Neuhaus und der Rennsteiglauf Kultlauf mit Volksfestcharakter

Madlen Pfeifer

Ein Drittel weniger Starter als zur letzten Vor-Corona-Auflage des Rennsteiglaufes haben sich am Samstag von Neuhaus aus auf die Marathon strecke begeben. Der Stimmung hat das keinen Abbruch getan.

Der Countdown ist schon längst runter gezählt. Und die Läufer in den vorderen Startreihen haben bereits die ersten Schritte des 49. Rennsteiglauf-Marathons hinter sich. Dann erst löst sich der Startschuss aus der Pistole, die diesmal Susanna Karawanskij in der Hand hält. Für Thüringens Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft ist es eine Rennsteiglauf-Premiere in Neuhaus. Der zeitverzögerte Knalleffekt sei ihr verziehen. Für Hans im Glück aber ist es heuer das letzte Mal nach mehr als drei Jahrzehnten, dass er das Geschehen rings um den Start moderiert und Hunderte von Läufer auf die 42,26 Kilometer lange Strecke schickt.

So wie mit Karawanskij und Hans im Glück Neuling und Routinier zusammen auf der Bühne im Startbereich an der Freisportanlage am Schulcampus Apelsberg stehen, so sind auch unter den knapp über 2000 Marathon-Teilnehmern Anfänger und Kenner nebeneinander. Schon so einige heben die Hand, als der langjährige Moderator fragt, wer denn das erste Mal dabei sei. Und auch wenn die Debütanten ihn und die ganze Startzeremonie in Neuhaus bisher höchstens vom Hörensagen kannten, so applaudieren sie dem Neuhäuser ebenso zu wie die Alteingesessenen, als er wenige Minuten vorm Countdown verkündet, dass er zur 50. Auflage des Laufevents im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein wird. „Danke für die tollen Jahre“, sagt er mit einem Kloß im Hals. Und im Nachgang, dass der Beifall der Läufer das schönste Abschiedsgeschenk für ihn gewesen sei.

Eine Stunde vorm Start um 9 Uhr schallt die Stimme von Hans im Glück schon durch die Lautsprecher übers ganze Gelände des Schulcampus. Bis hinauf auf den Platz, wo einst die Regelschule stand, und nun am Laufevent-Wochenende die Teilnehmer ihre Autos parken und sich lange Warteschlangen vor den mobilen Toilettenkabinen bilden. Immer wieder hält Hans im Glück die Starter auf dem Laufenden, gibt die Uhrzeit durch und unterhält die Menge gemeinsam mit den Lichtethaler Blasmusikern. Gegen 8 Uhr mischen sich schottische Klänge hinzu. Frank Grätsch widmet sich gerade seiner ganz eigenen Aufwärmübung, dem Dudelsackspielen. Der Leipziger ist zum 27. Mal in Neuhaus beim Rennsteiglauf dabei. Die musikalische Art des Warmlaufens aber hat er ganz neu für sich entdeckt, wie er erzählt. Zwar habe er vergangenen Oktober zur Pandemie-Variante des Laufs abends schon mal ein wenig gespielt, aber eben bisher noch nie morgens vor dem Start. „Das macht den Kopf frei“, sagt er. „Dabei vergisst man die lange Strecke, die noch vor einem liegt.“

„Dass hier wird noch mit Herz gemacht“

Dass der 60-Jährige nicht der einzige ist, der sich mit einem morgendlichen Ständchen auf die kommenden 42,26 Kilometer bis nach Schmiedefeld einstimmt, hat er rein zufällig festgestellt, als ein Gleichgesinnter im Wagen neben ihm auf dem Parkplatz seine Kornett auspackt. Olaf Schäfer heißt der Mann, der das trompetenähnliche Instrument mit im Gepäck hat. Aus Berlin ist er angereist. Zum 19. Mal für den Rennsteiglauf-Marathon.

Der 58-Jährige sucht in seinem Auto, in dem er genächtigt hat, seine Laufsachen zusammen. Die Hose hat er schon. Fehlen noch die Schuhe. Zwischendurch schlürft er einen Schluck Kaffee aus seinem roten Emaille-Becher und schwärmt vom Rennsteiglauf, vom Startort Neuhaus. Der habe ihm in der Corona-Zeit gefehlt. Das Erlebnis, anders als zu Hause bei sich in Berlin einfach in den Wald und kilometerlang durch diesen hindurchlaufen zu können. Nicht nur die Natur oder die Region mache den Rennsteiglauf seiner Meinung nach zu etwas Besonderem. „Die Stimmung hier ist eine ganz eigene“, sagt er. „Das ist ja hier ein bisschen wie ein Volksfest.“ Und obendrein gesteht er, dass ihm die großen Marathons, wie die in seiner Heimatstadt, zu kommerziell geworden sind. Ganz anders als der mit Startpunkt in Neuhaus. „Das hier wird noch mit Herz gemacht.“

Ob Olaf Schäfer im Laufe der Jahre ein Ritual für sich gefunden hat, das vor jedem Start dazugehört? „Das Ritual ist die Kloßparty am Abend zu vor“, sagt er. Während er sich die auch diesmal nicht hat entgehen lassen, hat es bei Odette Schirmbacher und ihrer Freundin Manuela Kirchner heuer aus beruflichen Gründen nicht geklappt. Für die beiden geht es also ohne Kloß im Bauch an den Start. Halb so schlimm, wie sie finden. Denn sie sind auf was ganz anderes scharf: „Wir freuen uns immer riesig auf den Haferschleim“, sagt Odette und lacht.

Auf den Spaß kommt’s an

Die 51-Jährige aus Erfurt ist das 13. Mal in Neuhaus mit von der Partie. „Aber insgesamt ist es mein 27. Marathon“, erzählt sie. In Berlin war sie schon, vergangenes Jahr in London, 2019 in New York und heuer soll es noch nach Chicago gehen. Dann würden ihr nur noch Boston und Tokio fehlen, um in allen an den „World Marathon Majors“ teilnehmenden Städten gewesen zu sein. Zwischendurch aber braucht’s auch den Rennsteiglauf. „Der ist für mich ein Kultlauf. Das muss einfach sein“, sagt sie. Und auch hier geht sie mit einem Foto ihres 2009 verstorbenen Vaters auf dem Trikot an den Start. „Ich laufe immer für meinen Papa.“

Odette und Manuela bezeichnen sich als „Spaßduo“. „Uns geht es nicht um die Zeit“, die sie bis nach Schmiedefeld brauchen. „Wir wollen einfach nur gut durchkommen und Spaß haben.“ Und den jedenfalls bekommen sie schon vorm Start mit den ihnen bereits bekannten Ritualen. Denn endlich erklingen sie wieder wie in den Vor-Corona-Zeiten, die obligatorischen Hymnen. Während zehn Minuten vor 9 Uhr zum Rennsteiglied zunächst Hände und Arme auf Temperatur geklatscht werden, folgt kurz vorm Massenstart das Ganzkörper-Aufwärmprogramm beim gemeinsamen Schunkeln zu den Klängen des Schneewalzers. Ganz so wie es zum Startort Neuhaus dazugehört. Ebenso wie das gemeinsame Runterzählen des Countdowns, an dessen Ende sich schließlich 2000 Läufer zeitgleich auf den Weg machen, die Mantelstraße hinauf, die Bahnhofstraße entlang durch den Kreisverkehr hindurch, an dem sie heuer erstmals einen musikalischen Motivationsschub vom Duo Carsten und Ina mit auf den Weg „vom schönsten Start der Welt zum schönsten Ziel der Welt in Schmiedefeld“ bekommen haben.

 

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