für Lagerflächen, Produktionsbereiche mit vollautomatischen Verpackungsanlagen, Büro- und Sozialräume bieten.

Wiegand hat Großes vor in Thüringen. Und zeigt damit, dass die Glasindustrie in der Region lebt - und nicht alles platt gemacht wurde nach der Wende. Vieles ist auch wieder gewachsen.

Autor
Jolf Schneider

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Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
00:00 Uhr

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Autor
Jolf Schneider

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Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
00:00 Uhr



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