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Thüringen

Biete Spargeldamm, suche Mieter

Deutschland hat für ausländische Saisonarbeiter dicht gemacht. Auch die Thüringer Gemüse- und Obstanbauer hat das kalt erwischt. Sie suchen händeringend Lösungen - auch über Facebook.



Weil Erntehelfer fehlen, vermieten Spargelbauern Teile ihrer Spargeldämme an Privatleute. Foto: Andreas Arnold/dpa
Weil Erntehelfer fehlen, vermieten Spargelbauern Teile ihrer Spargeldämme an Privatleute. Foto: Andreas Arnold/dpa  

Bei Arvid Schmidt-Heck von der Agrargesellschaft Herbsleben steht das Telefon nicht mehr still. Seit der Betrieb aus dem Unstrut-Hainich-Kreis diese Woche angekündigt hatte, seine Spargeldämme zu vermieten, melden sich immer wieder Interessenten. Weil die ausländischen Erntehelfer fehlen, hatte der Betrieb auf Facebook jetzt seine Spargelparzellen angeboten: "Corona stellt die Spargelsaison 2020 komplett auf den Kopf", heißt es dort. Die ausländischen Erntehelfer fehlen zwischen Rügen und Zugspitze - und natürlich auch in Herbsleben. Die Bereitschaft, in Deutschland zu arbeiten, ist gesunken. Seit Mittwoch dürfen die Saisonkräfte aus dem Ausland ohnehin nicht mehr einreisen. Und so sucht auch die Agrargesellschaft Herbsleben nach Lösungen, um den Spargel vom Feld zu holen.

16 Erntehelfer sind bereits da. "Doch das reicht natürlich nicht aus - bis zu 220 Leute brauchen wir in der Saison", sagt Arvid Schmidt-Heck, der Assistent der Geschäftsführung. Bürger können nun eine Spargelzelle mieten, um in Eigenregie zu ernten und so das frische Edelgemüse auf dem Teller zu haben. Bis Donnerstagmorgen wurde der Eintrag auf Facebook bereits rund 1200 mal geteilt. "30 Leute stehen bereits in der Liste, die einen solchen Vertrag wollen", so Schmidt-Heck am Donnerstag. Mitunter seien bereits zwei bis drei Dämme bestellt.

Im Schnitt 250 bis 300 Meter lang sind die Reihen auf den Spargelfeldern des Herbslebener Betriebes. 300 Meter würden rund 225 Euro kosten - also 75 Cent je laufender Meter. Viele Leute sehen darin offenbar eine Chance, zu frischem Gemüse zu kommen. Eines steht für Herbslebener Landwirte schließlich fest: Wenn die Spargelbauer landauf, landab nicht wissen, wie sie ihre Ernte schaffen sollen, wird es auch in den Supermärkten mit dem Angebot knapp werden.

Die Ankündigung, ab Mittwoch keine ausländischen Saisonarbeiter mehr ins Land zu lassen, hatte die Unternehmen kalt erwischt. "Unsere Betriebe sind fassungslos", sagt Joachim Lissner, der Geschäftsführer des Landesverbandes Gartenbau. Vorsorglich habe sich schließlich kein Betrieb schon mal seine Erntehelfer ins Land geholt. "Die hätte zudem keiner vorher bezahlen können, wenn noch keine Arbeit da ist."

Noch wächst nämlich der Spargel, doch Anfang April geht die Ernte los. Insgesamt rund 1500 Saisonarbeiter brauchen Lissner zufolge Thüringens Spargel- und Erdbeeranbauer. 4500 bis 5000 Einsatzkräfte sind es insgesamt das ganze Jahr über. "Die Situation ist ernst - unsere Betriebe wissen noch nicht, wie sie alles ernten können", sagt er. Dabei wartet man nicht einfach auf Hilfe von oben. Alle Möglichkeiten werden ausgelotet. Auch über Internetplattformen werden seit Tagen schon Erntehelfer gesucht. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Glöckner hatte zudem schon vorgeschlagen, dass Arbeitskräfte, die wegen der Corona-Krise in die Zwangspause gehen mussten, aushelfen. Doch nicht Jedermann will das auch. "Die Frage ist außerdem, wie belastbar die Arbeitskräfte sind", gibt der Gartenbauverbandschef zu bedenken. "Wer sein Arbeitsleben lang bisher im Büro saß, dem wird es schwer fallen, tagelang Spargel zu ernten."

Auch logistisch sieht er ein großes Problem, wenn Erntehelfer mit viel gutem Willen von sonstwoher anreisen. Durch das Hin- und Herfahren sei das Risiko, den Coronavirus weiter zu verbreiten, viel höher als wenn Erntehelfer aus dem Ausland kämen, die ganze Saison über an einem Ort seien und täglich ihrer Arbeit nachgingen. "Doch das ist ja nun sowieso erst einmal nicht mehr möglich."

Lissner sieht noch ein weiteres Problem, wenn es um die Erntehelfer geht. Landwirtschaft und Gartenbau sind nicht gerade die Bereiche, die in der Einkommensskala oben stehen - im Gegenteil. "Hier kann nicht gezahlt werden wie in der Industrie". Insofern hat er nicht allzu große Hoffnung, dass nun viele Menschen auf Zeit ihren Job wechseln.

Auch die Gärtnereien haben Sorgen. In vielen Betrieben ist die Situation angespannt. Der Abverkauf in Baumärkten an Pflanzen boomt, in den Gartenbaufirmen aber gibt es Einbrüche. Die Blumenläden haben zwar zu, viele Gärtnereien aber arbeiten. "Hier können sich die Leute mit Zierpflanzen, Stauden, Gehölzen, Salatpflanzen oder Blumen eindecken - und zwar ohne Andrang wie in den Baumärkten, doch daran denken derzeit zu wenige Kunden", sagt Lissner. Den Betrieben fehle andererseits das Geld für die Werbung. Bleibe die Hoffnung, dass viele Menschen sich in diesen schwierigen Zeiten ihr Zuhause wenigstens mit Blumenschmuck schöner gestalten oder auch das eine oder andere im Garten anbauen wollen - und die Gärtnereien wenigstens davon ein wenig profitieren.

Der Chef des Gartenbauverbandes will nicht schwarz malen. Aber er geht davon aus, dass auf Grund der aktuellen Situation auch aus Spanien und Italien künftig weniger Obst und Gemüse geliefert werden könnten. "Desto wichtiger ist es, dass wir alles nutzen, um uns hierzulande noch besser selbst zu versorgen." Dass Gemüse und Obst nicht abgeerntet würden, wäre ein Unding. Und Arvid Schmidt-Heck von der Agrargesellschaft Herbsleben kann der Ernte in Eigenregie noch einen weiteren positiven Aspekt abgewinnen. In Zeiten, in denen Sporteinrichtungen geschlossen sind, sei Bewegung durchaus erlaubt. "Ein Einsatz mit entsprechendem Abstand auf dem Erntefeld kann gut tun und ersetzt das Fitnessstudio", sagt er. Und Spaß kann es unterm Strich auch noch machen, für die Versorgung der eigenen Familie selbst etwas zu tun.

Bleibt allerdings noch die Frage, wie die Ernte ablaufen soll. Auch auf Facebook wurden schon mal Bedenken angemeldet, dass der eine mietet, der andere sich aber illegal auf dem Spargelfeld bedient. "Es wird feste Arbeitszeiten von 6 bis 18 Uhr auf dem Erntefeld geben und wir werden stichprobenartig kontrollieren", kündigt Schmidt-Heck schon mal an. Jeder müsse sich während der Ernte mit seinem Vertrag ausweisen können.

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Birgitt Schunk
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Veröffentlicht am:
27. 03. 2020
07:56 Uhr

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Birgitt Schunk

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Veröffentlicht am:
27. 03. 2020
07:56 Uhr



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