Nachtbaustelle in Schmalkalden Kreisverkehr mit neuer Erde befüllt

Nachtbaustelle in der Bahnhofstraße. Am Montag bereitete der Bauhof den Boden für eine Neubepflanzung des Verkehrskreisels.

Schmalkalden - Montagabend in der Bahnhofstraße. Feierabendverkehr. Die heraufziehende Dämmerung lässt den Himmel in verschiedenen Farben erscheinen. Die sechs Männer, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz entspannt am Kreisel zusammenstehen, haben für dieses Naturschauspiel keinen Blick. Ihre orangefarbenen Jahren „outen“ sie als Mitarbeiter des kommunalen Bauhofes. Vor ihnen liegt eine ungewöhnliche Spätschicht. Ihr Auftrag: Den in Vorbereitung auf die Landesgartenschau vor etwa acht Jahren angelegten Kreisel auszubaggern und die alte Erde durch neue zu ersetzen. Eine Nachtbaustelle in verkehrsarmer Zeit. Tagsüber an dieser Stelle zu bauen – undenkbar.

Der Verkehrskreisel in der Bahnhofstraße – der zweite stadtauswärts in Richtung Meiningen – ist der Stadtverwaltung schon lange ein Dorn im Auge. Unkraut, so weit das Auge reicht. Im Schatten der drei hochgewachsenen Bäume haben Blumen und Pflanzen kaum Chancen, sich zu entfalten. Die mit der Pflege der Insel beauftragte Firma kommt von weiter her – und ihrer Aufgabe dem Vernehmen nach nicht zufriedenstellend nach. Zudem vermutete Gartenbauamtsmitarbeiter Bert Fabritius in 30 bis 50 Zentimeter Tiefe mehr Dreck und Unrat als wachstumsfördernden Mutterboden. Die Umbau-Pläne des Kreisels beschleunigte jetzt eine wiederholte Anfrage der Bestattungen Schmalkalden GmbH, die sich gern werbetechnisch auf dem Oval präsentieren wollen. Vorbilder gibt es. Bunt, lustig, verrückt, interessant. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Thüringer Mineralbrunnen GmbH in der Kasseler Straße beispielsweise hat ihre des Nächtens beleuchteten Wassertropfen, die darauf verweisen, das ganz in der Nähe Mineralwasser von „reinster und ursprünglichster Qualität gefördert werden“. Im Kreisel Bahnhofstraße/Recklinghäuser Straße erzählen Reste einer mittelalterlichen Stadtbefestigung von über 1000 Jahren Stadtgeschichte und dem Kreisel an der Schwemmbrücke drückt die Putzteufel GmbH ihren blumigen Stempel auf. Nun bekommt auch das „Schmuddelkind“ einen frischen Anstrich.

Pünktlich um 18 Uhr kommt Bewegung in die Truppe von Bauhofleiter Dirk Bachmann. Mit bereit gestellten Bauzäunen sperrt sie eine Hälfte des Kreisverkehrs ab. Stadteinwärts werden Lkw, Busse und Pkw durch die „abgehängte“ Bahnhofstraße geleitet. Flutlicht schaltet sich ein. Die Freiwillige Feuerwehr hat dem Bauhof ihre mobile Netzersatzanlage ausgeborgt. Diese übernimmt für die nächsten sechs Stunden die Stromversorgung. Gerätewart Torsten John passt auf, dass alles funktioniert, packt an, wo Unterstützung nötig ist.

Tobias Krahn und Kevin Hartung schwingen sich in ihre Bagger, Peter Kaufmann greift sich die Schaufel. Ein eingespieltes Trio. Mitte August war es mit schwerer Technik ins Hochwassergebiet Bad Neuenahr-Ahrweiler gefahren, um dort Schutt und Schlamm wegzuschaufeln. Steffen Ilgen, Holger Delitt, Stefan Delitt und Stefan Hoffmann vom Ordnungsamt komplettieren das Team.

Allmählich fressen sich die zwei Baggerschaufeln in die Erde. Vorsichtig, filigran und dennoch kraftvoll. Um das Wurzelwerk nicht zu verletzen. Im Boden liegen elektrische Leitungen. „Der schafft es, einem mit dem Bagger den Slip auszuziehen“, witzelt Michael Pfunfke, der auf der Baustelle kurz nach dem Rechten sieht, über Kevin Hartung. Wenn das mal nicht eine schöne Aufgabe für „Wetten, das...?“ ist.

Ein Busfahrer kurbelt das Fenster herunter und schimpft. Offenbar war er über die kurzzeitige Umleitung nicht informiert. Ein Autofahrer spottet: „Ihr sucht wohl das Bernsteinzimmer?“ Langer Bart. Eine Anwohnerin der Bahnhofstraße wartet auf den Weihnachtsbaum. Weil sie aufgefordert worden war, ihr Auto woanders zu parken, hatte sie vermutet, dass der Baum an diesem Abend geliefert wird. In den sozialen Netzwerken zerbricht sich ein Nutzer den Kopf, warum „so viel Presse mit Kamera“ vor Ort sei? Eine Redakteurin, ein Fotograf. So viel zu „so viel“. Die Männer vom Bauhof sind Witzeleien gewöhnt (die Presse auch). Die Bagger beißen sich durch die Erde, gemischt mit Ziegeln und anderem Schutt. Am Ende des Tages sind es 100 Tonnen Aushub, die von einem Zwei- und einem Dreiachser abtransportiert - und 100 Tonnen Muttererde, vermischt mit rund 50 Tonnen Pflanzensubstrat, die wieder aufgebracht werden. Als das Flutlicht erlischt, ist es 24 Uhr.

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