Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Nachbar-Regionen

Schüler drucken Schutzvisiere gegen Corona

Sogar in Kinderzimmern wird im Kampf gegen die Corona-Pandemie geholfen. In Oberfranken haben sich Schüler zusammengetan, um mit einem speziellen Verfahren Schutzvisiere herzustellen. Ärzte und Pfleger freut's.



Schüler drucken Faceshields am 3D-Drucker
Kulmbach: Der Schüler des Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasiums, Bastian Steinlein, trägt ein von ihm mittels 3D-Drucker angefertigtes Faceshield.   Foto: Nicolas Armer, dpa

Noch schlaftrunken schaltet Josias Neumüller jeden Morgen den Drucker in seinem Kinderzimmer an. Wenn er zu rattern anfängt, riecht es leicht süßlich. Der Druckkopf fährt dann eine Hufeisenform ab, aus einer Düse kommt ein dünner Faden. Etwas mehr als eine Stunde dauert es, dann ist der 3-D-Drucker fertig: Ein Kunststoff-Rahmen für den Kopf, in den eine durchsichtige Folie eingeklemmt wird. Die Schutzvisiere fürs Gesicht sollen vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen. Krankenhäuser, Altenheime oder Pflegedienste brauchen sie.

Vom Aufstehen bis zum Schlafgehen: Der 17-Jährige will so viele Visiere drucken wie irgendwie möglich. «Zwölf Stunden plus pro Tag, das trifft's eigentlich ziemlich gut», meint der Schüler. Er habe längst den Überblick verloren, wie viele er schon gedruckt habe. «Ich denke aber mal irgendwo zwischen 80 und 120.» Das Drucken hat er in der Schule gelernt.

Am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium in Kulmbach wird seit sechs Jahren 3-D-Druck unterrichtet - als Wahlfach oder im Rahmen der Begabtenförderung. Eigentlich drucken die Schüler gerade eine Fräse, erzählt Pysiklehrer Wolfgang Lormes. Doch dann kam die Corona-Krise und Ärzte, Pfleger und Kliniken begannen verzweifelt nach Schutzmaßnahmen vor einer Ansteckung zu suchen.

Seitdem sind der Lehrer und sechs Jugendliche im Dauereinsatz. Oder besser gesagt ihre 13 3-D-Drucker, die sie bei sich zu Hause aufgebaut haben. Manche Schüler hätten sich sogar selbst einen Drucker gekauft, sagt Lormes. Auch bei ihm daheim rattern fünf Stück. «Nach dem Aufstehen mache ich morgens erst die Kaffeemaschine und dann die Drucker an. Dann geht das halt wie beim Brezelnbacken.»

Bis es soweit war, experimentierten die Schüler stundenlang. Anfangs hätten sie sich einfach eine Anleitung aus dem Internet geholt, sagt der Physiklehrer. Aber mit den ersten Prototypen hätte das Klinikum Kulmbach erst einmal wenig anfangen können: Das Visier müsse für den medizinischen Einsatz oben geschlossen sein, es brauche mehr Stabilität und genug Abstand für Brillenträger, so die Rückmeldung.

«Wir haben uns viel darüber ausgetauscht, rumgetüftelt und neu konstruiert und überdacht», erzählt Schüler Bastian Steinlein. In Videokonferenzen jeden Abend. Wie schnell soll der Drucker fahren? Bei welcher Temperatur? Bis auf einen halben Zehntelmillimeter müssen die Einstellungen passen. «Einfach machen und drucken - so leicht ist es halt doch nicht», betont der 16-Jährige, der drei Drucker in Betrieb hat.

Doch die Mühe lohnt sich: Mehr als tausend Visiere haben die Schüler schon kostenlos an Zahnärzte, Logopäden und das Klinikum Kulmbach geliefert. «Bis nach Halle geht das Zeug, von Wolznach bis nach Halle», sagt Wolfgang Lormes nicht ohne Stolz.

Nicht nur in Kulmbach laufen 3-D-Drucker auf Hochtouren: Das Gymnasium Neubiberg beispielsweise produziert Gesichtsschilder für Mediziner, Pfleger und andere systemrelevante Berufstätige. Auch die Hochschulen in Deggendorf, Nürnberg, Ingolstadt, Regensburg, Coburg, Hof und Landshut stellen ähnliche Gesichtsschilder mit dem Drucker her.

Einen Überblick über die Produktion haben nach eigenen Angaben weder das Kultus- noch das Wissenschaftsministerium. Warum werden die Bildungseinrichtungen nicht dazu aufgerufen, Gesichtsschilder zu drucken? Das Wissenschaftsministerium beruft sich auf die Freiheit der Wissenschaft. Es gebe nicht genug Schulen, die technisch dafür ausgerüstet seien, heißt es aus dem Kultusministerium.

Das Landratsamt Bamberg hat trotzdem alle Schulen angeschrieben - drei hätten sich gemeldet, teilte ein Sprecher mit. Die Koordination übernehme das Amt. Etwa 900 Masken habe man schon für Krankenhäuser, Altenheime, Pflegedienste und Arztpraxen gedruckt.

«Vielleicht schützt es nur eine einzige Person, infiziert zu werden», sagt Bastian Steinlein. «Aber die eine Person ist es halt trotzdem.» Man könne ohnehin nur so wenig tun, meint auch Josias Neumüller. Er wolle nicht nur herumsitzen, Abstand halten und Händewaschen. «Es fühlt sich immer alles so passiv an», findet der 17-Jährige. Da sei es «eine coole Sache, helfen zu können - mit einer Sache, die einem selber Spaß macht.»

 

Veröffentlicht am:
18. 05. 2020
08:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arztpraxen Klinikum Kulmbach Krankenhäuser und Kliniken Logopäden Pflegedienste Physiklehrer Schulen Schülerinnen und Schüler Seniorenheime Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Jessica Günther muss auch sich und ihre Mitarbeiter schützen. Weil es immer schwieriger wird Schutzausrüstung zu bekommen, hat sie sich selbst an die Nähmaschine gesetzt und Mundschutze. Foto: Birkner

14.04.2020

Sie bangen um Vorschulkinder, Dauerkunden und die Existenz

Mehr Aufwand, weniger Einkommen und keine Ahnung wie es weiter geht: Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten sind medizinisch notwendig. Nur kommen kaum Patienten. » mehr

Mit einem lachenden und einem weinenden Augen sehen sie ihrem Schulende entgegen: Alexio, Letizia, Tom, Robert (hinten), Leonie, Jo-Ann, Jasmina und Julian ...

14.06.2020

"Mit Abstand die Besten" gehen

24 Regelschüler der Nordschule Steinach trafen sich am Freitagmorgen zum vorerst letzten Mal in den Räumen ihres Schulgebäudes. » mehr

Symbolische Übergabe im Trainingsraum: Dr. Gabriele Lichti (links) gibt ihre Funktion als Chefärztin an Dr. Katharina Blum-Reum ab. Foto: Heiko Matz

29.05.2020

Nachfolgerin selbst ausgesucht

Wechsel an der Spitze des Zentrums für Physikalische und Rehabilitative Medizin des Klinikums Bad Salzungen: Dr. med. Gabriele Lichti geht in den (Teil-) Ruhestand. Dr. med. Katharina Blum-Reum übernimmt die Chefarztstel... » mehr

Das Team im neuen medizinischen Versorgungszentrum in Bad Liebenstein. Noch fehlt ein Augenarzt. "Wir sind aber optimistisch, bis Ende des Jahres jemanden gefunden zu haben", sagt Joris Schikowski (links), Prokurist des Bad Salzunger Klinikums.

30.06.2020

Neues MVZ: Vierte Praxis steht für Augenarzt bereit

Im neuen medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Bad Liebenstein haben drei Mediziner ihre Arbeit aufgenommen. Der Anbau an das Seniorenheim "Parkblick" hat rund 2,7 Millionen Euro gekostet. » mehr

Am Dienstag hält Eberhard Sperling seine letzte Sprechstunde ab. Nach 55 Arbeitsjahren fällt der Abschied schwer. Foto: frankphoto.de

26.06.2020

Ein Urgestein der Medizin geht in den Ruhestand

Am 30. Juni ist der letzte Arbeitstag für Medizinalrat Eberhard Sperling. Der 78-Jährige hätte tatsächlich noch etwas weiter gearbeitet, wären da nicht die neuen digitalen Anforderungen an Ärzte. » mehr

Im Kreistag kündigt das Regiomed-Management eine Machbarkeitsstudie zur Neuausrichtung des Neuhäuser Krankenhauses an. Fs.: Zitzmann (2)/Ittig (2)/Regiomed (1)

15.06.2020

Mit Altersmedizin Neuhaus aufwerten

Eine Zukunft des Neuhäuser Krankenhauses in Verbindung mit einem Gesundheitspark skizzierte der Regiomed-Hauptgeschäftsführer im Kreistag. Im letzten Quartal 2020 will er dem Gremium hierzu ein beschlussreifes Konzept vo... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Verkehrsunfall Oberhof Oberhof

Unfall Oberhof | Oberhof
» 6 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Hildburghausen Hildburghausen

Verkehrsunfall Hildburghausen | 07.07.2020 Hildburghausen
» 11 Bilder ansehen

Motorradunfall Streufdorf Streufdorf

Motorradunfall Streufdorf | 04.07.2020 Streufdorf
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
18. 05. 2020
08:58 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.