Spenglerkunst aus Thüringen Fambacher Dachzier für Wiesbaden

Ein Kunstwerk auf Zink, zwei Tonnen schwer und in Fambach entstanden, schwebt heute früh in der Wiesbadener Innenstadt auf ein Hausdach. Die neun Meter hohe Laterne soll ein historisches Geschäftsgebäude zieren.

Fambach - Am Samstag um 7 Uhr muss der Tieflader in der Wiesbadener Innenstadt sein. So verlangen es die Absprachen und Pläne für die jüngste Lieferung aus dem Fambacher Metallbaubetrieb Nakra. Dann wird die Straße gesperrt für den überbreiten Transport und den Kran, der die metallene Zier-Spitze vom Tieflader auf das Wiesbadener Geschäftshaus hebt. In 28 Metern Höhe wird der Fambacher Firmenchef Michael Messerschmidt mit einigen seiner 16 Mitarbeiter die Laterne in Empfang nehmen, auf dem kürzlich montierten Kranz festmachen und zuletzt die Turmspitze auf das Kunstwerk setzen. „Made in Fambach“ soll es fortan denkmalgerecht vom Geschäftshausdach grüßen.

20 Stunden vor dem Ankunftstermin in Wiesbaden steht der Dachschmuck in der Halle von Michael Messerschmidts Firma im Fambacher Gewerbegebiet. Auch ohne Spitze reicht es fast bis ans Hallendach. Noch ist es eingerüstet. Mitarbeiter klettern die Leiter hinauf, an den Bögen mit dem innenliegenden Kreuzgewölbe und den vier verzierten Zwerghäusern vorbei zum Zwiebelaufsatz mit den Bullaugen und den angedeuteten Schindeln.

Letzte Handgriffe werden ausgeführt, bevor der Kran vorfährt und die Laterne für den Transport umlegt. Der Chef selbst kümmert sich ganz oben mit Lehrling Leon Luck um die Hauerbuckel. Jeder sichtbare Kopf einer Edelstahlschraube wird mit einem Hütchen aus Blech verlötet, damit die Witterung nicht hineinzieht in die metallene Zwiebel.

Bei der Oberfläche war ein gewisses Maß an Wetterspuren erwünscht. Das Zinkblech ist „vorbewittert“, künstlich gealtert. Es soll noch lange so aussehen wie bei der Montage.

Seit drei Jahren etwa beschäftigt sich Michael Messerschmidt mit diesem Projekt. Damals kam es zur ersten Kontaktaufnahme zwischen dem Auftraggeber und dem Fambacher Betrieb, der schon manchem Turm eine Spitze aufgesetzt hat. Im Fall der Wiesbadener Laterne existierten jedoch nur Vorstellungen dessen, was einst auf dem Dach des Geschäftshauses saß. Keine Konstruktionszeichnungen, keine Fotografien von Details des 1880 aufgesetzten Schmucks.

Messerschmidt fuhr nach Wiesbaden, betrachtete das Haus, begann zu recherchieren. Er stieß auf eine Postkarte, die eine Frau im Jahre 1908 geschrieben und an ihren Mann in England adressiert hatte. Die Schwarzweiß-Aufnahme zeigt die entsprechende Häuserzeile mit ihren damals angesagten Cafés und sollte die Vorlage für die weiteren Schritte werden.

In Fambach wurde geplant, gezeichnet, konstruiert, mit dem Auftraggeber abgestimmt. Die Denkmalpflege hatte mitzureden, schaute erst skeptisch auf die Tüftler aus Fambach, studierte die Pläne und stimmte schließlich zu. Zuvor hatten die Fachleute noch etwas an der Zwiebel gezogen, der Eleganz wegen.

Im Fambacher Gewerbegebiet wurde gebaut. Ein Gestell aus Stahl, die Verkleidung aus Zink. Schmuckelemente wurden in Gips vorgefertigt, bei Gefallen in Form gebracht und das Blech darin tiefgezogen. Die Laterne wuchs, nebenher formten Mitarbeiter das Geländer um die Bögen am Sockel der Laterne, aus denen nie jemand hinaustreten wird. Auch wenn es so aussieht: Die Dachzier ist nicht zum Begehen gemacht.

Die Fambacher Metalltechniker können die Aussicht genießen. Wenn sie am heutigen Samstag im Zeitplan liegen und alles gut geht, dürften die Arbeiten auf dem Wiesbadener Dach gegen 15 Uhr abgeschlossen sein. Dann ist der umfangreichste Auftrag dieses Jahres geschafft.

 

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