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Feuilleton

Sehnsucht nach Sinn

An diesem Sonntag, wird der große Filmkünstler, der Regisseur und Schauspieler Clint Eastwood 90 Jahre alt. Eine Hommage zum Geburtstag.



Clint Eastwood
Clint Eastwood 2013 in New York.   Foto: Peter Foley

"Walt", sagt der Priester, "Sie müssen beichten." Doch Walt Kowalski will nicht beichten, will nicht Vergebung erlangen von diesem Kindskopf. Aber Clint Eastwood will es von seinem Publikum. Walt Kowalski war in Korea und weiß, dass der Tod nicht bitter-süß ist. Und Clint Eastwood, sagt er, weiß es auch. Er benötigt keine Kirche, nur einen Film. Der alte Walt Kowalski liebt seinen alten Hund und seinen alten Gran Torino. Sonst liebt er nichts. Und schon gar nicht die Nachbarn, lauter Asiaten, lauter Hundefresser. Doch die Hundefresser sind erstklassige Köche und der biestige alte Mann lässt sich von den dankbaren Nachbarn überreden. Dann wird Tao, der Junge vom nebenan, von einer Gang zusammengeschlagen, dann wird Sue, seine Schwester, brutal gequält. "Ich bin jemand, der die Dinge zu Ende bringt" sagt Walt Kowalski. Und tut es. Es war, als wolle der da 78-jährige Eastwood die Summe aller seiner Filme ziehen.

Er hat den Kopf riskiert für eine Handvoll Dollar, und wenn er westwärts zog mit dem Wind, so blieb er "Der Fremde ohne Namen". Er machte die schmutzige Arbeit auf den Straßen von San Francisco und als er begriff, wie "Erbarmungslos" leer seine Jobs waren, so wurde er müde. So gewöhnte er sich, wo immer er war, in der Einsamkeit zu sein. So kam er eines Tages nach Madison County, Iowa und fotografierte "Die Brücke am Fluss" und hätte mit Meryl Streep beinahe das Glück des Lebens gefunden. Aber das gibt es nicht für diesen Mann.

Ein seltsamer Glücksfall

Der Mann hatte schon viele Namen. Er war der bleiche Reiter, der seinen Job machte "Für eine Handvoll Dollar" er war der schmutzige Cop in San Francisco, den sie deshalb "Dirty Harry" nannten. Irgendwann wurde er älter. Für die meisten starken Männer ist das ein Problem. Für Clint Eastwood war es ein Glück. Als er in die Jahre kam, in dem solche Geschichten gemeinhin aufzuhören pflegen, da erzählte er sie einfach weiter. Nicht, indem er sein Alter verbarg: Indem er es herzeigte. Als die geriatrische Crew der "Space Cowboys" (2000), die die Erde retten soll, in einer Talkshow ist, da fragt der Moderator, ob sie gedient hätten. Gewiss. Und, fragt er weiter, bei den Nord- oder den Südstaaten? So viel Selbstironie, so viel melancholische Heiterkeit muss man haben und können.

Es ist ein seltener Glücksfall für das Kino, wie Clint Eastwood, als Regisseur und Schauspieler, seine Figuren in der Konsequenz einer fiktiven Biografie zu entwickeln scheint. Von Sergio Leones kaltem Revolvermann mit aufreizender Lässigkeit und Don Siegels schmutzigem Polizisten führte er seine fiktive Figur, den einsamen Wolf, in die Krise: "Erbarmungslos" ist das Ende, trügerisch "Die zweite Chance".

Es gibt keinen anderen Filmkünstler, der sein eigenes Image, sein Altern so thematisiert, so zum beherrschenden Sujet macht, dass daraus ein Alterswerk entsteht. Clint Eastwood schrieb über die Jahre hinweg die Biografie einer imaginären Figur fort, die die Summe ist aus diesen Männern, die in der Einsamkeit leben und töten. Und je älter diese Figur wird, umso problematischer wird sie sich selbst, umso mehr mengt sich eine Sehnsucht in ihre Einsamkeit, eine Sehnsucht nach Sinn, nach Nähe und Menschen.

Dieses reflexive Filmen begann 1992 mit dem Spätwestern "Erbarmungslos", für den er den Regie-Oscar erhielt und die Auszeichnung als bester Film, für "Million Dollar Baby" (2004) gab es vier Oscars. Der alte Boxtrainer Frankie tötete noch einmal auf Verlangen, aus Barmherzigkeit. Der alte Koreaveteran Walt mag überhaupt nicht mehr töten.

Alles ist auch ein Spiel

"Gran Torino" war nicht einmal für den Oscar nominiert und ist doch der wunderbare Film eines wunderbaren Schauspielers und Regisseurs. Walt half denen, die Hilfe benötigen, indem er sich selbst als Opfer darbrachte. Einmal im Leben, an sei-nem Ende, einen Sinn erkennen. Natürlich ist das auch ein Spiel, natürlich schreibt Eastwood die moralische Biografie seiner Figuren auch fort mit Kalkül, natürlich ist das auch ein amerikanisches Ende mit Pathos. Aber es ist faszinierend, wie dieser Künstler seine Figuren, den Schauspieler und den Regisseur mit minimalen Mitteln zu einer wunderbaren Trinität fügt. Ja, das ist ein Meister.

Autor

Henryk Goldberg
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 05. 2020
08:23 Uhr

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30. 05. 2020
08:23 Uhr



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