Heimat und Tradition Der Weiberstammtisch am Backofen

Karl-Wolfgang Fleißig

Das Backhaus in Oberwind (Landkreis Hildburghausen) hat eine lange Geschichte. Vor einem halben Jahrhundert ging der Ofen aber aus. Nach der Jahrtausendwende wurde erneut angeschürt. Dahinter steht ein ganz besonderer Verein – und das ganze Dorf.

Schaut man in der Geschichte des Backhauses Oberwind etwas weiter zurück, so hat vor elf oder zwölf Jahren der damalige Ortsteilbürgermeister Wolfgang Herrmann den alten Backofen im noch älteren Backhaus überprüfen lassen. Das Ergebnis war, dass der Ofen in Ordnung ist und auf Einwohner wartete, die ihn wieder „zum Leben“ erweckten. Das sah auch Wolfgang Hermann so und meinte zu den Mitgliedern des Weiberstammtisches: „Eigentlich könnt ihr etwas machen!“.

Dieser Aufforderung kam man auch gerne nach, und so wurde zunächst mit einem Probebacken bei einem Kinderfest begonnen, den Ofen und das Backhaus wieder zu nutzen. Nunmehr gab es in der Summe bis zum vergangenen Wochenende zehn Backhausfeste. In der Gegenwart wird das Backhaus in der Regel zweimal im Jahr genutzt. Neben dem Backhausfest wird es auch zum Weihnachtsmarkt angeschürt.

Am Backhaus selbst wurde Jahrzehnte lang nichts gemacht. Nicht ganz eindeutig ist, ob der Backofen letztmalig im Jahr 1968 oder 1974 zu einer damaligen Jugendweihe angeschürt wurde. Auf jeden Fall wurde nach der Wiederentdeckung des Backens das Gebäude ausgebessert und ausgebaut. Dazu gehören beispielsweise ein neuer Putz, Fließen oder auch die Elektrik, so Wolfgang Herrmann, der es sich nicht nehmen ließ und selbstverständlich beim Fest dabei war und Auskunft geben konnte.

Die Ausgabe von Kaffee und Kuchen erfolgte im ehemaligen Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr von Oberwind, gleich neben dem Backhaus und unter der Schatten spendenden Linde. Während der Feuerwehrverein noch existiert, gibt es seit dem Jahr 2011, so Wolfgang Herrmann, im Ort selbst keine Feuerwehr mehr. Das Gerätehaus ist Eigentum des Dorfes, in dem nun Materialien, wie für solche Feste, eingelagert werden. Einen Feuerwehrverein zu haben, ist natürlich auch von Vorteil. Unterstützt ein solcher Verein sonst finanziell die Arbeit der aktiven Wehr, so kommen die Einnahmen des Vereins nunmehr allgemeinnützigen Zwecken zugute. So wurden schon Sitzgarnituren und Zelte sowie weitere Ausrüstungsgegenstände angeschafft.

Wann das Backhaus in der Mitte des Ortes überhaupt gebaut wurde, darüber konnten Gabriele Fischer (die von ihren Mitstreiterinnen als „Chefin“ des Oberwinder Weiberstammtisches gesehen wird, sie selbst das aber nicht so betrachtet) und Wolfgang Herrmann keine Auskunft geben. Auf jeden Fall wurde damals schon gebacken. Diese Tradition ist mit dem Backhausfest in Oberwind wieder belebt worden. „Die heute etwas machen, geben es an ihre Kinder weiter und es kommen auch immer neue Helfer dazu“, so Gabriele Fischer. Das sorgt sicherlich dafür, dass diese Tradition des Backens in Oberwind nicht untergehen wird.

Dorffeste – und damit auch das Backhausfest – sind in der Regel kulturelle Höhepunkte im Leben einer Kommune und tragen auch zur Festigung und zum Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft bei.

Backhäuser gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern Europas. Der Ursprung gemeinschaftlich genutzter Häuser ist nicht bekannt. Wahrscheinlich gibt es sie bereits seit der Antike, im mittelalterlichen Europa sind sie im 14. Jahrhundert nachgewiesen. Zu Backtagen brachten Frauen den zu Hause vorbereiteten und von feuchten Tüchern bedeckten Teig mit. Ihre flächendeckende Verbreitung begann jedoch erst im 17. Jahrhundert, als in mehreren deutschen Territorien Hausbacköfen wegen der Brandgefahr und des höheren Holzverbrauchs hoheitlich untersagt wurden.

Feierlichkeiten werfen immer ihre Schatten voraus. So auch in Oberwind. Auch im kommenden Jahr 2023 soll der Schornstein des Backhauses wieder qualmen und vom Backen künden. Dann nämlich kann Oberwind auf eine 700-jährige Geschichte blicken, was natürlich gebührend gefeiert werden soll, ebenfalls mit einem Backhausfest.

Der Ofen war auch zum zehnten Fest am vergangenen Wochenende angeschürt. Veranstaltet wurde das Dorfevent vom Weiberstammtisch – eine kleine Gruppe von fünf Frauen – und mit Unterstützung vom Feuerwehrverein Oberwind und der Männersportgruppe erhalten. Wegen Corona fiel das fest 2020 ganz aus und im vergangenen Jahr gab es ein Sommerfest „nur“ mit Pizza und Zwiebelkuchen.

Das erste Mal wurde am Freitag vor dem Fest der Backofen eingeschürt. Fünf Kuchen waren es, die in diesem Jahr in den Ofen kamen – also von jedem Mitglied des Weiberstammtisches einer. Am Samstag wurde am späten Nachmittag der Backofen von Manuel Fischer noch einmal auf Temperatur gebracht, um fünf Zwiebelkuchen und sechs Pizzen in den Ofen zu schieben. Es war weithin zu erkennen, dass sich im Backhaus etwas tat, spuckte doch der Schornstein ordentlich Rauch aus. Für Manuel Fischer war es bei den sommerlichen Außentemperaturen – und dann noch bei den Temperaturen am Ofen selbst – eine schweißtreibende Aufgabe. Das Backen ist aber letztendlich auch kein Job für Jedermann, braucht man doch ein Gefühl für die richtige Ofentemperatur, damit das Backwerk auch richtig gedeiht.

Aufgrund der sommerlichen Temperaturen war erstmals ein Eiswagen gechartert worden. Für die musikalische Unterhaltung sorgten die Heimatmusikanten aus Brattendorf. „Sie sind treu und begleiten uns schon so lang, wie es das Backhausfest bei uns gibt“, so Gabriele Fischer.

Zur Abkühlung für die kleinsten Festbesucher standen kleine Planschbecken bereit. Aber auch einmal kurz die kleinen Händchen unter das zulaufende Wasser des Dorfbrunnens gehalten, schaffte eine vorübergehend kurze Abkühlung. Um für die Kids die Zeit nicht zu lang werden zu lassen, konnten sie beispielsweise basteln oder auch mit einem Bobbycar fahren. Die Erwachsenen konnten im Schatten eines Zeltes den Nachmittag verbringen, um so dem wohlgesonnenen Klärchen Sonne zumindest etwas zu entkommen.

Zahlreiche unsichtbare Geister haben zum Erfolg des zehnten Backhausfestes beigetragen. „Keiner denkt daran, was im Hintergrund eines solchen Festes alles gemacht werden muss, ohne diese Geister geht gar nichts“, beschreibt Gabriele Fischer dieses Schaffen. „Auch Töchter und Schwiegertöchter, Kinder und Schwiegerkinder sind nach dem Mittagsschlaf des Nachwuchses wieder als helfende Akteure des Festes dazu gestoßen“, so die Chefin des Weiberstammtisches. Insgesamt werden es so 30 Personen sein, die an der Organisation und Durchführung des Backhausfestes beteiligt sind. Bis auf den Feuerwehrverein ist es ansonsten ein loser Zusammenschluss der verschiedensten Einwohner.

 

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