ILMENAU – Blind, taub und stumm sind die neuen Kollegen, die die Mitarbeiter des Toom-Baumarktes in Erfurt Anfang nächsten Jahres bekommen. Dafür verzichten sie darauf, die Pausen zu überziehen oder anzügliche Witze zu erzählen. Die Neuen sind wirklich seltsame Gesellen. Ihre Gestalt wird beschrieben als „überdimensionale Halmafigur“. Ihr Name ist „Scitos G5“.

Ihre Eltern sind vor allem junge Männer, die als Wirtschaftsingenieure oder Informatiker an der Technischen Universität Ilmenau ausgebildet wurden und jetzt in der Firma Metralabs arbeiten.

Um das Verwirrspiel aufzuklären: Die künftigen Kollegen im Baumarkt sind Roboter, entwickelt und gebaut von Metralabs und Experten der Uni Ilmenau. Zwei Prototypen werden bei Toom bald die Kunden willkommen heißen. Die Roboter sind zwar nach menschlichem Verständnis stumm und taub. Immerhin aber tönt aus den beiden Lautsprechern am etwas lang geratenen „Hals“ eine Stimme. Zurzeit mit einem gewissen polnischen Akzent, doch bis Arbeitsaufnahme soll „Scitos“ (den man „Skeitos“ ausspricht) eine angenehme Frauenstimme erhalten.

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Ohne zu rempeln

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So wie er in gewisser Hinsicht „sprechen“ kann, so kann er auch „sehen“. Sensoren weisen dem Roboter den Weg durch den Baumarkt, der ihm mittels einer elektronischen Karte verinnerlicht wurde. „Wir wollen erreichen, dass er sich die Karte von einem Gebäude selbst erarbeitet“, sagt Informatiker Erik Schaffernicht von Metralabs. Doch das ist Zukunftsmusik.

Die Orientierung der Roboter im Baumarkt – ohne gegen Kunden oder Regale zu rempeln – ist die große Herausforderung für die Ingenieure und Forscher. „Das ist eine wahnsinnig komplizierte Sache“, stöhnt Ingenieurinformatiker Matthias Merten. Nicht etwa mittels Satellitennavigation GPS werden die Maschinen durch den Markt gleiten, sondern dank aufwändiger Rechenprogramme. Diese Software ist das Herzstück und das Innovative von „Scitos“.

Damit können die Roboter etwas leisten, was gewiss die meisten in einem Baumarkt schon einmal vermisst haben. Wer ist nicht schon zwischen den Regalwänden umhergeirrt, auf der Suche nach Dichtungen, Spachtelmasse oder einem Mitarbeiter? Dann soll künftig „Scitos“ bereitstehen und nach einem hingehauchten „Herzlich Willkommen“ den Kunden sozusagen an die Hand nehmen. Der gibt auf einem berührungsempfindlichen Bildschirm ein, was er sucht. Das kann von einem einfachen Begriff bis zu Fragen reichen. Etwa: Was brauche ich zum Tapezieren?

„Scitos“, die Halmafigur mit dem Köpfchen aus Glas, gleitet mit dem Kunden im Schlepptau zu den gewünschten Waren. Weil die Prototypen rund 30 000 Euro teuer sind und selbst die Kleinserie noch 10 000 Euro kosten wird, sollen die Roboter auch zur Gewinnsteigerung beitragen. So könnten sie auf ihren Bildschirmen Sonderangebote offerieren oder mit Anzeigen weitere Begehrlichkeiten bei den Kunden wecken. „Gefahr für die Arbeitsplätze besteht nicht“, versichert Metralabs-Geschäftsführer Andreas Bley. „Toom versteht die Roboter als eine Ergänzung beim Service, weil aufgrund des Kostendrucks nicht mehr Mitarbeiter eingestellt werden können.“

Bley peilt an, anfangs 100 „Scitos“ pro Jahr zu verkaufen. Die Firma muss nun auf eigenen Beinen stehen, weil es in Zukunft keine Fördergelder des Landes mehr gibt, die in die Jahre dauernde Entwicklung flossen. Doch der Markt scheint riesig. In Betracht kommt der Einsatz von Service- und Assistenzrobotern in Märkten, auf Flughäfen und Bahnhöfen und überall dort, wo Menschen Hilfe brauchen. So ist ebenso der Roboter fürs traute Heim denkbar. Klaglos könnte er dort seine Aufgaben erfüllen. Und sei es auch Abwaschen und Saubermachen. EIKE KELLERMANN