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Leitartikel

Unverzeihlich

Wir sind gespalten – in „Klimahysteriker“ und „Klimaleugner“. Und wir überziehen uns gegenseitig mit Vorwürfen. Doch etwas, das bei dieser Gemengelage unabdingbar ist, wird aus den Augen verloren: der Blick für das große Ganze, kommentiert Sven Wagner zur Wahl des Unworts "Klimahysterie".



Eine Frage sei gestattet: Ist es eigentlich in Ordnung, über das frisch gekürte "Unwort des Jahres 2019" zu schreiben? Denn: Hieße das nicht eigentlich, dass an dieser Stelle etwas Unschönes, Schlechtes, gar Falsches wiederholt und verbreitet würde? Jene Eigenschaften machen ein Wort schließlich zum Unwort. Die Antwort ist simpel: Natürlich darf darüber geschrieben werden, es muss sogar. Denn jenes Wort beziehungsweise Unwort - die Klimahysterie - verdeutlicht wie derzeit kaum ein anderes eine große Herausforderung unserer Gesellschaft: das Entweder-Oder.

Wir sind gespalten - in "Klimahysteriker" und "Klimaleugner". Und wir überziehen uns gegenseitig mit Vorwürfen: Die einen sind Idealisten, die anderen ignorant. Die einen wollen den Status quo abschaffen, die anderen haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Dieser Graben zieht sich innerhalb der Gesellschaft entlang zwischen vielen Gegenpaaren: alt gegen jung, Stadt gegen Land, alternativ gegen industriell, modern gegen traditionell. Zwar hat es Gegenpaare und Generationenkonflikte immer schon gegeben. Doch etwas, das bei dieser Gemengelage unabdingbar ist, wird aus den Augen verloren: der Blick für das große Ganze.

Bei der Klima-Frage geht es schlicht und ergreifend darum, wie wir künftig auf der Erde leben wollen und können. Es ist eine existenzielle Frage, die wir nicht beantworten. Stattdessen verkommen die Debatte, der gesunde Streit und die all dem inhärente Suche nach Konsens und einer Lösung zur plumpen und holzschnittartigen gegenseitigen Beschuldigung.

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit, sagen Forscher. Und sie unterlegen das wieder und wieder mit wissenschaftlichen Fakten. Wir sprechen also nicht nur von einem Gefühl, das sich angesichts der immer häufigeren erschreckenden Bilder von Naturkatastrophen rund um die Erde aufdrängt. Wie kommt es angesichts dessen dazu, dass das Stichwort Klima inzwischen dermaßen polarisiert - wenn es doch uns alle gleichermaßen betrifft?

Auf der einen Seite gibt es Klima-Aktivisten, deren Forderungen für viele Bürger verhältnismäßig radikal klingen. Da werden plötzlich das Privatauto infrage gestellt und die Geschwindigkeit, mit der man in jenem über die Autobahn fahren darf. Dass so etwas - genau wie die Idee des Veggie-Days - nicht ohne Widerspruch bleibt, ist verständlich. Aber es darf nicht als persönlicher Angriff verstanden werden, sondern muss als Idee verhandelt werden. Denn klar ist auch: Wir genießen hierzulande viele Privilegien, die keineswegs selbstverständlich sind. Es muss erlaubt sein, diese zu hinterfragen. Auf der anderen Seite lässt sich aus großen Streitthemen politisch wie wirtschaftlich Kapital schlagen. Kein Wunder, dass Unternehmen, Parteien und Medien bisher unverhohlen das Unwort "Klimahysterie" gebrauchen. Sie bedienen damit eine Angst beim Publikum, können sich der Trotzreaktion, die sie selbst bei den Menschen erzeugen, gewiss sein und binden diese an sich.

Doch gerade dort, wo es ums große Geld und um politische Macht geht, ist die Instrumentalisierung einer solch wichtigen Debatte unverzeihlich. Vielleicht ist es also doch an der Zeit, das Unwort Unwort bleiben zu lassen und es nicht weiter zu erwähnen. Stattdessen könnte man die Zeit sinnvoll nutzen und diskutieren, wie es weitergehen soll - unverbissen, offen und konstruktiv. Wir leben schließlich alle zusammen hier.

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Sven Wagner

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Veröffentlicht am:
14. 01. 2020
20:30 Uhr

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Sven Wagner

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Veröffentlicht am:
14. 01. 2020
20:30 Uhr



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