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Thüringen

Auf Distanz gehen? Keine Chance für Zahnärzte

Ist es in diesen Tagen wirklich noch eine gute Idee, zum Zahnarzt zu gehen? Die Berufgsverbände der Branche fordern längst einen Rettungsschirm. Und Zahnärzte berichten, dass Schutzausrüstung kaum noch zu bekommen sei.



Zahnärzte und ihre Helfer kommen den Menschen so nah wie kaum eine andere Berufsgruppe. Keine leichte Ausgangsposition in Zeiten der Corona-Krise. Foto: dpa
Zahnärzte und ihre Helfer kommen den Menschen so nah wie kaum eine andere Berufsgruppe. Keine leichte Ausgangsposition in Zeiten der Corona-Krise. Foto: dpa  

Suhl - Sybille* hat sich einiges einfallen lassen müssen, um ihre Angestellten und sich zu schützen. Die detaillierte Abfrage der Patienten vor Einlass in die Praxis, die Plexiglasscheibe an der Rezeption, Desinfektionsmittel. Die Zahnärztin aus dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen arbeitet selbst mit Mundschutz, Schutzbrille und einem zusätzlichen Plastevisier. "Fast wie ein Schweißer. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man drüber lachen. Und dauernd beschlägt die Brille", berichtet die Mittfünfzigerin. Schöne Arbeitsbedingungen seien das derzeit nicht. "Dabei sind wir schon froh, dass in unserem Dentaldepot jemand ist, der alles, was an Mundschutz und Desinfektionsmitteln auftreibbar war, organisiert hat."

Wie lange der Vorrat reicht? Das sei schwer einzuschätzen. Aber ohne entsprechende Artikel sei die Arbeit nicht möglich. "Jetzt gibt es auch für uns in Apotheken keinen medizinischen Alkohol mehr. Die Scheiben für das Visier sind derzeit nicht lieferbar. Und selbst mit Betäubungsmitteln wird es eng." Teile für die Herstellung der Ampullen kommen aus dem Ausland und gerade hier nicht an.

Am Dienstag mahnte bereits der Hartmannbund als Vertretung der Ärzte, dass Praxen in Thüringen schon bald schließen müssten, sollte die angesichts der Coronavirus-Pandemie nötige Schutzausrüstung für das Personal nicht schnell geliefert werden. Allen Ankündigungen zum Trotz sei die Schutzausrüstung bisher nicht angekommen, teilte die Ärztevertretung in Erfurt mit.

Der Vorsitzende des Thüringer Landesverbandes, Jörg Müller, erklärte: "Schon aus Verantwortung für die Gesundheit des medizinischen Personals und der uns anvertrauten Patienten rufen wir aufgrund der sehr hohen Ansteckungsgefahr zur sofortigen Einstellung der Tätigkeit in Praxis und Klinik ohne entsprechende Schutzausrüstung auf."

Die Versorgung von Patienten in nicht aufschiebbaren Fällen müsse selbstverständlich sichergestellt werden, abhängig davon, wie lange die Materialvorräte in den Praxen reichen.

Nach den Vorgaben des Robert Koch-Instituts (RKI) dürfe in der Corona-Krise ohne Schutzausrüstung aufgrund der hochgradigen Eigen- und Fremdgefährdung keine Patientenversorgung mehr erfolgen. Wer als Mediziner anders verfahre, handele leichtfertig und gefährde in unprofessioneller Weise nicht nur sich selbst, sondern riskiere auch das Leid vieler weiterer Menschen, erklärte Müller, der Augenarzt in Gera ist. "Das Virus ist brandgefährlich."

Das Bestehen auf Schutzausrüstung sei keine Feigheit, sondern Voraussetzung für Selbst- und Patientenschutz. Das gelte umso mehr bei einer Virusinfektion, gegen die es keinerlei Impfprävention und - abgesehen von symptomatischer Behandlung - auch keine Therapie gebe. Der Hartmannbund vertritt nach eigenen Angaben die beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen von Ärzten, Zahnärzten und Medizinstudierenden.

Auch Zahnärztin Sybille versichert, dass sie eine Behandlung von mit dem Coronavirus Infizierten oder auch nur potenziell Infizierten gar nicht leisten könne. "Dazu hab ich nicht die erforderlichen Schutzmasken", sagt sie. Die Zahnärztin möchte nach dem anstrengenden Tag in der Praxis eigentlich nicht mehr darüber reden. Aber die Sorge, wie es weiter geht, lässt sich nicht abschalten. "Es ist ein ständiger Konflikt: Als Arzt will und kann ich Schmerzpatienten und Notbehandlungen nicht abweisen. Aber ich habe auch meinen Angestellten und Mitmenschen gegenüber Verantwortung." Ihre Enkel kann sie schon gar nicht mehr besuchen.

Schließung gefordert

Da hilft auch die Mail am Dienstag von der Zahnärztekammer nicht wirklich weiter. Es wird geraten, Zahnreinigungen zu vermeiden, den Wasserbohrer nicht zu nutzen und Risikopatienten nicht zu behandeln. "Demnach dürften wir eigentlich nur noch absolute Notfälle annehmen", resümiert sie. Für Zahnärzte aber gilt nach wie vor eine grundsätzliche Behandlungspflicht. Dennoch bleibe es jedem Zahnarzt selbst überlassen, welche Leistungen er weiter anbiete und welche nicht. Das mache alles nur verworrener.

Ganz klar ist nur eines: Selbst wenn Patienten mit Erkältungssymptomen abgewiesen und ältere abbestellt werden - Sybilles Berufsgruppe bleibt dennoch nah am Virus mit Tröpfchen-Infektionsgefahr. Dabei zählen die meisten ihrer Kollegen selbst zur Risikogruppe. "Die ich kenne, sind überwiegend über 55." Auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Thüringen hatte in den vergangenen Tagen auf das hohe Durchschnittsalter der Zahnärzte im Freistaat hingewiesen.

"Wie wir diese Situation überleben sollen, das sagt keiner." Gehälter, Miete, Kredite oder Leasingraten für Behandlungsstühle, Röntgentechnik und mehr - die Verbindlichkeiten laufen weiter. "Die meisten von uns sind doch keine Millionäre. Zwei, drei Wochen kann man das überstehen. Aber wenn es länger dauert - und das wird es - dann wird es heftig", sagt die Zahnärztin. Noch schwerer sei es gerade für Kollegen, deren Angestellte kleine Kinder zu Hause betreuen müssten. Da werde mancher Kurzarbeit beantragen müssen.

Längst fordern die Bundeszahnärztekammer und die Kassenzahnärztliche Vereinigung einen Rettungsschirm nach dem Vorbild der Wirtschaft und Krankenhäuser auch für die Zahnärzte. Weil geplante Behandlungen abgesagt würden, würden Umsätze wegbrechen. Einige Mitarbeiter von Zahnärzten gehen sogar noch weiter: Sie fordern die Politik auf, endlich auch die Schließung von Zahnarztpraxen anzuordnen und nur noch eine Notversorgung aufrecht zu erhalten. Seit dem Wochenende steht eine entsprechende Petition einer Zahnarzthelferin im Internet. Binnen weniger Stunden hatte diese 50 000 Unterzeichner. Die Angst der Zahnarzthelferinnen: In dem feinen Sprühnebel vom Bohren, der bei den Behandlungen den Mund des Patienten verlässt, könnten das Corona-Virus durch den gesamten Raum verteilt werden. Zahnärzte und ihre Mitarbeiter hätten bei ihrer Arbeit eben keine Chance, auf Abstand zu ihren Patienten zu gehen. *Name geändert

Veröffentlicht am:
25. 03. 2020
07:26 Uhr

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Autor

Cornelia Bauer

Jolf Schneider

Kontakt zu den Autoren

Veröffentlicht am:
25. 03. 2020
07:26 Uhr



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