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In Zeiten wie diesen

Im Home-Labor

Wie hieß es einst? "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" - die Losung hatte Walter Ulbricht Ende der Fünfzigerjahre ausgegeben, um damit ein gigantisches Chemie-Programm in Leuna, Buna oder Bitterfeld durchzuziehen.



Wie hieß es einst? "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" - die Losung hatte Walter Ulbricht Ende der Fünfzigerjahre ausgegeben, um damit ein gigantisches Chemie-Programm in Leuna, Buna oder Bitterfeld durchzuziehen. Das hatte Folgen: "Wolpryla" zum Beispiel, Plaste und Elaste oder Orwo-Film. Kleiner Nebeneffekt: Chemie wurde auch in der Schule groß geschrieben - was mir, zugegebenermaßen, großen Spaß machte. Die Chemie-Bücher waren dick und bunt, für pfiffige Tüftler gab es nicht nur die Messe der Meister von Morgen, sondern auch das praktische Heim-Laboratorium in Baukastenform. Ich erinnere mich an Reagenzgläser, Lackmuspapier, Messbecher und Pipetten-Fläschchen, an die illustre Rechnerei mit Mol und Co in chemischen Gleichungen und das Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniak-Synthese - mein Prüfungsthema.

Eines habe ich allerdings total verpennt: Die Herstellung von Desinfektionsmitteln. Darum ging es, soweit ich mich erinnere, im Chemieunterricht nie. Nicht mal Seife war ein Thema. Vorgestern kramte ich in der Apotheke nach derartigen Erinnerungen, als eine miesepetrig gelaunte Frau am Tresen neben mir die Apothekerin mit den Worten "Desinfektionsmittel haben sie wohl nicht?" anschauzte. Noch vor dem erwarteten "Nein" entfaltete sie einen Zettel, um sich nach der Verfügbarkeit von "Isopropanol", "Glycerol" und Wasserstoffperoxid zu erkundigen. Oho, dachte ich, da hat wohl jemand gegoogelt, um sich sozusagen nicht ins Home-Office, sondern ins Home-Labor zu begeben. Und ganz offenbar jemand, der in Chemie keine große Leuchte war. Sonst hätte er ganz einfach Alkohol und Glycerin verlangt, was im Grunde ja das gleiche ist. Tja, selbst in Krisenzeiten zahlt sich der Chemieunterricht eben aus.

Glycerin ist dem Virus nämlich scheißegal. Es soll nur die Hände vor dem Austrocknen schützen. Und bei Wasserstoffperoxid japsen höchstens die Bakterien. Viren dagegen vertragen keinen Alkohol. Also Eierlikör schon, aber nichts Hochprozentiges. Primasprit, "Stroh"-Rum und so was. 60 Promille aufwärts tötet. Aber - ganz wichtig - äußerlich anwenden! Es braucht also gar kein Labor. Wusste vermutlich auch Ulbricht. Sonst hätte er in seiner Losung auch noch "Gesundheit" untergebracht. Und Alkohol iss ja streng genommen gar keine Chemie. Peter Lauterbach

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Veröffentlicht am:
23. 03. 2020
00:00 Uhr

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23. 03. 2020
00:00 Uhr



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