Marcel Bräutigam Ehrgeizige Ziele auf langen Strecken

Berit Richter
Zwischen zwei Nachtschichten mal schnell den Streckenrekord geknackt: Marcel Bräutigam Foto: Berit Richter

Der aus Großbreitenbach stammende Marcel Bräutigam liebt lange Strecken. Mit der Deutschen 50-km-Meisterschaft und dem Rennsteig-Supermarathon stehen im Mai gleich zwei Höhepunkte für ihn an.

Wenn 18,3 Kilometer zu kurz sind: Als Marcel Bräutigam am Karsamstag beim 17. Ilmenauer Osterlauf „Rund um die Talsperre Heyda“ als Erster ins Ziel des langen Kantens stürmte, hielt er sich nicht lange mit Feiern auf, sondern startete sofort durch, um noch eine weitere Runde um den Stausee zu laufen. Schließlich trainiert der aus Großbreitenbach stammende Langstreckenläufer, der seit Jahren für den GutsMuths-Rennsteiglaufverein an den Start geht, gerade für ein paar besondere Herausforderungen.

„Als Erstes möchte ich gern meinen Deutschen Meistertitel über 50 Kilometer verteidigen“, erzählt der Wahl-Erfurter. Den hatte er sich 2019 in Grünheide bei Berlin gesichert – in 2:51:55 Stunden. Sein erster deutscher Leichtathletik-Meistertitel beim ersten Ultra-Start überhaupt, nach diversen Vizerängen in Marathon und Halbmarathon. Die damalige Laufzeit war die zweitbeste deutsche über diese Distanz, nur zwei Minuten über dem Deutschen Rekord, und brachte Bräutigam die Nominierung für die 50-km-WM im rumänischen Brasov ein, wo er dann mit 2:49:26 Stunden noch bis auf 20 Sekunden an den Deutschen Rekord herankam und mit der Mannschaft Vizeweltmeister wurde.

In den nächsten beiden Jahren konnte Corona-bedingt keine Meisterschaft ausgetragen werden. Nun steht am 7. Mai im baden-württembergischen Pliezhausen wieder eine an. Marcel Bräutigam sieht sich dafür nach seinen jüngsten drei Starts gut gerüstet.

Den Auftakt bildete am 3. April der Hannover Marathon. „Ich wollte eine Zeit von 2:24 laufen, 2:22 sind es geworden“, sagt der 34-Jährige. Genauer gesagt 2:22:39 Stunden und damit der Silberrang in der Altersklasse 35 sowie Gesamtplatz 16. „In einer zehnköpfigen Gruppe konnten wir lange zusammen bleiben, und bei Kilometer 37 fühlte ich mich tatsächlich so, als wäre ich gerade losgelaufen. Ich bin das extra defensiv angegangen – nach dreijähriger Abstinenz und Trainingsumfängen von 60 bis 80 Kilometern pro Woche sollte man nicht zu viel riskieren. Umso glücklicher bin ich, dass der Plan aufgegangen ist.“

Mittlerweile hat Bräutigam seinen Trainingsumfang auf 80 bis 100 Kilometer pro Woche hochgeschraubt. Mehr, so sagt er, sei kaum drin – zwischen zwölf Stunden Polizeidienst und Familie. Er achte deshalb darauf, „vor allem viel Qualität zu trainieren, nicht reine Quantität.“ Schnelligkeit und hohes Tempo stünden da ganz vorn. „Ich liebe und brauche das Laufen. Es macht mir weiterhin großen Spaß“, sagt Bräutigam. An einen sportlichen Ruhestand ist für den ehemaligen Biathleten also nicht zu denken. Und die Ziele bleiben ebenso hoch wie die Motivation.

Dass war in den letzten Jahren nicht immer so, so ganz ohne Wettkämpfe. „Ich brauche ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann. Ohne konkretes Zeil vor Augen hat mir dann doch ein bisschen die Motivation zum Trainieren gefehlt“, gesteht Marcel Bräutigam. Einen positiven Nebeneffekt hatte die Zwangspause aber doch: Er konnte seinen Körper, der ihm in den Jahren vor Corona öfter einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, mal richtig auskurieren. Zwar habe er noch immer Probleme mit dem Rücken, die seien aber beherrschbar. Und auch seine Corona-Infektion wurde gut überstanden, sagt er.

Zweite Station war am 9. April der Kyffhäuser-Berglauf in Bad Frankenhausen. Dort gewann Marcel Bräutigam über 13 Kilometer in 46:26 Minuten. Es folgte am Karsamstag der souveräne Sieg in Heyda mit neuem Streckenrekord und Durchbrechen der Ein-Stunden-Schallmauer.

„Die Volksläufe machen großen Spaß“, sagt der Großbreitenbacher. „Nach langer Zeit die anderen Läufer wiederzusehen und die Unterstützung durch meine Familie an der Strecke zu haben, dass mein Sohn im Ziel auf mich wartet – das sind noch mal ganz andere Dinge als wenn ich allein trainieren würde.“ Dafür nimmt der Polizist auch Schlafmangel in Kauf, wenn, er, wie am Karsamstag, die Laufschuhe zwischen zwei Nachtschichten schnürt.

Nur zwei Wochen nach der Deutschen Meisterschaft will sich Marcel Bräutigam („wenn alles gut geht“) dem nächsten Ultralauf stellen: Dem Supermarathon beim Rennsteiglauf. Mit diesem hat der viermalige Rennsteiglaufsieger noch eine Rechnung offen, ist es doch die einzige Distanz, die noch in seiner Erfolgsbilanz fehlt. 2019, bei seinem bisher einzigen Start über den langen Kanten, wurde Bräutigam hinter dem Jenaer Steffen Justus Zweiter. Lange hatten die beiden sich bei der Führung abgewechselt, ehe Bräutigam, von Krämpfen geplagt, abreißen lassen musste. „Jetzt kenne ich die Strecke besser, weiß, was mich erwartet und werde nicht wieder den Fehler machen, zu schnell anzugehen“, sagt er.

Mindestens eine ebenso große Herausforderung wird am 2. Juli der Zermatt-Marathon in der Schweiz werden, eine alpine Prüfung auf einer der anspruchsvollsten Marathonstrecken Europa. Rund 1400 Höhenmeter liegen da zwischen dem Start in St. Nikolai und dem Ziel auf dem Riffelberg. „Da bin ich sehr gespannt, was mich erwartet, weil ich auf dieser Strecke logischerweise nicht vorher trainieren kann“, so Bräutigam.

Schon eher weiß der 34-Jährige, was ihm beim vierten großen Saisonziel erwartet, der Polizei-EM im Marathon, die am 9. Oktober im Rahmen des Eindhoven-Marathons ausgetragen werden soll. „Die Strecken in den Niederlanden sind flach und schnell. Ich bin dort vor ein paar Jahren schon mal gestartet.“ 2018, bei der letzten EM im irischen Dublin, war Bräutigam Zweiter, zwei Jahre zuvor in Graz (Österreich) holte er den Titel. Ähnliche Ambitionen hat er auch diesmal. Doch noch wichtiger ist ihm die Mannschaft. „In dieser Wertung bin ich bisher immer Zweiter geworden. Jetzt soll es endlich mal zum Titel reichen.“

 

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