Dienstag, 11. September 2001 - der Tag, der die Welt aus den Fugen hob. Der junge Schauspieler Christian Erdmann ist - wie alle Menschen, denen er an diesem Tag begegnet - schockiert und sprachlos, als er die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers sieht. Er geht trotzdem zur Arbeit ins Meininger Theater, in der großen Hoffnung, mit seinen Kolleginnen und Kollegen die Trauer teilen und sich gemeinsam Trost zusprechen zu können.

Aber Intendantin Christine Mielitz rückt nicht vom regulären Betriebsablauf im Theater ab und auch die künstlerischen Leiter setzen sich nicht zur Wehr. Ihnen fällt nichts anderes ein, als Normalität zu verordnen. Es wird geprobt wie es im Buche steht. Also erscheint Christian Erdmann Punkt 19 Uhr auf der Probebühne. Es ist seine letzte Rolle am Haus, in Ray Cooneys Farce "Außer Kontrolle".

Er muss als vermeintliche Leiche nur stumm im Fensterrahmen hängen. Eineinhalb Stunden lang. - Neben der Unfähigkeit der Theaterleitung, vom festgeschriebenen Plan abzuweichen, ist das das zweite Makabre an diesem Tag. Die Meininger proben zur Freude und Erhebung, als sei nichts geschehen, das es rechtfertigen würde, die alten Gleise zu verlassen und innezuhalten. Und sei es nur für einen Tag und eine Nacht. Christian Erdmann liegt und liegt im Fensterrahmen und fragt sich mit jeder Minute mehr, ob er wacht oder träumt.