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In Zeiten wie diesen

Die Renaissance der Schlange

Die Katastrophen nehmen einfach kein Ende: Erst ist der Spielplatz gesperrt. Dann muss man neuerdings Schlange stehen. Und womöglich - im Norden ist es ja schon so - macht auch noch der Baumarkt seine Schotten dicht. Seht, das Ende ist nahe! Und die halbe Menschheit schreit Zeter und Mordio.



Die Katastrophen nehmen einfach kein Ende: Erst ist der Spielplatz gesperrt. Dann muss man neuerdings Schlange stehen. Und womöglich - im Norden ist es ja schon so - macht auch noch der Baumarkt seine Schotten dicht. Seht, das Ende ist nahe! Und die halbe Menschheit schreit Zeter und Mordio.

Meine Mutter pflegt dazu regelmäßig einen trockenen Kommentar von sich zu geben: "Die haben doch alle noch keinen Krieg erlebt!" Sie weiß, wie sich echte Not anfühlt: Sie reiste 1946 mit dem Flüchtlingstreck, weil die Deutschen aus dem Osten rausgeschmissen wurden. Ich hab auch noch keinen Krieg erlebt. Höchstens DDR. Und da mangelte es ja auch immer an allem - trotzdem fühlte ich mich da nie so, als wäre ich arm dran. Nun frage ich mich, warum das heute so mancher um mich herum vergessen hat.

Ich kann ich nicht erinnern, auf einem Spielplatz groß geworden zu sein. Das einzige Spielgerät, das es in meinem Dorf gab, war eine Art Kletterturm mit rundem, roten Dach, der aussah wie ein zu groß geratener Fliegenpilz. Die Eisenrohre hatte jemand bunt angestrichen, das Dach besaß weiße Punkte. Geklettert bin ich dort nie. Und auch sonst trieben sich dort keine Eltern mit ihren Kindern rum. Ein jeder hatte zu Hause genug zu tun. Ich spielte am Fluss hinter meinem Haus, baute kleine Staudämme aus Steinen oder schleppte Wasser für den Garten hoch. Es gab einen kleinen Haufen Sand. Hinter dem Haus stand ein Haselnussbaum zum Klettern. Und nein, ich bin nie runter gefallen.

Gestern wurde mir im Supermarkt meines Vertrauens ein Einkaufswagen zugeteilt. "Frisch desinfiziert", sagte die Verkäuferin. Und abgezählt. Man muss zu allem und jeden Abstand halten. Und drei Minuten warten, bis wieder ein freier Wagen aus dem Geschäft kommt. Die einen nehmen das gelassen. Andere laufen rot an und haben es eilig. Mein Gott, wie oft habe ich früher irgendwo angestanden? Ohne Handy zum rumdillern übrigens. Allein die Samstagvormittags-Brötchen aus der Dorfbäckerei dauerten mitunter eine dreiwiertel Stunde. Die Leute standen aus dem Laden bis auf die Straße raus. Bekommen hat immer jeder was. Nur halt nicht alle gleichzeitig.

Wer zu Hause bleiben muss, dem wird‘s gerade langweilig. Er möchte einfach etwas tun. Klar, verstehe ich. Aber muss man deswegen den Virus herausfordern und jeden Tag in den Baumarkt fahren um sich dort in aller Ruhe anzuschauen, welche neuen Kreissägen und Bohrhämmer es gibt? Als wäre ein Überleben ohne Baumarkt nicht mehr möglich. Früher gab es überhaupt keine Baumärkte - schon vergessen? Sondern, wenn es hoch kommt, eine BHG (Bäuerliche Handels-Genossenschaft), in der man Holzrechen, Kohlen-Zangen und Taubenfutter kaufen konnte. Im "1000 kleine Dinge" gab es Schrauben, Schrubber, Garderobenhaken und Bohrmaschinen. Zement gab es nirgends, auch kein Holzparkett, keine Heizkörper, Alu-Dachrinnen oder Gipskartonplatten. Ich möchte diese Zeit nicht wieder haben. Aber wird es mögloich sein, ein paar Tage ohne alledem auszukommen?

Übrigens haben die Baumärkte ja wegen Tierfutter offen - hauptsächlich. Ich gönne jedem Händler sein Geschäft, aber ich kann mich nicht erinnern, dass Katzen früher aus der Dose ernährt wurden. Die bekamen Schälchen mit Milch, denen wurden Butter- und Leberwurstbrote geschmiert, und es fiel immer was vom Küchentisch ab. Auch das war also möglich. Insofern geht die Welt nicht unter. Höchstens, dass man von der ein oder anderen geliebten Bequemlichkeit einmal Abstand nehmen muss. Das ist nicht zu viel verlangt. Die wirklichen Probleme, fürchte ich, die kommen erst noch.

Peter Lauterbach

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Veröffentlicht am:
26. 03. 2020
00:00 Uhr

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26. 03. 2020
00:00 Uhr



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