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Meiningen

Rettungsaktion für drei Storchenküken

In einer groß angelegten Rettungsaktion sind am Donnerstagnachmittag die drei kleine Störche vom Horst auf dem Schornstein der Zentralwäscherei Wasungen geholt worden. Ihre Überlebenschancen sind nun besser denn je.



Auf dem stillgelegten Schornstein der Wasunger Zentralwäscherei blicken gestern Nachmittag die drei Küken und Mutter Lilly in Richtung Werraaue. Von dort sollte eigentlich Vater Luis geflogen kommen. Er verließ am Mittwochvormittag den Horst, um Nahrung zu holen, und kam nicht wieder zurück. Ein Unfall, bei dem er sich einen Flügel brach, hindert ihn daran.
Auf dem stillgelegten Schornstein der Wasunger Zentralwäscherei blicken gestern Nachmittag die drei Küken und Mutter Lilly in Richtung Werraaue. Von dort sollte eigentlich Vater Luis geflogen kommen. Er verließ am Mittwochvormittag den Horst, um Nahrung zu holen, und kam nicht wieder zurück. Ein Unfall, bei dem er sich einen Flügel brach, hindert ihn daran.   » zu den Bildern

Wasungen - Dramatische Stunden, in denen viele Tierfreunde in der Region mitgefieberten, liegen hinter Lilly, Luis und ihren kleinen Küken. Das treue Storchenpaar, welches seit zwölf Jahren auf dem 33 Meter hohen Schornstein am südlichen Eingangsbereich der Stadt zu Hause ist und seine Nachkommen aufzieht, wurde am Mittwochvormittag jäh auseinandergerissen. Ein Riss, der auf tragische Weise die ganze Familie teilt.

Alles begann damit, dass sich Storch Luis bei einem Zusammenstoß mit einem VW Caddy auf der B 19 hinter dem Knoppholz-Küppel Richtung Wasungen am späten Mittwochvormittag so schwer verletzte, dass er nicht mehr weiterfliegen konnte. Mit gebrochenem Flügel ist er von Mitarbeitern der Meininger Tierauffangstation in die Obermaßfelder Tierarztpraxis Friederike Wietschel eingeliefert worden. Die Fachärztin, spezialisiert auf Wildtiere, kümmert sich um den Adebar und will ihn, sobald die Schwellung zurückgegangen ist, am Gelenk operieren. Das könnte noch vor dem Wochenende passieren. Aber eines steht auch schon fest: Ganz genesen wird der stattliche Schreitvogel nach ihrer Einschätzung nicht mehr.

Reha im Tierpark Suhl

Luis wird keine langen Strecken in ein Winterquartier nach Südeuropa oder Afrika mehr fliegen können. Auch darf man davon ausgehen, dass er die 33 Meter hinauf zum Familiensitz nicht mehr aus eigner Kraft bewältigen können wird. Die Menschen, die sich aktuell um Luis kümmern, planen nach der OP für ihn eine Reha im Tierpark Suhl. Dort hat man bereits Erfahrung Störchen. Von den Mitarbeitern war gar nicht langer Zeit schon einmal ein krankes Tier aus dem Werratal betreut worden. Die Suhler ihrerseits werden versuchen, den genesenen Luis über einen bundesweiten Verteiler der Tierparke in eine passende Einrichtung weiterzuvermitteln, in der er seinen Lebensabend verbringen kann. So wird der vielfache Vater und treue Mann seinen Heimathorst in Wasungen vermutlich nie wieder sehen.

Dass es so kommt, davon geht auch Thomas Wey vom BUND-Kreisverband aus: "Höchstwahrscheinlich werden wir unser angestammtes Storchenpaar verlieren. Das ist sehr schade.". Um Lilly ist ihm allerdings nicht bange: "Die Störchin wird sich vermutlich nächstes Jahr einen neuen Partner suchen." 28 Kinder haben Luis und Lilly in Wasungen großgezogen. Die Kinderstube von 2020 nicht mit eingerechnet. Um diese werden sich jetzt engagierte Menschen kümmern. Das heißt aber auch, dass aus ihnen keine Wildtiere werden. In der freien Natur haben sie als Erwachsene Tiere kaum eine Überlebenschance.

Kehren wir nochmal in das Storchennest zurück. Mit dem Ausfall von Luis hatte seine Frau Lilly ein echtes Problem. "Die Storcheneltern wechseln sich bei der Futtersuche ab, ein Elternteil bleibt bis zum Alter von vier Wochen stets bei den Kleinen, um sie vor Wind, Wetter und auch Feinden zu schützen", erklärt Thomas Wey. Die ursprünglich vier Küken sind zwischen dem 21. und 24. April geschlüpft, also aktuell keine drei Wochen alt und damit noch sehr klein und kraftlos wie Babys. Von den vier Geschwistern hat eines diese schwierige Entwicklungsphase nicht überstanden. Es ist gestern am Fuße des Schlotes gefunden worden. Wann und wie es aus dem Nest stürzte, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Vieles deutet darauf hin, dass dies aber bereits vor dem Unfall am Mittwoch geschah.

Dem Tod geweiht waren auch die anderen drei Küken. Durch den Ausfall des Vaters konnte die Mutter den Horst eigentlich nicht mehr verlassen. Sie fühlt sich vorsorglich an ihren Nachwuchs gebunden. Das hätte über kurz oder lang den Hungertod für die kleinen Störche bedeutet. Einzige Lösung war, sie aus dem Horst zu holen und in menschliche Pflege zu nehmen. Das geschah gestern in einer aufwendigen Aktion, die von interessierten Bürgern verfolgt wurde.

Thomas Wey und Thomas Kästner, Bürgermeister der Stadt Wasungen, kümmerten sich um ein entsprechendes Fahrzeug und fanden mit der Walldorfer Dachdeckerfirma Forch einen Retter in der Not. Juniorchef Tino Forch zog am Nachmittag einen Kran von einer Baustelle ab und fuhr in die Fachwerkstadt, um zusammen mit dem Leiter des städtischen Bauhofes, Matthias Kämpf, die Jungtiere auf die Erde zu holen.

Ruhig, fast reglos

Die ganze Sache lief problemlos und ging relativ schnell. Als der Korb nach oben gleitete, verließ Lilly den Horst und sie leistete auch keinen Widerstand, als ihre Jungtiere entnommen wurden. Die drei Kleinen verhielten sich dabei völlig ruhig, fast reglos. Am Boden angekommen sind sie von Mitarbeitern des Meininger Tierschutzvereins erst einmal mit Flüssigkeit versorgt worden. Seit mehr als 24 Stunden hatten sie nichts mehr zu sich genommen. Anschließend brachten sie die Meininger Tierfreunde in die Wildvogelstation Sandberg bei Bad Neustadt.

Nicht mit umgezogen ist Mutter Lilly. "In der Nähe von Menschen werden Störche schnell auf diese geprägt und würden als Wildtiere in der freien Natur dann nicht mehr zurechtkommen", weiß Wey. Für sie sollte die Welt jetzt auch wieder in Ordnung sein. Mit der Entnahme der Kinder schenkte man Lilly eine Zukunft. Das Storchenweibchen wird ihr Nest, jetzt, wo es leer ist, wieder verlassen, auf Futtersuche gehen und für das eigene Dasein und Wohlbefinden sorgen. Die Fachleute gehen davon aus, dass sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben wird.

Am Ende des Tages, nach gelungener Storchrettung, ist vielen Tierfreunden ein Stein vom Herzen gefallen. Auch Wasungens Bürgermeister, der sich gestern ohne Wenn und Aber darum bemühte, den Nachwuchs aus dem Nest zu holen. Leicht war dies nicht. Die neue Drehleiter der Wasunger Feuerwehr beispielsweise ist für einen solchen Einsatz zu kurz. Kästner war deshalb froh, als er mit der Firma Forch in der Kürze der Zeit ein Unternehmen fand, welches Hilfe zusagte. Er war es auch, der mit Blick auf die Aktion das Einvernehmen mit der Unteren Naturschutzbehörde sowie mit dem ehrenamtlichen Storchenobmann Thüringens, Klaus Schmidt, herstellte. tih/ob

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Veröffentlicht am:
07. 05. 2020
20:20 Uhr

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07. 05. 2020
20:20 Uhr



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