Monarchie und Kolonialismus „Zeit für schmerzliche Wahrheiten ist gekommen“

Theresa Schäfer
Auf König Charles III. kommt sicher keine einfache Zeit zu. Foto: IMAGO/ZUMA Wire/Tayfun Salci

Es gibt wenige kritische Stimmen gegenüber der Monarchie dieser Tage. Doch die Diskussion wird kommen: Über die Kosten des Königshauses, seine Relevanz und über seine Rolle im Kolonialismus.

Es war ein Moment, der König Charles III. nicht angenehm gewesen sein dürfte: „Charles“, ruft ein Mann vergangene Woche im walisischen Cardiff, als der Monarch und seine Frau Camilla an einer Absperrung Hände schütteln. „Während wir Schwierigkeiten haben, unsere Häuser zu heizen, müssen wir für deine Parade zahlen. Die Steuerzahler blechen 100 Millionen Pfund für dich. Für was?“ Der König verzieht nur sein Gesicht und geht weiter.

Es gibt wenige kritische Stimmen gegenüber der Monarchie dieser Tage. Zu groß ist der Respekt vor der Lebensleistung der verstorbenen Queen. Zu groß bei vielen die Liebe zu „Her Majesty“, Elizabeth II. Doch die Diskussionen werden kommen: Über die Kosten der Monarchie, ob sie noch relevant ist und welche Schuld sie zu Zeiten des Kolonialismus auf sich geladen hat. Und in einigen Commonwealth-Ländern wird man sich fragen, ob es noch zeitgemäß ist, einen König vom anderen Ende der Welt als Staatsoberhaupt zu haben.

Geschichtsprofessor: Viele Menschen spüren auch Wut und Schmerz

Kris Manjapra, der sich als Geschichtsprofessor mit dem Thema Kolonialismus auseinandersetzt, bemängelte in mehreren TV-Interviews, dass die Rolle des Königshauses im Kolonialismus in der britischen Berichterstattung über das Ableben der Queen kaum eine Rolle spielt. Fakt sei aber: Allein der Anblick der Krone bedeutete für viele Menschen auch Wut und Schmerz.

Nun werden Forderungen laut, man müsse untersuchen, inwiefern gerade auch die Königsfamilie von der Ausbeutung fremder Völker profitiert hat. „Solange sie regierte, konnte das Establishment die Schrecken übertünchen“, analysiert die britische Kolumnistin Afua Hirsch. „Jetzt ist die Zeit für schmerzliche Wahrheiten gekommen.“

Die politische Kommentatorin Adeshola Mos-Shogbamimu sagte in einem Interview mit dem US-amerikanischen Sender MSNBC: „Die Queen bedeutet für verschiedene Menschen Verschiedenes. (...) Als sie Königin wurde, war sie Königin des Empire und das Empire war eine Kolonialmacht.“ Ein Teil des Erbes der Queen sei damit auch der Kolonialismus und auch die Gräueltaten, die im Namen der Krone begangen wurden.

„Mögen ihre Schmerzen unerträglich sein“

Selten ist die Kritik so harsch, wie von der aus Nigeria stammende Professorin Uju Anya von der Carnegie Mellon University in den USA. Sie twitterte, als Elizabeth II. im Sterben lag: „Mögen ihre Schmerzen unerträglich sein.“ Twitter entfernte die Nachricht, Anya erklärte ihren Ausfall so: „Wenn jemand von mir erwartet, dass ich irgendwas anderes als Verachtung für die Monarchin zum Ausdruck bringe, die über eine Regierung Aufsicht führte, die den Völkermord unterstützte, der die Hälfte meiner Familie massakrierte und vertrieb und dessen Folgen die heute Lebenden immer noch zu überwinden versuchen, könnt ihr weiter fromm wünschen.“

In den ehemaligen Kolonien in der Karibik dürften die Auflösungserscheinungen des Commonwealth nach dem Tod der Monarchin mit höherer Geschwindigkeit weitergehen. In Antigua und Barbuda kündigte der Regierungschef schon ein Referendum über die Loslösung vom britischen Königshaus an, da war die Queen noch nicht einmal beigesetzt.

Royale Charmeoffensive in Australien?

Barbados hat sich schon vergangenes Jahr vom britischen Königshaus losgesagt, in Jamaika deutete Premierminister Andrew Holness den Abschied von der Krone an, als Prinz William und Herzogin Kate direkt neben ihm standen. König Charles soll vorhaben, möglichst schnell Prinz William und Prinzessin Kate nach Australien zu schicken, um dort mit einer royalen Charmeoffensive mögliche republikanische Bestrebungen bestenfalls im Keim zu ersticken.

In Großbritannien selbst sind Rufe nach einer Republik noch eine absolute Minderheitsmeinung: Die Interessengruppe Republic, die sich für ein gewähltes Staatsoberhaupt einsetzt, forderte trotzdem bereits zwei Tage nach dem Tod der Queen eine „nationale Debatte“ über die Zukunft der Monarchie. Doch noch verhallen solche Töne fast ungehört. 67 Prozent der Briten wollen laut einer Umfrage die Monarchie behalten.

„Die Monarchie ist eine Art von Religion“

„Die Monarchie ist eine Art von Religion“, konstatiert der sehr Königshaus-kritische „Guardian“. Dass die Queen jetzt Heiligenstatus hat, zeigten schon die beispiellosen Pilgerströme zu ihrem Sarg vor der Beisetzung. Noch fällt ihr Glanz auch auf ihren Sohn.

Doch Fehler darf sich Charles keine erlauben. Er muss seinen Plan einer „slimmed-down monarchy“ durchziehen. Laut einer Umfrage des „Daily Express“ wünschen sich so ein abgespecktes Königshaus mit weniger Repräsentanten auch fast zwei Drittel der Britinnen und Briten. Auch Charles’ Krönung, die vermutlich nächstes Frühjahr oder Sommer stattfinden wird, soll nicht zu aufwendig ausfallen – schließlich steckt auch Großbritannien in der Inflation.

Um mit den Steuergeldern möglichst sparsam umzugehen, schreckt der König offenbar auch vor schmerzhaften Einschnitten nicht zurück: Um die hundert Mitarbeiter von Clarence House, Charles’ bisheriger Residenz, bekamen laut „Guardian“ bereits eine Vorwarnung, dass sie ihren Job verlieren könnten, wenn Charles und Camilla in den Buckingham Palace umziehen.

 

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