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Die guten Seiten der Corona-Krise: Zeit für Vernünftige

Die Corona-Pandemie bringt viel menschliches Leid und große wirtschaftliche Schäden. Doch sie hat auch ihre guten Seiten. Zum Beispiel zeigt sie, was sogenannte Wutbürger von echten Sorgen der Menschen halten.



Rentner Alfons Blum vor dem Heim, in dem er seine Frau nicht besuchen darf. Foto: Bodo Schackow/dpa
Rentner Alfons Blum vor dem Heim, in dem er seine Frau nicht besuchen darf. Foto: Bodo Schackow/dpa  

Wenn Historiker eines Tages auf diese unsere Tage zurückblicken, um zu interpretieren und zu bewerten, was gerade in Deutschland passiert und was hätte passieren können, dann werden sie auf Alfons Blum blicken. Natürlich auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vielleicht sogar auf den Virologen Christian Drosten. Aber eben auch auf Blum, einen 84-jährigen Mann aus Gera.

Mehr noch als Merkel es mit ihren wichtigen, aber doch so typisch merkelisch-emotionslosen Appellen und weit mehr noch als Drosten mit seinem unterkühlt-distanzierten Auftreten hat Blum in dieser Woche viele Millionen Deutsche berührt - und Tausenden, möglicherweise sogar Zehntausenden von ihnen die vielleicht letzte Chance gegeben, das Richtige zu tun. Oder vielmehr: Etwas nicht zu tun.

Blum ist jener Mann, der vor wenigen Tagen auf eine Demonstration von Corona-Leugnern und Hetzern gegangen war, weil ihn die Coronabedingten Einschränkungen ganz persönlich und, bei ihm tatsächlich, unmenschlich hart treffen - und dort niedergebrüllt wurde: Seine Frau liegt seit Dezember in einem Pflegeheim. Vor der Coronakrise hat Blum sie jeden Tag besucht. Nun kann er das wegen Corona schon seit Wochen nicht mehr tun. "Das ist eine seelische Folter, sage ich Ihnen", hatte Blum einem Kamerateam der ARD unter Tränen erzählt, das ihn gefragt hatte, warum er zu der Kundgebung gekommen war. Dann mischte sich ein Wutbürger in das Interview ein, beschimpfte Blum, unter dem Applaus von Umstehenden. "Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren", schrie der Wutbürger. Die Videoaufnahme könnte auch von einer Pegida-Demonstration stammen.

Und was tut Blum im Angesicht dieser Tirade?

Blum versucht, gegen den besorgten Bürger anzureden, der ihn freilich überschreit, nicht ausreden lässt. Ein kleines bisschen hebt Blum sogar den Finger, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Freilich auch vergeblich, weil Verschwörungstheoretiker und Wutbürger Argumenten nicht zugänglich sind. Doch Blum lässt sich nicht beirren. "Nein, absolut nicht", sagt er, als der Wutbürger endlich von ihm ablässt. "Man muss auch vernünftig bleiben."

Seit die Aufnahmen von dieser Szene im Fernsehen waren und im Internet zu sehen sind, hat Blum viel Mitgefühl für seine schwierige Situation bekommen; und zu Zuspruch für sein Verhalten auf der Kundgebung.

Beides ist verdient; beides bekommt er zu Recht. Weil Blum vernünftig geblieben ist, trotz seines Schicksals.

Der alte Mann steht damit exemplarisch für all die Millionen und Abermillionen Deutsche, die im
Angesicht der Krise zwar auf die ein oder andere Art schwer zu leiden haben; wenngleich oft nicht so schwer wie frühere Generationen in Europa im 20. Jahrhundert - und die trotz ihrer persönlichen Schwierigkeiten nicht den Hetzern und Fantasten erliegen, die sich inzwischen regelmäßig, zu "Hygienespaziergängen" oder ähnlichem treffen. Ohnehin, das lehrt uns die Krise, das zeigen alle Umfragen, das zeigen die nackten Zahlen derer, die da - gemessen an mehr als 80 Millionen Deutschen auf der Straße stehen - sind sie die wenigen. Wir sind die vielen. Die große Mehrzahl der Deutschen ist vernünftig. Wenn auch zu leise. Ganz laut, viel zu laut, sind die Unvernünftigen. Lautstärke aber ist zum Glück nicht alles.

Und so ist das, was Blum in Gera erlebt hat, für alle Vernünftigen eine Mahnung. Vor allem für jene, die glauben, auf Corona-Protesten würden ihre oft berechtigten Interessen vertreten und die deshalb überlegen, dort vielleicht hinzugehen. Blums Erlebnis ist der letzte noch fehlende Beweis dafür, dass dem nicht so ist. In einer Zeit, die Vernunft fordert, haben Vernünftige dort nichts zu gewinnen. Nichts zu suchen.

Historiker werden sagen: Blum war der Beweis. Man hätte es wissen können.

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Autor
Sebastian Haak

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Veröffentlicht am:
23. 05. 2020
09:37 Uhr

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Sebastian Haak

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