Was hätte aus dem Jungen werden können! Doch statt weiter nach oben geht es in einem Höllen-Tempo nach unten. Bald ist Gotthard Zölfl immer öfter im Ratskeller in Karl-Marx-Stadt und in anderen Gaststätten zu finden. An seiner Seite sitzen junge Frauen und vermeintliche Freunde. Auf den weißen Tischdecken der verrauchten Kneipen stehen Sektflaschen und Schnapsgläser. Die Zeche bezahlt der aufgehende Fußball-Star, der nicht merkt, wie sein Stern zu verblassen beginnt und wie er ausgenutzt wird. "Die Geldscheine schauten leger aus der Brusttasche seiner Hemden heraus. Was kostet die Welt, lautete seine Devise", erinnerte sich sein Bruder.
Der FC Karl-Marx-Stadt setzt ihn 1969 noch beim Pokalendspiel gegen den 1. FC Magdeburg bei einigen Oberligaspielen ein. Aber der Alkoholkonsum des Jungen steigt rapide. Der Fußballer wird nach seinen Kneipenbesuchen immer öfter ausfällig, prügelt sich herum und legt sich sogar mit der Polizei an. Warum hat ihn sein Klub nicht in den Griff bekommen?
Der hat es offenbar versucht. "Zölfl zählte bis 1969/70 zu den leistungsstärksten Fußballern im Nachwuchsbereich des Deutschen Fußball-Verbandes. Auf Grund seines labilen Charakters wurden mit ihm 1969 ernsthafte Auseinandersetzungen durch die zuständigen Organe geführt", heißt es in einer Information der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung. Weiter steht in dem Dokument: "Da Z. nicht gewillt war, entsprechende Lehren zu ziehen, erfolgte 1970 sein Ausschluss aus dem FCK. Durch den Deutschen Fußball-Verband wurde er für jeglichen Leistungssport gesperrt."
Das jähe und unrühmliche Ende einer Laufbahn, die so hoffnungsvoll begann. Noch keine 20, da ist schon alles aus, während Streich und Kurbjuweit inzwischen in der DDR-Oberliga spielen. "Gotthard war eigentlich immer ein ruhiger Kerl und nie auf Krawall gebürstet. Irgendwann war er nicht mehr in den Mannschaftsaufgeboten zu finden, ohne dass ich mir etwas dabei gedacht habe. So verlor ich ihn schließlich aus den Augen", berichtet Lothar Kurbjuweit.
Zur Strafe schicken die Funktionäre Gotthard Zölfl als Soldat zur Nationalen Volksarmee. Als er den Grundwehrdienst beendet hat, rutscht er immer weiter ab. Wegen schwerer Körperverletzungen landet er sogar ein paarmal im Gefängnis. Zölfl bleibt auch im Visier des Staatssicherheitsdienstes - wenn auch eher zufällig. Einmal läuft er in Karl-Marx-Stadt in der Poststraße einem Bekannten in die Arme, von dem er nicht weiß, dass er für den DDR-Geheimdienst spitzelt. Auch darüber gibt es in den Akten einen Bericht. Demnach lädt der ehemalige Fußballer den Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS in die nahe Gaststätte "Bodega" ein und erzählt seinem Gegenüber freimütig, dass er noch im Besitz des Reisepasses sei.
Bei seinem Rauswurf aus dem FC Karl-Marx-Stadt habe er geschwindelt und angegeben, den Passe verloren zu haben, was aber glatt gelogen gewesen sei. Dann legt er dem Stasi-Spitzel das Dokument triumphierend auf den Tisch und sagt: "Ich würde eine neue Chance besser nutzen. Aber ich haue ab, wenn ich nicht wieder nach oben komme. Außerdem weiß ich über leitende Funktionäre des FCK-Vorstandes Dinge, die niemand erfahren darf." Ob die angedrohte "Republikflucht" strafrechtliche Konsequenzen nach sich gezogen hat, lässt sich anhand der vorliegenden Akten nicht mehr rekapitulieren. Eine neue Chance bekommt er natürlich nicht.
Essen von der Mutter
Auf dem Platz ein Held, im Leben ein Verlierer. Gotthard Zölfl spielt noch einige Zeit in der Bezirksklasse bei Motor Lößnitz, bevor er wieder bei seinem alten Heimatverein in Neuwürschnitz landet. Er lässt dort manchmal immer noch sein altes Können aufblitzen, aber einmal muss der Trainer Zölfl vom Platz nehmen, weil er stockbetrunken über seine eigenen Beine stolpert. Mit der deutschen Wiedervereinigung wird er arbeitslos und lebt von Stütze. "Seine letzten Jahre waren erbärmlich", sagt eine Bekannte. Er vertrinkt das wenige Geld und bekommt das Essen von seiner Mutter. In seiner verwahrlosten Wohnung erinnert nichts mehr an die Zeit, in der er zu den besten Nachwuchsspielern Europas gehört. An irgendeinem Tag im Herbst des Jahres 2007 holt ihn der Notarzt, mit Blaulicht kommt er auf die Intensivstation eines Krankenhauses, bevor er wenig später in ein Seniorenheim nach Hohenstein-Ernstthal zieht. Mit 57 ein Wrack.
In dem Heim lebt Gotthard Zölfl nur einen Monat. Es ist der Heilige Abend, als ihn Bestatter in einem grauen Sarg aus dem Gebäude tragen. In dieser Woche wäre er 70 Jahr alt geworden.