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Bad Salzungen

Plastikmüll: Globales Problem - doch jeder kann etwas tun

Fast sieben Wochen Plastik-Fasten sind vorbei. Und das Ende ist zugleich ein Anfang. Denn der Versuch war inspirierend - und es wird, auch nach der Kolumne, freiwillig weitergehen.



Sogar in Wohngebieten der ärmeren Bevölkerung landet der Plastikmüll - längst ein globales Problem.
Sogar in Wohngebieten der ärmeren Bevölkerung landet der Plastikmüll - längst ein globales Problem.   » zu den Bildern

Bad Salzungen - Sie sind tatsächlich vorüber! Fast sieben Wochen waren es, nun ist die Fastenzeit seit vergangenem Wochenende passé. Und mit ihr auch das Plastik-Fasten-Experiment. Sollte man meinen. Aber das Allererste, das es nach wochenlangem Kunststoffverzicht festzuhalten gilt, ist: Der Versuch war sehr inspirierend und es wird weitergehen. Zwar gewiss mit ein paar mehr Ausnahmen, dafür aber ganz ohne Zwang und Leiden und stattdessen mit einem guten Gewissen sowie dem Gefühl, dass man tatsächlich eine Menge verändern kann. Weil es zu einem sehr großen Teil eigentlich auch gar nicht so schwer ist.

Was bleibt noch zurück von dem Plastik-Fasten-Versuch? Zuerst einmal die Fakten: Die durchschnittliche Einkaufszeit für Lebensmittel hat sich von zwanzig Minuten auf eine Dreiviertelstunde erhöht. Mal schnell in den Laden gehen und noch ein paar Dinge greifen - das ging nicht mehr so einfach. Stattdessen hieß es: Länger nach Alternativen suchen, in einen weiteren Laden gehen oder ganz verzichten. Aber: Dafür wurde an sechs Tagen die Woche selbst gekocht oder Essen frisch zubereitet. Anzahl der Fertigspeisen in dieser Zeit? Null. Und: Nur zwei kleine Mülleimer-Füllungen sind in den Fastenwochen in die Tonne gewandert - statt der sonst üblichen sechs oder sogar mehr.

Ja - ganz ohne Plastik ging es manchmal eben doch nicht. Auch das ist eine Erkenntnis. In der letzten Woche war der Abfluss des Waschbeckens verstopft. Was also tun? Es gab auf die Schnelle keine Alternative und in dem Fall musste es schließlich das Rohrfrei aus der Plastikflasche tun. Das war dann aber auch völlig in Ordnung. Denn es ging beim Fasten ja nicht darum, dogmatisch auf alles zu verzichten, sondern das Bewusstsein zu erhöhen: Dafür, wo es überhaupt überall Plastik im Alltag gibt, und um zu erkennen, wo man es nicht unbedingt braucht.

Dafür gab es zuletzt genug einprägsame und abschreckende Beispiele. Und dabei geht es nicht nur um Supermarkt-Gemüse, bei dem die Plastikfolie längst zur Mode geworden ist und immer häufiger verwendet wird, um Frische und Sauberkeit zu suggerieren - wenngleich Kritiker deren Nutzen in Zweifel ziehen. Es gibt daneben noch ganz andere Beispiele, vor allem, was das "versteckte" Plastik angeht. Etwa im Gurkenglas. Dort wird mitunter ein kleines Kunststoffsieb beigegeben, um die letzten Gürkchen "einfacher herausheben" zu können. Wer braucht das, wenn er wie gewohnt mit einer Gabel hineinlangen und das Gemüse einfach aufspießen kann? Wer hat diese Form der Bequemlichkeit nötig? Besonders schlimm auch: Eine Kaffeefirma verkauft ihre Kaffeepads - kleine portionierte Filterbeutel für entsprechende Maschinen - in einer Hunderterpackung. Und alle darin sind noch einmal einzeln in Plastik gehüllt. Dass die Einzelpackung die Ware frisch hält, kann angesichts des Verpackungsmülls hier längst kein Argument mehr sein. Es ist schlicht absurd.

Das wohl erschreckendste Beispiel dafür gab es in Indonesien, allerdings schon im vergangenen Jahr: Eine Einzel-Banane zum Mitnehmen - in einer Plastikverpackung. Dieses Beispiel ist zwar weit weg, aber es zeigt zugleich, dass das Plastikproblem ein globales ist, an dem wir unseren Anteil haben. Deutschland exportiert nach Angaben des Naturschutzbundes (NABU) jährlich gut eine Million Tonnen Plastikabfälle - etwa ein Sechstel des insgesamt in Deutschland erzeugten Plastikmülls. China war lange Hauptabnehmer für den Plastikabfall, zu dem auch Recyclingmaterial in der gelben Tonne gehört, vor einigen Jahren hat das Land jedoch einen Aufnahmestopp verhängt. Malaysia gilt seitdem als Hauptabnehmer für deutschen Plastikmüll. Auch in Indien, Indonesien und Vietnam landet dieser; die ost- und südosteuropäischen Länder nehmen an Bedeutung für deutsche Plastikmüllexporte ebenfalls zu. So haben laut NABU Ausfuhren nach Tschechien (plus 48 Prozent gegenüber 2018), Bulgarien (plus 80 Prozent), Rumänien (plus 200 Prozent) und Slowenien (plus 60 Prozent) 2019 deutlich zugenommen. Überall dort wird der Müll zur Belastung für Umwelt und Menschen, weil er verbrannt, eingelagert oder sogar in Wohngebieten der ärmeren Bevölkerungsteile abgeladen wird, wie Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace zeigen.

Vor allem vor diesem Hintergrund war es interessant, dass der größte Teil der Plastik-Fasten-Zeit von dem nach wie vor alles umfassenden Thema Coronavirus überschattet wurde. Denn dabei gab es ungeahnte Parallelen. Momentan stehen wir vor einer intensiven gesellschaftlichen Debatte, bei der es um Solidarität, gemeinsame Verantwortung und die Rolle jedes Einzelnen beim gesellschaftlichen Miteinander geht. Wie gehen wir angesichts der Corona-Pandemie miteinander um, weil wir andere nicht gefährden wollen? Wie sehr nimmt sich jeder Einzelne zurück zum Wohle der Allgemeinheit. Wie gut schaffen wir es, auf Dinge zu verzichten, weil wir der Allgemeinheit Gutes tun wollen?

Das sind entscheidende Fragen, die wir uns jetzt stellen, weil das Coronavirus uns akut bedroht. Doch diese Fragen sind nicht erst jetzt wichtig. Wir könnten und müssten sie uns seit jeher stets und ständig stellen - allein in Sachen Umwelt und Müll. Wie viel leistet jeder als Beitrag, die Umwelt zu schützen, auch wenn es mal wehtut oder unangenehm ist? Was brauche ich unbedingt und worauf kann ich verzichten, um Plastikmüll einzudämmen? Selbstverständlich liegt es auch an der Industrie, die zuallererst in der Verantwortung ist, nicht unnötig viel Plastik in Umlauf zu bringen und es den Menschen in Form von Coffee-to-go-Bechern schmackhaft zu machen. Aber genauso ist es für jeden Einzelnen möglich, etwas zu tun. Denn wenn das alle zusammen tun und beispielsweise fünf Mülleimer weniger die Woche füllen - das ist die simple Rechnung -, dann kann sich viel zum Positiven ändern.

Autor
Sven Wagner

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Veröffentlicht am:
14. 04. 2020
00:00 Uhr

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Sven Wagner

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14. 04. 2020
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