Ich war 13 und es war mein erstes Fußballspiel einer Weltmeisterschaft, welches ich in Farbe sehen durfte. Am Fernsehen bei Freunden. Nicht in Pal, sondern in Secam. Aber das war mir egal. Das Hamburger Volksparkstadion war an diesem lauen Sommerabend des 22. Juni 1974 so nah und doch so fern. Ich saß damals ein bisschen weit weg vom Bildschirm. Ich erinnere mich genau. Angerichtet war in einer Reparaturwerkstatt für Fernseher. Die besten Plätze, in der ersten Reihe, waren für die Großen reserviert. Aber das war mir egal.

Hauptsache dabei sein und dann auch noch in Farbe. Die Klassenkameraden waren neidisch. Schön soll es gewesen sein, dieses Stadion, erzählten Bekannte aus dem Westen in Briefen. Aber sie hätten mit Fußball nicht so viel am Hut. Die Tickets wären auch zu teuer und die lange Bahnfahrt. Ach was hätte ich gegeben damals für eines der 60 200 Tickets. Die Matchboxsammlung, die Sprengel-Bilder, das letzte Hemd und vielleicht hätte ich sogar meine erste Freundin eingetauscht. Ich war ja erst 13.

Es war das einzige Mal, dass die beiden A-Nationalteams gegeneinander spielten. Nervös rutschte ich also auf dem harten Fernsehmechanikerhocker in meinen Lederhosen hin und her. Ich kannte die Aufstellungen auswendig. Zuhause wurde an jedem Samstag erst Oberliga und dann Bundesliga geschaut. Konni Weise war mein Idol hüben und Overath mein Liebling drüben. Und dann kam sie, die 77. (Wikipedia) bzw. 78. (DDR-Lexikon) Spielminute schnörkellos und gar nicht tiki-taka: Langer Pass von Hamann.

Sparwasser kommt ans Leder, degradiert Höttges, Vogts und Maier zu Statisten und schiebt die Kugel in die Maschen. Tooooor habe ich geschrien, bin auf die Straße gerannt und habe noch einmal Tooooor gejubelt. Da war jedoch niemand, kein Public Viewing. Aber das war mir egal. Wir hätten gegen uns gewonnen, sagt man heute, und dass wir mit diesem Tor die BRD zum Weltmeister gemacht hätten. Ach ja, ein politischer Sieg gegen den gedemütigten Klassenfeind im Kalten Krieg soll es auch gewesen sein. Aber das alles war mir egal. Für mich war es einfach nur das Tor.