Thüringer helfen "Alles andere ist Ehrenamt"

Eine liebenswerte Solidargemeinschaft ist Teil des neuen Lebens in den alten Mauern und Gärten von Schloss Bedheim. Familiäre Herzenswärme hilft Menschen, deren Biografien Achterbahnfahrten waren.

Bedheim - Dass der frühere Großstadtmensch nochmal solche Freude am Werden und Wachsen kleiner Pflänzchen haben würde, hätte er in seinem früheren Dahin-Leben nie gedacht. "Sehen Sie, die Nächte vor den Eisheiligen haben nochmal Gefahr für etliche empfindliche Pflanzen gebracht", sagt Frank.

Wenn der 52-Jährige beim Gärtnern im Mai Katharina von Hackewitz um Rat fragt, geht es aber nicht nur um den grünen Daumen in der seit 1993 wiederbelebten Schlossgärtnerei in Bedheim bei Hildburghausen. Denn Frank kannte schon ganz andere Gefahren als Nachtfröste. Betreutes Wohnen in Familie (BWF) heißt das, was ihn hier an den Rand der Gleichberge gebracht hat: Integration von Menschen mit Hilfebedarf in Gastfamilien.

Als solidarischer und ökologischer Lebens-Garten organisiert, bringt dieser zwar zuerst mal gesunde Bereicherungen für den Speiseplan der rund 20 Schlossbewohner , der mehr als 30 Mit-Gärtner und für die Kunden ökologischer Garten- und Landbau-Erzeugnisse aus der Umgebung.

Doch eben nicht allein das Obst und Gemüse wurzelt, wächst und gedeiht hier.

Zwischen Obstbäumen, Beeten, urigen Sandsteinmauern und kühlen Gewölbekellern der einstigen Schlossbrauerei tut sich eine kleine Welt für sich auf. In dieser hat Frank als trockener Alkoholiker seit 2012 Betreuung und Zuhause gefunden.

Hier Gartenarbeit, Geschnatter von Gänsen. Dort Baumaßnahmen, Pflege und Sanierungen des Schlosses. Mittendrin gedeiht in der Gesamtheit ein besonderes, weltoffenes Zusammenleben der auf unterschiedlichste Weise emsigen Schloss-Akteure. Von der Eigentümerfamilie des alten Barockschlosses um Astrid Rühe von Lilienstern über ein Architekturbüro über ansässige Künstlerstudios, das Gartencafé und Wohnungen bis zu eben dieser Gärtnerei.

Und Frank? "Ich in einem Schloss?" flunkert der über seine Wahlheimat, die ihm seit fünf Jahren ans Herz gewachsen ist. Er war hier, südlich von Hildburghausen, der zweite Gastbewohner im Rahmen betreuten Wohnens, hat seither die Lebens-Garten-Familie in allen Lebensfragen zur Seite. Eine Nähe, eine Wärme, die institutionell so nicht zu leisten wäre, geschweige, zu bezahlen. Rückzugsmöglichkeiten in sein Zimmerchen im Gärtnerei-Haus inclusive.

"Mann oh Mann, so vieles lief bei mir früher aus dem Ruder", resümiert Frank. Und: "Fast 30 Jahre lang hatte bei mir Teufel Alkohol angesagt, wo's lang geht. Dann acht Jahre immer wieder Therapien, um frei zu kommen." Zuletzt habe ihm das Sozialtherapeutische Zentrum für chronisch mehrfach beeinträchtigte, abhängigkeitskranke Menschen in Ilmenau geholfen. "Dort bekam er quasi den Schlüssel, um hier mit uns dauerhaft in sein neues Leben zu kommen" so Katharina von Hackewitz, die Leiterin des Lebens-Gartens. Sie hatte sich nach ihren gärtnerisch-landwirtschaftlichen Wanderjahren durch Europa in Bedheim beworben und ist geblieben.

Frank steht seit 2012 exemplarisch für ein Anliegen, das im Schloss auch Thema eines Symposiums sein wird. "Weil wir durch Tun mit inzwischen zwei familiär Betreuten Ermutigung bekamen, treffen wir gerade letzte Vorbereitungen", sagt Katharina über eine Liste möglicher Sponsoren der Veranstaltung gebeugt.

Gastredner beim Symposium wird Reinhold Eisenhut sein, ein bundesweit geschätzter BWF-Fachmann und Mitglied im Fachausschuss "Betreutes Wohnen in Familien" der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (GGSP). Man ist in Bedheim gespannt auf seine gebündelten Erfahrungen.

Katharina hofft deshalb auf breites Interesse auch von Ämtern, Kassen, Sozialleistungsträgern und auch von Lokalpolitikern. "Ein Tag des Kennenlernens und Begegnens soll der 9. Juni hier werden. Besonders ansprechen wollen wir damit auch mögliche weitere Gastfamilien."

Katharina sagt: "Wir teilen unsere guten Erfahrungen mit dem Meininger Sozialwerk, über das wir auch unseren Frank bekamen." Sie klopft ihm auf die Schultern: "War richtig gut so, Frank."

"... des anderen Last"

Zwei Menschen mit Betreuungsbedarf pro Gastfamilie sind möglich, denn es soll nicht der geringste Hauch von Heim aufkommen.

Alles was damit im Alltag zusammenhängt, der "ja doch 24 Stunden hat", schafft Katharina in ihrer zupackend-liebenswerten Art. Das von Mitstreiterinnen gern genutzte Adjektiv "mütterlich" mag sie nicht so. Zuerst müsse "die Chemie stimmen". Hier muss Vertrauen funktionieren. Gegenseitig.

Familie, wie sie eigentlich sein soll. Mit gutem Rat und Rückenstärkung in vielen Situationen. Mit geteilter Freude, geteiltem Leid, gemeinsamen Lachen. "Bis zur Hilfe bei Behördengängen, großer Wäsche, Hausordnung, Einkaufen, Essenmachen...mal richtig ausheulen können", so Katharina nach Art einer älteren Schwester.

Da solle man "auch abkönnen, einfach mal ein Knäuel an Problemen vor die Füße geworfen zu bekommen", sagt sie bescheiden. Eines, bei dessen Entwirren man an einem Strang zieht.

"Einer trage des anderen Last" hieß ein Defa-Film von 1988. Frei nach dem biblischen Spruch, Galater 6: "... so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. So aber jemand sich lässt dünken, er sei etwas, so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst."

Hat Katharina also ein christlich motiviertes Anliegen?

"Weniger", sagt sie. "Auch wenn meine Eltern zu DDR-Zeiten ein kleines kirchliches Altersheim in Sonneberg leiteten."

Leben meistern wollen

Deutet der Name "von Hackewitz" auf echten Adel oder ist er gärtnerisches Synonym?

"Echt, sowohl als auch" , lautet die überraschende Antwort.

Katharina hat selber zwei erwachsene Kinder und arbeitet zur Einkommensaufbesserung dreimal wöchentlich in Coburg, macht dort Ökoprodukte versandfertig.

Durch Frank kennt sie die Höllen, durch die Suchtbetroffene gehen. Auch nach dem ersten schweren Schritt, der Entgiftung.

Wie zum Beweis stellt Katharina noch einen weiteren Gastbewohner vor. "Komm, erzähl mal, Maik. "

Der Südthüringer bittet auch um Anonymität, skizziert seine Karriere, draußen in der Kreis-Lauf-Wirtschaft: "Immer wieder neu mein Leben zu meistern versucht, Arbeitsplatzverlust, Sozialabstieg, Einsamkeit, totaler Abbau. Und immer auch Klinikaufenthalte."

Pause. Man versammelt sich an einer langen Tafel hinter dem Gärtnereihaus mit seinen kleinen Wohnungen, gemeinsamen Sanitäranlagen, Küche und Wohnzimmer. Endlich richtig Frühling; fast schon Sommer. Betörender Blütenduft. Dazu Vogelzwitschern. Und ein Hauch von Brigadeberatung.

Zu Jahresbeginn gibt es die wirklich. Vor allem, um die Finanzen des Lebens-Gartens zu säen: 35 Mitmacher habe man in dem Vereinsprojekt, das gemeinsam finanziert und beackert wird. Und in dem man sich die Arbeit wie die Ernte teilt.

Doch Frank und Maik wuseln hier nicht nur mit Hacke, Erntekisten und Kompost zwischen Mangold, Spinat und Kräutern durch die Beete. Frank besucht halbtags eine Tagesstätte, die das Leben in fester Struktur lehrt. Sie vermittelt wichtige Alltagsabläufe vom Kochen, Handwerkeln, Sport über Gesprächsführung bis zur Haus- und, ja, auch zur Gartenarbeit. "Das ist wichtig zur Unterstützung psychisch beeinträchtigter Menschen, die einen Werkstattalltag noch nicht bewältigen", gibt Katharina zu bedenken.

Maik helfe sehr gern in der Schloss-Gärtnerei. Auch Frank versucht gar nicht erst, zu verbergen, wie er sich bei seinen Schlossern daheim fühlt. Und auch, dass er das "zarte Pflänzchen eines Gefühls von Familie" nie wieder hergeben möchte. Auch die so lange vermisste Geborgenheit nicht.

Köstlicher Most

Frank ist jenseits der 50 längst kein Jungpflänzchen mehr. Er will hier zu innerer Ruhe kommen und bleiben. "Alle Jungpflanzen ziehen wir aber sonst selbst vor Ort", schmunzelt Kristin, die sich nun auch an die Tafel setzt. Sie kommt beim Aufzählen ins Schwärmen: "Kürzlich hatten wir wieder großen Pflanzentauschmarkt. Unser Beerenobst ergänzt dann im Sommer das Angebot, dazu fast vier Hektar Streuobstwiesen mit alten Apfelsorten, köstlichem Most ..."

Kristin hat Bedheim nach dem Studium der Ökolandwirtschaft in einem Praxissemester entdeckt und kam nach Studienabschluss und einigen Zwischenstationen zurück. Sie will hier bald eine weitere Betreuungsfamilie gründen; das Sozialwerk Meiningen hat viele Kandidaten.

Eher sehr nachdenklich als ironisch klingt Katharinas Satz beim Verabschieden: Monatlich 350 Euro Aufwandspauschale stünden einer Gastfamilie zu.

"Der Rest ist Ehrenamt, also über 90 Prozent."

 
 

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