Schmalkalden Gegenkonstrukt zur Normalität

Annett Recknagel
Marina Leinhas ist gut vorbereitet – hier zeigt sie ihren Mini-Gaskocher, der ebenso zum Marschgepäck gehört wie Zahntabletten und ein Trinksystem. Foto: Annett Recknagel

Marina Leinhas aus Schmalkalden ist zum sechsten Mal auf großer Tour – in den nächsten zehn bis zwölf Tagen wird sie den Wendland-Rundweg erwandern. Dabei vertraut sie auf sich und ihre Fähigkeiten.

Ihre ersten Kilometer hat Marina Leinhas längst hinter sich. Hitzacker kennt sie jetzt auch schon. Von dort nämlich startete sie gerade ihre sechste große Fernwanderung. Sie umfasst genau 184 Kilometer und führt über den Wendland-Rundweg. Der liegt in Niedersachsen. Die Reise dorthin dauerte sieben Stunden. Danach gibt es für Marina Leinhas kein Fahrzeug mehr, ab jetzt verlässt sie sich nur noch auf ihre Beine und die Wanderkarte. Natürlich hat sie sicherheitshalber Smartphone und Powerbank in der Tasche. Die aber will sie so wenig wie möglich verwenden.

In Sachen große Touren über ein Zeitfenster von zwei Wochen ist die Schmalkalderin fit. Fünf Ausflüge, bei denen sie aus dem Rucksack lebte, liegen schon hinter ihr. Bislang hatte sie ihren Hund Lene immer als Begleiterin dabei. 2022 aber ist alles anders. „Diesmal bin ich ganz alleine unterwegs“, berichtet sie. Für den Hund war die Tour im letzten Jahr sehr anstrengend, er musste kurz vor dem Ende abgeholt werden. Deshalb war die Entscheidung 2022 recht einfach – Lene muss zu Hause bleiben. Damit fällt für Marina Leinhas auch eine kleine „Belastung“ ab. Wobei Lene ihr Fresschen immer selbst getragen hat. Aber: „Ich komme ohne Hund natürlich viel schneller voran“, sagt die Schmalkalderin. Weitaus wichtiger aber ist: „Ich kann mich noch mehr auf mich selbst konzentrieren“, sagt sie und erinnert sich an den Marsch im vorigen Jahr, der sie auf den Keltenerlebnispfad führte. „Da bin ich wirklich sehr viel gelaufen“, weiß sie noch. 39 Kilometer am Tag und das Wetter sei wirklich sehr durchwachsen gewesen. Das Gewitter, das sie zwei Stunden im Wald aussitzen musste, war ein besonderes Erlebnis für sie. Marina Leinhas hatte sich in ihre Rettungsdecke eingewickelt und all ihre Sachen unter die Plane geholt. „In solchen Momenten wird einem klar, dass man noch so viel schreien oder sich aufregen kann, es hilft nichts. Das alles ist vertane Energie – man muss es aussitzen.“

Gerade solche Erfahrungen helfen ihr, nach den Touren den oftmals stressigen Alltag zu ertragen. Und deshalb sind die jährlichen Fernwanderungen für sie „meine Auszeit und mein Verständnis von Freiheit“. Ihre Kinder wundern sich nicht mehr. Die wissen: Die Mutter geht wandern. „Für mich sind die zwei Wochen in der Natur auch so ein Gegenkonstrukt zur Normalität“, sagt sie.

Marina Leinhas arbeitet als Lehrerin in gleich drei Schulen. Die Tage sind durchgestaltet und fremdbestimmt. „Beim Wandern mache ich mein Ding. Dazu kommt das In-der-Natur-sein. Ich vertraue auf mich selbst und auf meine Fähigkeiten“, erzählt sie und man spürt ihre Vorfreude, aber auch, wie sehr sie diese zwei Wochen für sich selbst braucht. Fotos von ihren Touren sind beeindruckend. Bilder von Wanderwegen fallen ins Auge. Eine Aufnahme entstand auf einem Friedhof. „Da nehme ich für mich eine ganz tiefe Ruhe raus. Wenn ich da draußen bin, macht mir selbst das Sterben nicht mehr viel aus – so ein Gefühl habe ich in einer Stadt nicht.“

Auf den Wendland-Rundweg ist sie im Internet aufmerksam geworden. Einfach, weil sie nach einer 184 Kilometer langen Tour gesucht hat. Diese Strecke braucht die Schmalkalderin, um die magische 1000 zu knacken. Mit sechs Touren ist das beachtlich. Alles begann mit dem Rennsteig – den erwanderte sie 2017 innerhalb von acht Tagen. Hierbei kamen ihr in Sachen Übernachtungen die Schutzhütten zu pass. 2020 hatte sie sich für den 223 Kilometer langen Heidschnuckenweg von Hamburg nach Celle entschieden.

Jetzt steht der Wendland-Rundweg an. Zwischen 20 und 30 Kilometern will sie täglich zurücklegen. Ihre eigene Challenge dabei: Die gesamte Zeit über im Freien verbringen. Bislang gehörte immer eine Übernachtung in einer Herberge dazu. Diesmal will es Marina Leinhas wissen. Entsprechend ausgestattet ist sie. Der Mini-Gaskocher ist schnell zusammengeschraubt. Auch einen kleinen zusammenfaltbaren Topf nimmt sie mit. Ebenso Zahnputztabletten, Bambuszahnbürste, zwei Paar Strümpfe, Regenhose, Pullover, lange Jogginghose, Isomatte, Schlafsack und für den Komfort ein kleines Kissen. Ihre Wanderschuhe hat sie neu besohlen lassen. Auf Nachhaltigkeit legt sie großen Wert.

„Ich habe eine sehr moderate Wanderung im Blick“, meint sie und lenkt die Aufmerksamkeit auf Rüdiger Nehberg und Target. e. V. Der Verein setzt sich unter anderem gegen die weibliche Genitalverstümmelung ein. „Jedes Mädchen sollte unversehrt aufwachsen können“, sagt sie und nahm Kontakt zu Target auf. Vor zwei Jahren gelang es ihr, im Laufe ihrer Wanderung 100 Euro für den Verein zusammenzubekommen, 2021 waren es immerhin 400 Euro. Auch während ihrer aktuellen Tour darf gespendet werden. Marina Leinhas berichtet täglich über ihren Instagram-Kanal „frauleinhas_wandert“ über die Tour. Mit angehangen ist ein QR-Code, über den man direkt auf ihre Aktionsseite von Target, zu dessen Gunsten sie läuft, kommt. Um spenden zu können, muss man den roten Button bedienen. „Dorthin gelangt man entweder über den QR-Code oder über den Link in meinem Instagram-Profil“, erläutert sie. Die Spenden kämen zu 100 Prozent dem Verein zugute.

Natürlich gibt es via Instagram Berichte von der Tour. Und wie hält sie es aus, zwei Wochen lang mit fast niemandem zu sprechen? „Ich will ja gar nicht reden“, meint sie. Und außerdem treffe sie schon ab und an Menschen, mit denen sie kommunizieren könne. Wichtig für sie sei es, zu lernen, mit dem Minimalen auszukommen. Zu Hause habe man alles in Fülle. „Die Vielfalt erschlägt einen und genau deshalb spüre ich beim Nachhausekommen eine krasse Dankbarkeit“, sagt sie. Nach dem Wetter schaut sie vor Beginn der Wanderung nie. Das müsse sie nehmen, wie es komme. Angst, sich zu verlaufen, hat sie keine. An den Wanderzeichen lässt es sich bestens orientieren. Und: „Ich bin ja nicht im Dschungel.“

https://www.target-nehberg.de/de/frau-leinhas-wandert-den-wendland-rundweg

 

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