Sonderausstellung im Schlossmuseum Arnstadt Auf den Spuren jüdischer Familien

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Am Sonntag öffnet im Arnstädter Schlossmuseum die Sonderausstellung „Jüdische Familien aus Arnstadt und Plaue“ als Teil des Thüringer Themenjahres „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben“ – vorerst aber nur virtuell

Arnstadt - „Sie sehen so glücklich aus“, sagt Martina Guß, als sie das Bild vom Purimball betrachtet. 1927 ist es entstanden und zeigt fröhliche Menschen, die sich vorm Feiern zum gemeinsamen Foto versammelten – die jüdische Gemeinde von Plaue. Die Mitarbeiterin vom Schlossmuseum wird nachdenklich. „Warum nur hat man ihnen so Grausames angetan?“, fragt sie.

Genau in diesem Spannungsfeld, zwischen fröhlichem jüdischen Leben als Teil der Thüringer und damit auch Ilm-Kreis-Geschichte und Schreckenstaten des Holocaust wird sich die neuste Sonderausstellung bewegen, mit der sich das Schlossmuseum im Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ des Freistaates beteiligt.

Virtuelle Eröffnung

Nur ein Jahr hatte Martina Guß Zeit, die Ausstellung vorzubereiten. „Ich hatte gute Mitstreiter“, dankt sie. So konnte sie auf die Forschungsergebnisse von Andrea Kirchschlager, Leiterin des Stadt- und Kreisarchivs, zurückgreifen, die bereits die Genealogie der jüdischen Familien Plaues veröffentlichte. Und mit Jörg Kaps stand ihr der Koordinator der Stolperstein-Aktion zur Seite, der zahlreiche Kontakte zu Nachfahren ermordeter und vertriebener jüdischer Familien hat. Einen Einblick in deren Familienalben könne der Besucher hinter einer Guckwand gewinnen, auf der einzelne Schicksale auch beschrieben werden – wenn sie denn eines Tages kommen dürfen. Denn noch muss die Ausstellung geschlossen bleiben. „Wir hoffen auf den Juni“, sagt Martina Guß. Die für Sonntag geplante Eröffnung aber soll es trotzdem geben, wenn auch nur virtuell. Um 11 Uhr werden die vorproduzierten Videos auf den Internetseiten der Stadt und des Schlossmuseums freigeschaltet werden. Dann äußern sich Ministerpräsident Bodo Ramelow als Schirmherr der Ausstellung, Reinhard Schramm als Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde und Bürgermeister Frank Spilling in Grußworten. Zudem wurde eine Podiumsdiskussion im Theater aufgezeichnet.

Im Mittelalter

Später im Jahr wird hoffentlich noch genug Gelegenheit sein, sich die Ausstellung auch im Original anzuschauen. Immerhin ist sie bis zum 14. November aufgebaut. „Man sollte Zeit mitbringen“, rät Martina Guß. Denn es ist umfangreiches Text- und Bildmaterial zusammengekommen. Nicht nur aus der jüngeren Geschichte. Schon 1273 wurden erstmals Juden in Arnstadt urkundlich belegt. Wohl gelitten waren sie in der Gegend aber kaum. „Sie wurden immer wieder vertrieben“, weiß Martina Guß. Geduldete seien nur die sogenannten Schutzjuden gewesen, die mit ihren Fähigkeiten und Waren am Adelshof gut ankamen.

Von 1496 an wurden nach einem gräflichen Beschluss keine Juden mehr in Arnstadt geduldet. Erst um 1830 entstand in Plaue wieder eine kleine jüdische Gemeinde. Ab 1874 zogen die ersten jüdischen Kaufleute aus Plaue und anderen Regionen nach Arnstadt. „Arnstadt war eine aufstrebende Stadt und ein Solbad“, erklärt Martina Guß, was da wohl die Motivation war. In den folgenden Jahren entstanden 51 jüdische Geschäfte und Unternehmen und 1913 auch eine Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht niedergebrannt wurde.

Es sind Einzelschicksale, welche die Ausstellung zeigt, Menschen, die mitten in der Gesellschaft standen und sich einbrachten und doch immer wieder diskriminiert wurden, aber auch die große Geschichte, geprägt von Vorurteilen, Hass, Mord und Vertreibung. Kritisch beleuchtet werden zudem judenfeindliche Stücke aus der Arnstädter Fürstensammlung.

Begleitet wird die Ausstellung von einem dicken Katalog, der die bisherigen Forschungsarbeiten zur jüdischen Geschichte in Arnstadt und Plaue zusammenfasst. Während der Ausstellungserarbeitung habe man noch viel Neues herausgefunden, betont Martina Guß.

 

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