Als Lehrer unterrichtete er an verschiedenen Schulen des Landkreises. Nach der politischen We nde engagierte er sich in der Gemeinde, unter anderem als Ortsteilbürgermeister. Er spüre, sagt er, eine Art „Auftrag“, seine Erinnerungen aufzuschreiben und damit etwas gegen das Vergessen zu tun. „Denn es ist schier unerträglich, wenn man erleben muss, wie sich besonders auch junge Menschen massenweise so enttäuschend verhalten - in einer Zeit ,wo noch nicht einmal die Narben des 1., geschweige denn die des 2. Weltkrieges verheilt sind.“ Aus dieser Situation heraus er wuchs die Idee für seinen nachfolgenden Bericht. Noch heute verbinde ihn viel mit Hildburghausen, sagt Erwin Schwanke. „Hier bin ich aufgewachsen, hier fand ich Freunde, hier kenne ich jeden Stein und es gibt keine Straße und selten ein Haus ohne Erinnerungen auch aus der Jugendzeit.“

Es war Sonnabend, der 7. April 1945, ein sonniger und milder Frühlingstag. Auch über dem Städtchen Hildburghausen wölbte sich schon in aller Frühe ein blauer Himmel. „Morgenstund hat Gold im Mund “, sagt der Volksmund. Aber das galt nicht für diese Zeit, denn der Krieg, nun schon im sechsten Jahr, legt es ich wie Mehltau auf das Land. Die euphorischen Siegesmeldungen der ersten Kriegsjahre waren schon längst verstummt. Seit Monaten sind die alliierten Verbände als auch die sowjetischen Streitkräfte auf dem Vormarsch, die einen aus westlicher, die anderen aus östlicher Richtung. Aus dem Volksempfänger hörte sich das an jenem Morgen folgendermaßen an : „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: ...Östlich Mühlhausen in Thüringen sind heftige Kämpfe im Gange. Während Eisenach und Langensalza verloren gingen , rühren unsere Truppen aus dem Gebirgsmassiv des Thüringer Waldes heraus zahlreiche A ngriffe gegen die rückwärtigen Verbindungen des Feindes.“

Trauer und Ängste

Längst ahnten oder wussten die Menschen zu Hause, was das für die Soldaten an der Front bedeuten könnte, Tag für Tag, Stunde um Stunde: Hunger, Kälte, Krankheit, Verletzungen bis hin zu dem Schlimmsten. Man sah es dann dem Briefträger schon vom weiten an, wenn er wieder dieses amtliche Schreiben von der Wehrmachtsaußenstelle an die Hinterbliebenen aushändigen musste. In die Trauer mischten sich dann noch die Ängste derer, die noch hoffen durften auf die Heimkehr des Sohnes oder des Ehemannes. Ansonsten kämpfte man um’ s Überleben: Wo kriege ich ein Dach über den Kopf, wie komme ich an Trinkwasser, an Brot und an Heizmaterial? Alles war ein Problem. Dieses bittere Los blieb allerdings den Einwohnern aus den kleineren Orten wie Hildburghausen zum Glück erspart. Trotzdem war auch hier nichts mehr übrig geblieben von der Aufbruchstimmung der Massen, wie sie von der NS-Propaganda inszeniert worden war.

Flucht aus Westpreußen

Das empfand auch unsere Tante Pauline so. Tante Pauline war die älteste Schwester unserer Mutter. Sie wohnte damals schon seit Jahren mit ihrem Ehemann Johann und dem einzigen Sohn Hans in der Knappenga sse 5. Doch der bereits erwachsene Sohn war an der Front. Also hatte sie noch etwas Platz in der Wohnung. Das war für uns ein großes Glück, denn nur unter diesen Umständen konnte Tante Pauline uns in ihrer Wohnung eine erste Unterkunft ermöglichen, als wir Ende März 1945 vor ihrer Tür standen. Wir, das waren meine Mutter mit ihren sieben Kindern, das älteste 14 und das jüngste, das war ich, gerade mal zehn Monate alt. Wir teilten das Schicksal derer , die gegen Ende des Krieges ihre Heimat verlassen mussten. Wir kamen aus Westpreußen, aber ohne Vater , denn der war bereits im Herbst 1944 zum Volkssturm eingezogen worden. Eine Feldpostkarte aus Thorn war sein letztes Lebenszeichen.

Und dann jene Nacht im Februar ’45: Vorposten der Wehrmacht auf Motorrädern klopften heftig an das Tor unseres Bauernhofes, den meine Eltern damals bewirtschafteten. Die Soldaten hatten den Befehl, das Dorf zu räumen, denn die russische Front war schon bedrohlich nahe. Innerhalb von zwei Stunden sollten wir den O rt verlassen. Nur das Notwendigste sei mitzunehmen. In zwei Wochen könnten wir wieder zurück. Was macht eine Mutter in solch einer Situation? Draußen lag Schnee und es war eisig kalt. Alle mussten sich so viele Kleidungsstücke überziehen, wie auf den Körper draufgingen. Ich wurde in Decken eingewickelt, und in den Kinderwagen verstaut. Ein Leiterwagen, zwei Pferde davor. Ein Fohlen, am gleichen Sonntag geboren, wie ich, konnte nicht mit, auch nicht unser Hund, das ging allen sehr nahe. Man hörte ihn noch bellen, als wir schon weit weg waren. Der älteste Bruder führte die Pferde, der Zweitälteste ging zu Fuß, er wollte die Pferde schonen.

Unterwegs schlossen wir uns einem Treck an. So schlugen wir uns durch, von Ortschaft zu Ortschaft. Überall gab es auch Menschen, die halfen. Meine älteste Schwester, damals zehn Jahre, versuchte dort, wo wir vorbeikamen, für mich Milch zu besorgen. Sie strahlte, wenn sie erfolgreich war, und sie war unglücklich, wenn das Krüglein leer blieb. Nachts schliefen wir in Schulen, in Turnhallen, in Scheunen oder in Kirchen. Unser größter Feind, das war die Kälte, besonders in den Nächten. Auch feindliche Tiefflieger waren eine ständige Gefahr, besonders an strategischen Punkten oder dort, wo Militär unterwegs oder stationiert war. Daher mussten oftmals bestimmte Gebiete weiträumig umfahren werden.T rotzdem überquerten wir nach mehreren Tagen bei Stettin die Oder. Ich hatte inzwischen eine ernste Lugenentzündung. In Neustrelitz übernachteten wir in einer Schule. Ein Lehrerehepaar, das im Schulhaus wohnte, kümmerte sich um uns und organisierte ärztliche Hilfe und Medizin, sonst hätte ich nicht überleben können.

Elend des Krieges erlebt

Nach zwei Wochen sollte es dann weitergehen, mit dem Zug nach Hildburghausen, denn dort lebte unsere Tante Pauline, die würde uns helfen, so hofften wir. Doch das Lehrerehepaar hatte Bedenken. Diese Strapazen könnte ich nicht überstehen, befürchteten sie. Und sie wollten mich behalten, solange der Krieg noch dauern würde. Aber Mutter konnte und wollte mich nicht zurück lassen. Stück um Stück schlugen wir uns dann alle durch, Richtung Süden. Unterwegs erlebten Mutter und Geschwister das ganze Elend des Krieges: Zerbombte Städte, Obdachlose, Kranke ,Verwundete und Verzweifelte. Aber schließlich erreichten wir doch mit Mühe unser Ziel, den Bahnhof H ildburghausen. Dann erkundigten wir uns nach dem Weg zur Knappengasse Nr. 5. Als wir schließlich vor dem Haus der Tante standen, hatten alle Herzklopfen. Wie würde die Tante reagieren, was würde sie sagen? Sie war ja völlig ahnungslos und alle hatten ja ohnehin eigene Sorgen. Selbst ein Brief wäre in jenen Tagen niemals rechtzeitig angekommen. Auch wusste Tante Pauline noch nichts von den Geburten der letzten beiden Kinder. Trotzdem fasste sich Mutter ein Herz und ging mit zwei der älteren Kinder die Treppe hinauf, klopfte an die Tür mit dem Namensschild „Johann und Pauline Wi ch“. Nachdem sich die Tür geöffnet hatte, lagen sich die beiden Schwestern nach vielen Jahren wieder in den Armen.

Wärme und Behaglichkeit

„Mein Gott, mein Gott, mein Gott!“, das waren die ersten Worte unserer Tante und wir durften rein, hinein in die warme Küche. Diese Wärme und Behaglichkeit zu spüren, nach all den Tagen und Wochen zuvor, wie müssen das meine Geschwister damals empfunden haben. Nach den Brüdern Arno (11 Jahre) und Heinz (8) betraten dann auf leisen Sohlen die anderen Geschwister den Raum, nämlich Hedi (10) mit der zweijährigen Edith an der Hand und Helga, die damals vier Jahre alt war, dann schließlich auch Gerhard, der aufgrund einer akuten Gelenkentzündung sich nur mit Krücken fortbewegen konnte. „Sind nun alle da?“, so die bange Frage von Onkel Johann. „Nein, unten ist noch einer im Kinder wagen, Erwin, unser Jüngster“, antwortete etwas verlegen unsere Mutter. T rotzdem durften wir bleiben.

Spuren des Krieges

Unsere Tante überließ uns für die nächsten Wochen ihr größtes Zimmer, auch die Küche können wir mit nutzen. So waren wir nun hier bei der T ante und gemeinsam versuchten wir mit viel Geduld und Improvisation zu überleben, trotzdem waren alle froh, die unbeschreiblichen Tage und Wochen der Flucht doch überstanden zu haben. Aber wenn die Erwachsenen mit einander redeten, wurde schon spürbar, dass auch hier der Krieg nicht spurlos vorübergegangen war. Auch was Onkel und Tante uns über die letzten Wochen vor unserer Ankunft berichteten, war nicht ermutigend. Im Januar zum Beispiel wurden die Lebensmittelrationen weiter gekürzt. Die Schulen waren geschlossen, denn die Lehrer mussten Kriegsdienst leisten. Das Technikum wurde für militärische Zwecke genutzt.

Immer wieder gab es Fliegeralarm, zum Glück aber ohne Folgen, denn die feindlichen Bomber überflogen nur das Gebiet. Nicht so aber in den Mittagsstunden des 23. Februar. A n diesem Tag hatten es einige alliierten Bomber vermutlich auf die moderne Waffenfabrik Nordeuma abgesehen, stattdessen wurde aber die in unmittelbarer Nähe befindliche Nervenklinik und Umgebung schwer getroffen. Mehr als 200 Menschen könnten bei diesem Angriff ihr Leben verloren haben. Amtliche Angaben dazu gab es aber nicht, da nur die ortsansässigen Einwohner namentlich erfasst worden waren, nicht aber die Kriegsflüchtlinge, Soldaten des Lazaretts, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Auch bereits am 6. Februar wurde beim Überflug eines alliierten Flugzeugverbandes eine Fünf-Zentner-Bombe abgeworfen, die im Park der Nervenheilanstalt einen Krater von acht Metern Tiefe hinterlassen hatte, zum Glück hatte es damals weder Tote noch Verwundete gegeben.

Aber am 17. Februar attackierten zwei amerikanische Kampfflugzeuge auf der Kleinbahnstrecke von Heldburg nach Hildburghausen einen Personenzug, wobei leider auch wieder eine Person getötet und vier weitere verletzt wurden. An jenem Samstagvormittag des 7. April sind drei der älteren Geschwister nicht im Haus, nur die drei kleinsten und der älteste sind da. Mutter sitzt am Herd und schält Kartoffeln für das Mittagessen. Tante Pauline ist als Aufwartefrau unterwegs und Onkel Johann ist im Kreisamt, wo er als Hausmeister tätig war. Doch plötzlich geht es los, Fliegeralarm, wie so oft in diesen Tagen.

Granateneinschlag

Zunächst bleibt alles ruhig, wieder nur Fehlalarm? Mutter bleibt gelassen. Doch dann geht alles sehr schnell: Ein leises Gebrumme, das lauter und lauter wird, dann Kracher, ganz in der Nähe, draußen Tiefflieger und aufgeregte Stimmen. Dann nochmals ein Schlag, ein Knistern und Knattern, Scheiben gehen zu Bruch, auch in der Stube neben der Küche. „Nichts wie raus!“, schreit Mutter. Sie nimmt mich auf den einen, die zweijährige Edith auf den anderen Arm und öffnet die Tür zum Flur. Doch da kommen uns bereits dicke Rauchschwaden entgegen. Mutter in Panik, rennt zurück in die Küche, öffnet das Fenster, ruft um Hilfe. Sekunden vergehen und die Küche nun auch voller Qualm! Aber es kommt keiner. Kurz entschlossen, nimmt sie uns erneut in die Arme, hastet so über den Flur zur Treppe, Stufe für Stufe hinab und plötzlich mitten hinein in ein Loch, ein Granateneinschlag!

Zuflucht im Rathauskeller

Wir stürzen eine Etage in die Tiefe. In dieser Schrecksekunde macht Mutter das einzig Richtige, sie presst uns fest an sich, instinktiv. Unten angekommen, steht sie zwar unter Schock, aber außer ein paar Schürfwunden ist uns allen nichts passiert. Nun kommt auch Hilfe. Brandschutzhelfer kümmern sich, bringen Gerhard und Helga nach unten, werfen Federbetten für die Nacht aus dem Fenster und beginnen mit den Löscharbeiten. Andere geleiten uns durch die Braugasse in den Rathauskeller. Nicht ungefährlich, denn die US-Truppen haben es besonders auf die Schlosskaserne abgesehen, die schon in Flammen steht. Mit Artillerie und Tieffliegern attackieren sie außerdem noch vorhandene Stellungen von Wehrmacht und SS, die sich allerdings bereits in Richtung Stadtberg zurückgezogen haben.

Vereinzelt fallen Brandbomben und die Verletzungsgefahr durch Granatsplitter ist nach wie vor sehr groß. Trotzdem rennt Schwester Hedi ,die inzwischen bei uns ist, nochmals zurück in die Knappengasse, um Betten zu holen. Man musste ja damit rechnen, dass wir im Luftschutzkeller über Nacht hätten bleiben müssen. Und auch sie hatte Glück. Keuchend und mit zwei Kopfkissen in den Händen steigt auch sie zu uns hinunter in den Rathauskeller.Völlig erschöpft sitzen wir bei spärlichem Licht beieinander. Der Schreck sitzt allen noch in den Gliedern, doch der Spuk ist noch nicht vorbei. Der Beschuss geht weiter.Uns trifft es wieder. Einschläge genau über uns, einmal, zweimal, dreimal... Sie zielen aufs Rathaus, das Wahrzeichen der Stadt. Werden die Mauern und das Gewölbe über uns standhalten oder werden wir hier lebendig begraben? Das sind die Gedanken derer, die hier unten sitzen. Keiner spricht ein Wort...

So saßen wir, dicht aneinandergekauert, wie lange, konnte später keiner mehr sagen, es hatte auch keiner eine Uhr. Einige Schläge erschütterten noch das Gewölbe, dann war Schluss. Schluss im wahrsten Sinne des Wo rtes, denn für Hildburghausen war an diesem 7. April der Krieg zu Ende. Als wir die Treppenstufen hinauf ans Tageslicht stiegen, waren die A merikaner schon in der Stadt.

Zitate: 1. Die Wehrmachtsberichte 1939-1945, Band 3, S. 524, GLB, 1989 2. ebenda, S. 524 Allgemeine Informationen zur Thematik 1. Michael Römhild, Hans-J. Salier: Hildburghausen un te rm Ha ke nk re uz, Stadtmuseum Hildburghausen, Ve rlag Fra nke nsc hwe lle