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Meiningen

Hund in Not: Ein Schutzengel für Kopernikus

Wie reagiert und hilft man richtig, wenn sich ein Tier in einer Notlage befindet? Eine Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt.



Kopernikus nach der ersten ärztlichen Versorgung, schon wieder auf den Beinen. Kein Wunder: Herrchen ist da, um ihn nach Hause zu holen. Fotos: privat
Kopernikus nach der ersten ärztlichen Versorgung, schon wieder auf den Beinen. Kein Wunder: Herrchen ist da, um ihn nach Hause zu holen. Fotos: privat   » zu den Bildern

Meiningen/Einhausen - Was tun, wenn man ein Tier findet, das in eine Notlage geraten, verletzt oder entlaufen ist? Unbedingt helfen! Das aber ist manchmal leichter gesagt, als getan, musste Marion Jung-Schindler aus Hildburghausen/Gut Friedenthal, erfahren. Sie war vor einiger Zeit - am Pfingstmontag, also einem Feiertag - auf der B 89 unterwegs, als sie vor ihren Augen, auf der Fahrbahn, einen angefahrenen, reglosen Hund liegen sah. Sie schildert dem Meininger Tageblatt in einem Brief ihre Erlebnisse:

Angehalten, um zu helfen

"Die Polizei - dein Freund und Helfer? Es sei denn man ist ein verletzter kleiner Hund", beginnt die Hildburhäuserin. "Pfingstmontag, 9.10 Uhr, unter der Autobahnbrücke Nähe Einhausen/ Meiningen. Auf der Fahrbahn liegt ein Tier, ein kleiner Hund. Ich wende, um zu helfen, und sehe, dass noch ein weiterer Hund die Fahrbahn wieder und wieder überquert. Ich versuche, den Verkehr auszubremsen und verständige die Meininger Polizei. Eine gefühlte Ewigkeit später rufe ich erneut die Polizei an, um mich zu vergewissern, dass sie auch kommt. Mittlerweile wurde der zweite Hund von jemandem eingefangen. Inzwischen ist der tot geglaubte kleine Hund aufgestanden, blutet heftig aus dem Maul und kann nicht laufen. Ich trage ihn an die Seite. Wieder später kommen zwei Beamte mit Blaulicht. Die Tierklinik Obermaßfeld liegt in unmittelbarer Nähe. Ich gehe davon aus, dass die Beamten den Hund einladen und schnellstmöglich dahin bringen. Falsch! Das Tier an sich spielt keine Rolle, Mitgefühl Fehlanzeige. Die Feuerwehr sei für die Rettung zuständig, heißt es. Nach wie vor halte ich den Hund und beruhige ihn, während der Feuerwehreinsatz leider nicht zustande kommen kann, weil es nicht mehr im Einzugsbereich der Feuerwehr Meiningen liegt. Wiederholt biete ich mich an, den Hund hinten in meinem Pick-up in die Klinik zu fahren. Allerdings müsste einer der Beamten beim Hund sitzen, um ihn zu beruhigen und festzuhalten. Wieder Fehlanzeige, die Polizisten wollen nicht gebissen werden und fassen deswegen den Hund auch nicht an. Zuguterletzt, ich sitze schon eine Stunde bei dem armen Hund, trage ich ihn den Polizisten ins Auto und hoffe, dass er noch lebend ans Ziel kommt."

Rettung oder Dienstweg?

Die Tierfreundin schließt ihren Brief mit den Worten: "Wo bleibt da die Menschlichkeit? Vordergründig ist doch schnellstmöglichst so eine armes kleines Wesen zu retten, zumal die Tierklinik auch noch so nah war. Nein, der Dienstweg muss eingehalten werden, obwohl sie letztlich doch den Hund dank meiner Hilfe dorthin bringen mussten. Ein Feuerwehreinsatz zum Transport eines verunglückten Dackels? Jeder annähernd tierliebe Mensch muss genau wie ich entsetzt sein über diesen Einsatz und so viel Herzlosigkeit."

Glück im Unglück

Die Geschichte des kleinen Dackelmannes ging nun in Abwesenheit der Retterin weiter und hatte zum Glück ein gutes Ende. Kopernikus, so heißt der Unglücksrabe, wurde von der Polizei in die diensthabende Tierarztpraxis nach Meiningen gebracht und versorgt. Der Dackel hatte eine Verwundung auf dem Kopf und erbrach sich, wohl infolge seiner Gehirnerschütterung. Danach gaben die Polizeibeamten - dem Empfinden der Mitarbeiter nach auch fürsorglich - das Hündchen in der Meininger Tierauffangstation ab.

Behutsam wurde der kleine unbekannte Patient, der erst einmal den Namen Klaus bekam und noch immer nicht laufen wollte, von den Mitarbeitern der Station in einer Schale ins Welpenhaus getragen, um ihn dort zu lagern und seine Chipnummer auszulesen. Die Fundanzeige veröffentlichte der Tierschutzverein umgehend bei Facebook. Und tatsächlich fand sich am selben Nachmittag noch der überaus erleichterte Besitzer in der Tierherberge ein, um seinen vermissten Hund abzuholen.

Der Dackel hatte beim Spazierengehen mit seiner Hundefreundin Laika in Einhausen eine Katze gesehen und war seinem Jagdtrieb gefolgt. An die vielbefahrene Bundesstraße verschwendete er dabei keinen Gedanken. Laika (die später in ihrer Verzweiflung immer wieder über die Straße rannte) war ihm gefolgt und musste mit ansehen, wie ihr Kumpel "unter die Räder" kam. Ein weiteres traumatisches Erlebnis für die beiden ursprünglich aus einer ungarischen Tötungsstation geretteten Hunde ... Doch der vierjährige Kopernikus hatte zum Glück einen Schutzengel. Er erlitt keine schlimmeren Verletzungen und war bald wieder auf den Beinen. Sein Herrchen, das bis zu dem Brief von Marion Schindler-Jung gar nicht wusste, was seinem Hund widerfahren war, ging am Tag nach dem Unglück noch einmal zum Tierarzt mit dem Ausreißer. Vom Schock, der dem Dackel noch längere Zeit danach in den Knochen steckte, abgesehen, gab es nichts Auffälliges. Hoffentlich wird ihm das eine Lehre sein, nicht wieder auszubüxen und vor allem die vielbefahrene Straße zu meiden.

Dank an die Retterin

Von ganzem Herzen möchte sich Kopernikus’ Herrchen bei der Tierfreundin aus Hildburghausen bedanken, ohne deren Einsatz das Tier über kurz oder lang an jenem Tag von weiteren Autos überrollt worden wäre. "Wir wussten nichts von dem Unfall, sind unter diesen Umständen aber unglaublich dankbar, dass sich jemand um unseren Hund gekümmert hat. Ich habe stundenlang nach ihm gesucht, wäre aber nicht auf die Idee gekommen, dass er bis zur Bundesstraße gelaufen ist. Im Nachgang bin ich sehr, sehr froh, dass es so glimpflich abgelaufen ist, dass sich jemand gefunden hat, der geholfen hat. Nicht für alle ist das selbstverständlich. Ich hätte es aber genauso gemacht. Man denkt nicht lange nach, wenn ein Tier in Not ist und man etwas für Tiere übrig hat", meint der Besitzer.

Nicht alles ist geregelt

Warum aber lief die Rettung des kleinen Dackels nach den Schilderungen von Marion Jung-Schindler, die damals selbst ein frisch operiertes Tier in ihrem Auto hatte, überhaupt so bürokratisch an? Tatsächlich gibt es für Fundtiere Absprachen zwischen den Behörden und der vom Tierschutzverein betriebenen Tierauffangstation über die Zuständigkeiten zu konkreten Zeiten und zu den Tierarten. Wegen personellen Veränderungen in den Behörden sind diese Zuständigkeiten denen, die nun am Telefon Hilfe organisieren müssten, aber nicht immer klar. Zum anderen gibt es tatsächlich Zeiten, die man als Vakuum bezeichnen könnte. Doch da mal abgesehen: Wenn ein Tier tatsächlich verletzt oder gar in Lebensgefahr ist, sollte man als Helfer und Tierfreund am besten sofort den Weg zum Tierarzt einschlagen. Alles andere lässt sich auch nachträglich regeln.

Bei Fundtieren, wie Hunden, die frei herumlaufen oder Katzen, die sich aus einer Notlage nicht selbst befreien kann, gibt es behördliche Abmachungen. An Feiertagen, am Wochenende, des Nachts sowie außerhalb der Bereitschaftszeiten der Tierauffangstation (sie hat behördliche Rufbereitschaft wochentags von 7 bis 15 Uhr unter (03693) 47 84 60) ist in einem Tiernotfall die Leitstelle, (03693) 88 60 00, zu informieren, die alles Weitere veranlasst. Erster Ansprechpartner wäre für die Leitstelle - jedenfalls bei Haustieren - das jeweilige Ordnungsamt, das aber meist selbst keinen Dienst mehr hat. Eine Bereitschaftsdienstregelung mit den kommunalen Ordnungsämtern im Landkreis kam bisher nicht zustande. Deshalb wird zu den genannten Zeiten normalerweise die Polizei kontaktiert. Die ist grundsätzlich für die "Gefahrenabwehr" zuständig. Wörtlich genommen also nur, wenn vom Tier eine Gefahr ausgeht. Trotzdem bleibt am Ende meist nur der Kontakt zur Polizei. Ein Hilfesuchender könnte somit auch gleich dort anrufen unter (03693) 59 10.

Nur für Meiningen, seine Ortsteile und die erfüllten Gemeinden gibt es eine Sonderregelung: Hier wird - auch wenn das eher ungewöhnlich ist und deshalb Marion Jung-Schindler verwunderte - tatsächlich die Feuerwache Helba informiert, weil diese Kameraden speziell für Tierrettungseinsätze ausgebildet wurden.

Guter Wille

Die Polizei allerdings befindet sich in einem echten Dilemma. Werden zu den "unchristlichen" Zeiten streunende oder verletzte Tiere gefunden, sollte sie ausrücken, so ist im Landkreis vereinbart. Zum einen verlangt aber die dünne Personaldecke oft ganz andere Prioritäten. Zum anderen besteht ein Transportproblem. "Es gibt eine innerdienstliche Weisung, wonach Streifenwagen nicht für den Transport von Tieren da sind. Nur mit entsprechenden Halteeinrichtungen, die aber nicht vorhanden sind", weist Polizeioberrat Jörn Durst hin, der stellvertretende Leiter der Landespolizeiinspektion Suhl und langjährige Leiter der Meininger Polizeiinspektion. Auch haben die Polizisten keine Erfahrungen im Umgang mit unter Umständen aggressiven Tieren. Fahrzeuge könnten verschmutzt und beschädigt, Polizeibeamte verletzt werden. Aus gutem Willen würden die Polizisten trotzdem immer wieder Tiere mitnehmen, weiß Jörn Durst. "Den Vorwurf an unsere Beamten kann ich nur bedingt nachvollziehen, zumal sie den Hund ja zum Tierarzt gebracht haben. Auch Empathie kann man nicht von jedem gleichermaßen erwarten. Unsere Beamten sind vielleicht, was solche Situationen angeht, etwas abgehärteter", wirbt Jörn Durst um Verständnis.

Keine Lösung im Landkreis

Er macht auf das eigentliche Problem aufmerksam: "Tatsächlich gibt es für den Landkreis außerhalb von Meiningen keine Lösung in solchen Fällen. Das ginge nur über eine Bereitschaft des Landratsamts und der Ordnungsämter. Hier gibt es Gesprächsbedarf", macht der stellvertretende Landes-PI-Chef deutlich. "Vor Ort geht ja von Fundtieren nicht unbedingt eine Gefahr aus. Es sei denn, es ist eine Straße in der Nähe. Und wir sind eigentlich nur für konkrete Gefahren zuständig." Liege keine vor, habe jeder vor Ort auch eine gewisse persönliche Verpflichtung, etwas zur Rettung des Tieres zu tun. "Klar ist: Einem verletzten Tier muss geholfen werden. Hier wäre zuallererst das Veterinäramt zuständig - in großen Städten ist das auch so. Eigentlich kann ja auch nur ein Tierarzt richtig einschätzen, was das Tier braucht. Die Polizeibeamten können im Grunde gar nicht helfen, bemühen sich aber trotzdem um eine Lösung", nimmt Jörn Durst seine Kollegen in Schutz. "Das ist ein ganz schwieriges Feld."

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Antje Kanzler
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Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
07:42 Uhr

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Antje Kanzler

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Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
07:42 Uhr



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