Ronneburg/Erfurt - In Thüringen sind bisher rund 370 000 Tonnen radioaktives Gestein entsorgt worden, die außerhalb des Wismut-Sanierungsgebietes gefunden wurden. Dazu gab es 39 Strahlenschutzverfahren, wie aus einer Antwort des Umweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht. Dieses ehemalige Haldenmaterial aus dem Uranbergbau sei zum größten Teil nur gering radioaktiv gewesen, schreibt Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU). Doch am Umgang der Behörden mit solch strahlendem Gestein, das zu DDR-Zeiten etwa in Straßen verbaut wurde, gibt es heftige Kritik.
So wirft Grünen-Fraktionschefin Anja Siegesmund Reinholz vor, das Problem zu verharmlosen und die Verantwortung von sich zu weisen. «Das Land sagt schlicht: Das geht uns nix an», sagte Siegesmund. Auch Frank Lange vom Kirchlichen Umweltkreis Ronneburg beschuldigte die Behörden, den Umgang mit radioaktiven Abfällen zu «verniedlichen». Selbst die DDR-Strahlenschutzbehörde sei sich der Gefahren für die Bevölkerung bewusster gewesen.
Das Ministerium verweist auf Unterlagen des Amtes für Strahlenschutz der DDR, wonach rund 1,9 Millionen Tonnen Haldengestein in den damaligen Bezirken Erfurt, Gera und Suhl verbaut wurden. Konkrete Genehmigungen lägen nur für 540 000 Tonnen vor. Sie enthielten nur selten Angaben, wo das Material eingesetzt wurde. «Nach Einschätzung der Landesregierung besteht durch den genehmigten Einsatz von Haldenmaterial im Straßenbau und bei der Geländeregulierung keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung», schreibt Reinholz.
Der Umweltkreis Ronneburg zweifelt die Zahlen an und verweist auf eigene Recherchen, wonach mehr als 1,8 Millionen Tonnen Haldengestein mit behördlicher Genehmigung in Thüringen verbaut wurden. Hinzu komme, dass viele Genehmigungen nicht auf eine bestimmte Menge beschränkt gewesen seien. Zudem habe der Baubetrieb des DDR-Uranabbaubetriebes Wismut freien Zugang zu den Halden gehabt und diese Materialien auch außerhalb der eigenen Betriebsanlagen in Ostthüringen eingesetzt.
Lange wirft dem Ministerium auch vor, bei der Einschätzung der radioaktiven Belastung des Materials pauschal von einer ordnungsgemäßen Genehmigung zu DDR-Zeiten auszugehen. Viele Genehmigungen seien aber erst im Nachgang erteilt worden. Und selbst auf der besonders belasteten Halde im sächsischen Crossen seien radiologische Kontrollen der staatlichen Strahlenschützer nur etwa jedes halbe Jahr erfolgt.
Siegesmund und Lange verlangen daher größere Anstrengungen, solche Altlasten zu suchen, zu erfassen und zu beseitigen. «Es muss bei der Straßensanierung Standard werden, dass gemessen und solches radioaktives Material fachgerecht entsorgt wird», betonte Siegesmund. Denn auch wenn es dereinst sorgsam verbaut wurde - Straßen halten nicht ewig. Die Grünen-Politikerin verweist auf das Nachbarland Sachsen. Dort wurde der sogenannte Wismut-Schotter ebenfalls in großen Mengen eingesetzt und hat das Umweltministerium einen umfangreichen Leitfaden zum Umgang mit radioaktiven Stoffen bei Bauarbeiten herausgegeben.
«Kaum ein Straßenbaulastträger in Ostthüringen kennt den Unterbau seiner Straßen», erklärte Lange. Dennoch schiebe das Landesbergamt ihnen und dem jetzigen Bundesamt für Strahlenschutz die alleinige Verantwortung für Kontrollen zu. Lange: «Mit Schutz von Bürgern und verantwortungsvoller Behördenarbeit hat das nichts mehr zu tun.» dpa