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Journalist fälscht Artikel und erzürnt damit auch Coburger

Ein bundesweit mit Preisen überhäufter Autor gibt zu, Artikel gefälscht zu haben. Er verlässt den "Spiegel". Das schlägt nicht nur in der Vestestadt hohe Wellen.



Claas Relotius galt als exzellenter Journalist, der mit Preisen überhäuft wurde. 2014 wurde er zum CNN-Journalisten des Jahres gekürt. Die Laudatio hielt die damalige bayerische Medienministerin Ilse Aigner. Heute steht fest: Relotius hat viele seiner Geschichten manipuliert. Mittlerweile hat er Fälschungen zugegeben. Foto: Ursula Düren/dpa
Claas Relotius galt als exzellenter Journalist, der mit Preisen überhäuft wurde. 2014 wurde er zum CNN-Journalisten des Jahres gekürt. Die Laudatio hielt die damalige bayerische Medienministerin Ilse Aigner. Heute steht fest: Relotius hat viele seiner Geschichten manipuliert. Mittlerweile hat er Fälschungen zugegeben. Foto: Ursula Düren/dpa  

Coburg -Thomas Apfel, Vorsitzender des Medienclubs Coburg, ist tief enttäuscht von Claas Relotius. 2012 hat er den renommierten Coburger Medienpreis für eine Geschichte über eine außergewöhnliche Wohnanlage für demente Menschen im niederländischen Hogewey erhalten. Veröffentlicht worden war sie 2011 in „Zeit Online“: faktenreich, genau beobachtet, brillant formuliert. Aber stimmen die Details, treffen die Fakten zu, die Relotius anführt?

Seit Mittwoch ist das offen. Am Nachmittag teilt das Hamburger Nachrichtenmagazin mit, dass sein mehrfach ausgezeichneter Reporter Claas Relotius im großen Umfang eigene Geschichten manipuliert habe. Der 33-jährige Journalist habe die Fälschungen inzwischen zugegeben und das Haus verlassen. Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte Relotius noch vor wenigen Tagen den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten. Die Juroren würdigten einen Text „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offen lässt, auf welchen Quellen er basiert“. Ullrich Fichtner, von Januar 2019 an Mitglied der „Spiegel“-Chefredaktion, schrieb am Mittwoch, „aber in Wahrheit ist, was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen kann, leider alles offen. Alle Quellen sind trüb. Vieles ist wohl erdacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.“

„Das tut weh, weil Claas Relotius einen ganzen Berufsstand, der sauber arbeitet, in Verruf bringt“, sagt Apfel und verweist auf den Ehrenkodex der Journalisten. Ullrich Fichtner zitiert dazu „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein: „Alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen.“ Das sei Verpflichtung, „Wort für Wort“. Journalismus muss, „anders als Literatur oder Filme, stimmen von A bis Z.“

Das unterstreicht Thomas Apfel, der von einem Ärgernis spricht, dass „ein Scharlatan“ seines Berufsstandes für Wirbel sorgt. Claas Relotius hat nicht nur im „Spiegel“, sondern nach dessen Angaben für viele andere renommierte Zeitungen, Magazine und Online-Portale geschrieben.

Gestolpert ist der 33-Jährige, der bis Mittwoch als journalistisches Idol seiner Generation galt, über einen Bericht, der von einer amerikanischen Bürgerwehr handelt, die entlang der Grenze zu Mexiko Streife läuft. Titel: „Jaegers Grenze“. Eine Aktivistin, die für diese Gruppe die Pressearbeit macht, fragte per E-Mail an, wie Relotius einen Artikel über ihre Organisation verfassen könne, ohne für ein Interview vorbeizukommen. So kommt der Stein ins Rollen.

Zunächst weist Relotius Fälschungsvorwürfe zurück, dann bricht er ein, gibt sie zu, kündigt seinen Vertrag. Claas Relotius habe, so das Nachrichtenmagazin, „schön gemachte Märchen erzählt, wann immer es ihm gefällt. Wahrheit und Lüge gehen in seinen Texten durcheinander, denn manche Geschichten sind nach seinen eigenen Angaben sauber recherchiert und Fake-frei, andere aber komplett erfunden, und wieder andere wenigstens aufgehübscht mit frisierten Zitaten und sonstiger Tatsachenfantasie.“ 

Die Redaktion entschuldigt sich am Mittwoch bei jenen, „der oder die mit falschen Zitaten, erfundenen Details ihres Lebens, in erdachten Szenen, an fiktiven Orten oder sonst in falschen Zusammenhängen in Artikel von Claas Relotius im „Spiegel“  aufgetaucht sein mögen“, bei Lesern und Journalisten, die getäuscht wurden. Die Enthüllung des Autors sei für den „Spiegel“, für seine Redaktion, seine Dokumentationsabteilung, seinen Verlag, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock, alle seien „tief erschüttert“. Dass es Relotius gelingen konnte, „jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der „Spiegel“  in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind“, sagt Fichtner. 

Claas Relotius hat viele getäuscht, auch die Jury des Coburger Medienclubs. Sie setzt sich aus Fachleuten der Branche zusammen. Vorsitzender Thomas Apfel macht keinen Hehl daraus, dass auch er getroffen ist. „Wir müssen den Autorinnen und Autoren, die sich um unseren Preis bewerben, vertrauen können.“ Dass der 33-Jährige dieses journalistische Grundgesetz missachtet hat, sei enttäuschend. Schützen könne man sich aber nur schwerlich, erklärt Apfel: „Wir können die Veröffentlichungen, die wir für preiswürdig halten, nicht nachrecherchieren. Wir können nur an die Moral, das Gewissen und das Berufsethos von Journalistinnen und Journalisten appellieren, dass wahr ist, was sie geschrieben und gesendet haben.“ 
Die „Zeit“-Redaktion überprüft den Artikel „Vertraute Kulisse“, der 2012 mit dem Coburger Medienpreis ausgezeichnet worden ist, auf seinen Wahrheitsgehalt. „Sollte sich dabei herausstellen, dass die preisgekrönte Geschichte unwahr oder in Teilen falsch oder erfunden ist, würde der Vorstand des Medienclubs Coburg Herrn Relotius nach juristischer Prüfung den Coburger Medienpreis aberkennen.“ Das teilt Wolfram Hegen, stellvertretender Vorsitzender des Medienclubs, mit. „Spiegel“-Autor Ullrich Fichtner schreibt, „wo gesungen wird, beginnt bei Relotius in aller Regel das Reich der Fantasie“. Im Artikel „Vertraute Kulisse“, der 2012 in Coburg prämiert wurde, heißt es: „Zum Brummen der Kaffeemaschine erklingen Volkshymnen aus der Anlage, eine Gruppe älterer Herren singt aus vollem Halse mit.“

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Wolfgang Braunschmidt

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Veröffentlicht am:
19. 12. 2018
21:18 Uhr

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Wolfgang Braunschmidt

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19. 12. 2018
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