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Thüringen

Juden in Thüringen fühlen sich zunehmend bedroht

Vor nunmehr 80 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, wurden Juden ermordet. Im Landtag ist nun an diese Übergriffe erinnert worden, während sich Vertreter des Judentums im Land ernüchtert wegen neuer Gewalt gegen ihre Religion zeigten.



Gedenken im Landtag an die Pogrome: Margit Jung (Die Linke), Vizepräsidentin des Landtages, und Alexander Nachama, Landesrabbiner. Foto: Bodo Schackow/dpa
Gedenken im Landtag an die Pogrome: Margit Jung (Die Linke), Vizepräsidentin des Landtages, und Alexander Nachama, Landesrabbiner. Foto: Bodo Schackow/dpa  

Erfurt - Anlässlich des 80. Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 haben Vertreter der Thüringer Landespolitik sowie der Jüdischen Landesgemeinde vor den Gefahren gewarnt, denen jüdisches Leben im Freistaat wie in ganz Deutschland heute wieder ausgesetzt ist. Dass Juden erneut beleidigt und angegriffen würden, gehöre inzwischen wieder zum Alltag, erklärte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, am Donnerstag in Erfurt während einer Gedenkveranstaltung im Thüringer Landtag. "Die letzte Friedhofsschändung wurde gestern in Sondershausen festgestellt", sagte er. Die Forderung, dass sich Verbrechen wie die Shoa niemals wiederholen dürften, erscheine inzwischen "unerreichbar", sagte Schramm. "Aber es bleibt ein jüdischer Traum."

In Deutschland waren um den 9. November 1938 herum unter anderem Synagogen und jüdische Friedhöfe, Wohnungen und Geschäfte zerstört worden. Zudem gab es zahlreiche Übergriffe auf Juden, die für viele von ihnen tödlich endeten.

Schramm erinnerte daran, dass zahlreiche Thüringer Juden nach den Übergriffen ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurden. Er zitierte unter anderem aus den Erinnerungen einer Frau, die über die Verschleppung eines Familienangehörigen aus Gleicherwiesen im heutigen Landkreis Hildburghausen gesagt hatte: "Sie warfen Siegfried auf das Auto wie ein Stück Vieh."

Die Novemberpogrome seien für die Juden in Deutschland ein Wendepunkt in ihrer Verfolgungsgeschichte gewesen, sagte Schramm. "Es war der Auftakt zum Massenmord." Der Weg von diesen Übergriffen aus bis zur systematischen und industriellen Ermordung von sechs Millionen Juden - die inzwischen immer häufiger sogenannte Shoa - sei nur noch ein kurzer gewesen.

Die Nationalsozialisten hätten damals keinen Widerstand aus der Gesellschaft für ihr Handeln zu erwarten gehabt und auch nicht erfahren. "Als die Synagoge brannte, schaute man zu oder weg", sagte Schramm. Manche Thüringer hätten die Übergriffe zudem stillschweigend gutgeheißen. Nur wenige von ihnen hätten versucht, Juden oder die jüdische Religion zu schützen, als bekennende Nationalsozialisten, aber auch Polizisten und andere Staatsdiener die Nachbarn der Thüringer in die Konzentrationslager gebracht oder an anderen Orten misshandelt hatten. So habe beispielsweise der Probst des Erfurter Doms die Torarollen aus der damals zerstörten Erfurter Synagoge gerettet.

Thüringens Landtagsvizepräsidentin Margit Jung (Linke) erklärte, auch heute sei der Antisemitismus eine reale Gefahr in Deutschland. Seit 2010 habe es alleine in Thüringen 644 antisemitische Straftaten gegeben. Damit sei die Zahl solcher Delikte, gemessen an der Einwohnerzahl des Freistaats, in Thüringen etwa doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Einer der schwersten Übergriffe auf jüdisches Leben in Deutschland nach der Wende hatte vor etwa 18 Jahren in Erfurt stattgefunden: Am 20. April 2000 hatten drei junge Rechtsextreme einen Brandanschlag auf die Synagoge der Landeshauptstadt verübt.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) kündigte an, die Landesregierung werde ihre nächste Kabinettsitzung in der Synagoge in Erfurt abhalten. Dort werde sie auch mit dem Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, darüber sprechen, was gegen die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen getan werden könne.

Während der Gedenkstunde im Landtag waren fast alle Abgeordneten aus den Fraktionen von Linken, Grünen, SPD und CDU im Plenarsaal anwesend. Auf den Bänken der AfD-Fraktion saßen dagegen zum Beginn der Veranstaltung nur der AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke sowie die AfD-Abgeordnete Corinna Herold. Später setzte sich noch ein weiterer AfD-Abgeordneter auf seinen Platz.

Mit Blick auf Äußerungen Höckes aus der Vergangenheit zur Geschichte des Nationalsozialismus sagte Jung, es sei unerträglich, wenn gewählte Abgeordnete des Landtages die deutsche Gedenkkultur als "dämliche Bewältigungspolitik" bezeichneten und "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" forderten. "Nein, die Shoa darf nicht vergessen werden. Denn gerade aus ihr erwächst eine besondere Verantwortung", sagte Jung. Als sie später ergänzte, sie spreche sicher "für die meisten Abgeordneten im Haus", wenn sie fordere, dass es keinen Schlussstrich unter diese Geschichte gebe, klatschten Höcke und Herold nicht mit den übrigen Parlamentariern. Höcke führt sein Hände nur einmal, ganz langsam zusammen.

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Sebastian Haak

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Veröffentlicht am:
09. 11. 2018
08:05 Uhr

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09. 11. 2018
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