Erfurt - Zum Jahreswechsel werden in Thüringen alte Bräuche gepflegt. Neben Silvesterknallerei steht auf mancher Party Bleigießen auf dem Programm. Andere Bräuche sind dagegen aus der Mode gekommen.

Wenn das alte Jahr zu Ende geht und ein neues beginnt, dann stehen bei vielen Thüringern von alters her überlieferte Rituale hoch im Kurs. Auch wenn manchem die einstige Bedeutung kaum noch bewusst sein mag. So soll etwa der Lärm von Raketen und Knallern, mit dem heutzutage Neujahr freudig begrüßt wird, Überlieferungen zufolge ungünstige Einflüsse vertreiben, erklärte Andrea Steiner-Sohn vom Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt. Und die Hoffnung auf Glück im neuen Jahr drückt sich in Symbolen wie Kleeblättern, Hufeisen, rosa Schweinchen oder Schornsteinfegern aus. «Sie gelten auch hierzulande als Begleiter für den Jahreswechsel.»

Als unterhaltsames Partyspiel erweist sich oft das Bleigießen, mit dem manch einer dem neuen Jahr Geheimnisse über sein persönliches Schicksal abtrotzen will. «Für viele Menschen ist es mehr ein Orakel als ein Gesellschaftsspiel», schreibt Andrea Knoche in ihrem Buch «Traditionelle Bräuche und Feste im Jahreslauf». Die letzte Nacht des Jahres habe noch immer «etwas Magisches und Geheimnisvolles», schreibt der Westthüringer Heimatforscher Heinz-Werner Schreiber. Dabei werde auch Speisen große Bedeutung beigemessen.

In der Vergangenheit standen etwa Hirse und Reis auf dem Speiseplan, um reich zu werden. Auch Linsengerichte sollten viel Geld ins Haus bringen. Im westthüringischen Mihla aß man Silvester-Reis, im Thüringer Wald standen Kartoffel- und Mehlbrei auf den Tischen, berichtet Schreiber. Zu den Klößen gab es Hering. Erbsen waren dagegen verpönt, weil sonst das Geld wegrollte.

In Schmalkalden und im Werratal sollen in der Neujahrsnacht Hagebutten gepflückt worden sein, um sie Verwandten und Freunden stumm durchs Fenster zu reichen. Der Verzehr dieser Wildfrucht schütze vor Erkrankungen, glaubte man. Heutzutage gehört Heringssalat, der um Mitternacht mit Toastscheiben oder Brötchen verzehrt wird, in vielen Familien zum Silvesterfest.

Einige Silvesterbräuche sind jedoch aus der Mode gekommen. Noch im 19. Jahrhundert knallten nach Angaben der Volkskundler vor allem in Nordthüringen die Knechte mit ihren Peitschen vor den Häusern ihrer Dienstherren, um ihnen Glückwünsche zu überbringen und ein Geschenk oder Freibier zu erhalten. Später wurde der «Unfug des wüsten und lärmenden Peitschenknallens» verboten. Nach Recherchen Schreibers war es vor dem Zweiten Weltkrieg üblich, dass Straßenkehrer, Müllfahrer, Zeitungsausträger oder Bierkutscher bei den Hauswirten zum neuen Jahr gratulierten und ein Trinkgeld erhielten. Die Müllfahrer im Landkreis Mühlhausen pflegten diesen Brauch noch bis in die 1980er Jahre: Sie wünschten den Leuten alles Gute und bekamen einen Obolus.

Laut Knoche hatten und haben zu Neujahr und zum Dreikönigstag Kinderumzüge mit sogenannten Anklopfspielen Tradition. Die Sternensinger, die Anfang Januar durch die Städte und Dörfer im Bistum Erfurt ziehen, sammeln und singen für einen guten Zweck. Seit ihrem Start 1959 hat sich die Sternensinger-Aktion zur weltweit größten Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder entwickelt. Rund 814 Millionen Euro wurden seither gesammelt, mehr als 63 000 Projekte und Hilfsprogramme für Kinder in Afrika, Lateinamerika, Asien, Ozeanien und Osteuropa unterstützt.

Zu den weit verbreiteten Silvesterbräuche gehört auch, dass man «einen guten Rutsch ins neue Jahr» wünscht. Damit ist aber nicht der wirkliche «Rutsch» gemeint, sondern das Wort stammt aus dem Hebräischen und bedeutet «Anfang». «Prosit Neujahr» wünscht man, während mit einem Glas Sekt angestoßen wird. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «es möge gelingen».