Suhl - In der Flüchtlingsunterkunft in Suhl ist es am Mittwochabend zu einer Schlägerei unter 20 Bewohnern gekommen, der in heftige Krawalle umgeschlagen ist. Dabei hat es mehrere Verletzte gegeben. Auch Journalisten und Polizisten wurden von einzelnen Flüchtlingen angegriffen. Nach Angaben von Rettungskräften und Ärzten wurden mindestens 17 Menschen verletzt, darunter 10 Bewohner des Flüchtlingsheims. Drei Verletzte befinden sich noch in Behandlung im Suhler Klinikums.
Zwölf Stunden nach den Vorkommnissen ergibt sich nach Recherchen unserer Zeitung folgendes Bild von den Ereignissen der zurückliegenden Nacht:
Um kurz vor 21 Uhr reißt ein afghanischer Heimbewohner Seiten aus einem Koran heraus und spült sie die Toilette hinunter. Davon fühlt sich eine Gruppe von Muslimen provoziert. Sie verfolgen den Mann laut rufend durch die Gänge des Heimes. Der Afghane kann sich schließlich in das Wachschutz-Büro am Heimeingang retten und verbarrikadiert sich dort.
Die etwa 20-köpfige Gruppe aufgebrachter Männer versucht, mit Gewalt in den Raum einzudringen. Türen werden eingetreten. Auch draußen vor dem Fenster des Büros versammeln sich wütende Bewohner. Die Wachschützer versuchen, die Angreifer mit Tränengas zu vertreiben – vergeblich. Irgendjemand zündet einen Papierkorb an, Bewohner löschen das Feuer mit einem Feuerlöscher.
Der Wachschutz gerät in Panik, alarmiert Feuerwehr und Polizei. Eine Abordnung der Suhler Polizei kommt, gelangt ins Gebäude - aber nicht mehr hinaus. Eine wütende Meute blockiert den Eingang von Haus Nummer 19. „Rund 100 Heimbewohner standen vor der Tür und verlangten die Herausgabe des Afghanen“, sagt Polizei-Einsatzleiter Achim Lichtenfeld später gegenüber unserer Zeitung. Tumultartige Szenen spielen sich vor dem Heimgebäude ab: Bewohner werfen Gegenstände aus den Fenster, überall Schreie und Fensterklirren, die Menschen laufen wild umher. Einige Flüchtlinge haben Tischbeine und Stangen in der Hand, bedrohen damit Passanten, Journalisten und Polizisten, die in Panik zurückweichen. Steine fliegen. Viele Heimbewohner schauen dem Treiben entsetzt zu, weinen, versuchen die aufgebrachten Muslime zu beruhigen. Frauen bringen ihre Kinder in Sicherheit. Die ersten zur Verstärkung anrückenden Polizeiwagen werden attackiert, Scheiben eingeschlagen – sieben demolierte Einsatzwagen wird die Polizei später zählen. Auch inzwischen vor dem Haus versammelte Journalisten und Nachbarn aus dem Wohngebiet werden Opfer des Wutausbruchs, die Scheibe mindestens eines Privatautos geht zu Bruch. Unter Polizeischutz rückt ein Rettungswagen vor.
Blitzschnell reagieren die Rettungskräfte. Die Katastrophenzüge aus Suhl und Hildburghausen kommen, schon um 23 Uhr ist auf dem nahen Verlagsgelände von Freies Wort eine komplette Notfallversorgung aufgebaut mit Lichtmasten, Patientenzelten intensivmedizinischem Gerät. Insgesamt neun Notärzte, 90 medizinische Helfer und 42 Feuerwehrleute mit 13 Fahrzeugen sind vor Ort. Erst allmählich stellt sich heraus: Die meisten bleiben arbeitslos, die Lage ist weit weniger ernst als befürchtet, der Aufwand für die Lage zu groß. Sieben Heimbewohner und ein Helfer werden in den Zelten behandelt. „Typische Prügelverletzungen: Prellungen und so weiter“, erklärt ein Sprecher. Schwerverletzte? „Keine.“ Später vermeldet das Klinikum: Sechs Behandlungen im Haus, davon vier Flüchtlinge. Drei Verletzte mussten über Nacht im Krankenhaus bleiben.
Der Chef der Landespolizeiinspektion Suhl, Wolfgang Nicolai, teilte am Donnerstag mit, dass drei Prolizisten bei den Auseinandersetzungen verletzt worden seien. Ein Beamte sei von einer Eisenstange getroffen worden, zwei von Wurfgeschossen. Es werde wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt. Am Donnerstagnachmittag sprach ein Polizeisprecher dann von sechs verletzten Beamten. Drei von ihnen hätten ihren Dienst nicht mehr fortsetzen können. Zudem seien sieben Polizeifahrzeuge beschädigt worden.
Am Erstaufnahmeheim gelingt es den aus Erfurt eintreffenden Bereitschaftspolizisten noch vor Mitternacht, die Lage durch ihre Präsenz komplett zu beruhigen. Inzwischen sind 125 Beamte vor Ort. Der 25 Jahre alte Afghane wird in Schutzgewahrsam genommen und von zwei Polizisten abgeführt. Er verbringt die Nacht freiwillig in der Polizeizelle. Der Mann befindet sich derzeit im Polizeigewahrsam in Meiningen.
Auch zwei seiner verängstigten Freunde suchen bei der Polizei Schutz. Die wütenden Muslime ziehen sich zurück. Um 0.30 Uhr gibt die Polizei Entwarnung, lässt auch Anwohner wieder durch. Kurze Zeit kursiert das Gerücht, es seien 200 Bewohner auf dem Weg zur Polizeiwache – Fehlalarm, vermutlich ein von Rechtsextremen auf Facebook gestreutets Gerücht. Alles ist wieder ruhig. Die Kripo sichert Spuren, um halb eins ziehen sich auch die letzten Beamten in Einsatzmontur zurück. Vertreter des Landesverwaltungsamtes und Heimleiter Jörg Kuhlmann sind inzwischen vor Ort. Sie danken den Wachleuten und Polizisten, begutachten die Schäden.
„So etwas kommt leider vor, wenn so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben“, sagt der Mann vom Landesverwaltungsamt trocken. „Wir werden das auswerten, gegebenenfalls den Wachschutz verstärken und vielleicht auch baulich etwas verändern.“
Draußen kehren Feuerwehrleute die Steine und Scherben zusammen, das Notlazarett wird abgebaut. Am frühen Morgen sind bis auf den zerstörten Eingangsbereich sind kaum noch Spuren der Nacht zu sehen.
Am Donnerstagvormittag ist Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) auf dem Suhler Friedberg. Nach seinen Worten waren es Syrer, die die afghanischen Mitbewohner verfolgt hatten. Sie wollten nach seinen Worten Lynchjustiz üben. "Menschen wegen religiöser Konflikte zu verletzen, ist ein absolutes No-go", sagte Lauinger. Lynchjustiz in einem demokratischen Rechtsstaat ausüben zu wollen, sei nicht tolerierbar. Das müsse für die Betreffenden Konsequenzen haben, sagte Lauinger.
Der Bund könne angesichts der fast verdoppelt so hohen Flüchtlingsprognose nicht mehr tatenlos bleiben. Thüringen habe in wenigen Tagen eine unglaubliche Zahl neuer Plätze geschaffen, trotzdem bleibt das Problem riesig, sagte der Minister.
Nach Meinung von Lauinger hätte so ein Krawall auch in jedem kleinen Heim passieren können. Dem widersprach Suhl Oberbürgermeister Jens Triebel vehment: "In großen Heimen schaukeln sich Konflikte viel eher auf. Wir müssen unbedingt die Belegungszahl reduzieren." Triebel fühlte sich durch die Auseinandersetzungen in der vergangenen Nacht bestätigt. "Wir mussten keine 14 Tage warten, dass die von uns geforderten Sicherheitsmaßnahmen scharfgeschaltet wurden." er