Gib-und-Nimm-Markt Markttag zwischen belgischen Brocken und Kranichen aus Japan

Was die kleine Frieda am Sonntag erlebt hat, werden ihr ihre Eltern sicher erzählen, wenn sie alt genug ist. Das kleine Mädchen hat am Sonntag einen der 100 Pokale für Zella-Mehlis erhalten, einfach, weil sie als Silvester 2021 geboren wurde.

Mit schwerem Gepäck kommen die Zella-Mehliser am Sonntag am Bürgerhaushof an. Tina Heß hat einen Korb voll Bücher dabei. „Ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. Aber ich weiß, dass ich sie nicht noch einmal lesen werde“, sagt sie. Eine gute Gelegenheit, Überflüssiges weiterzureichen, bietet der Gib-und-Nimm-Markt vom Verein Aufwind. Auch Gabi Bauckmann hat die Chance ergriffen, hat ein Kinderfahrrad und allerhand Spielzeug mitgebracht. „Ziel ist es immer, weniger mitzunehmen als man herbringt“, sagt die Zella-Mehliserin. Auch zwei Jungs haben das Prinzip des Tauschens verstanden. Mit zwei DVDs stehen sie da. „Dafür würden wir gern die CD hierlassen“, sagen sie. Sindy Wagner koordiniert das Tauschgeschäft und sortiert die neue Ware an ihrem Stand ein. „Kochbücher gehen dieses Jahr besonders gut. Auch die Gartenbücher sind bereits weg“, sagt sie.

Wer die Tipps aus der Literatur beherzigt, kann schon bald eine Gemüsesuppe kochen, wie sie Naju-Mitglied Annett Weichert gezaubert hat. Mit einer fleischigen und einer vegetarischen Variante verköstigt sie die Gäste. „Die Kartoffeln und den Gemüsesud habe ich zu Hause vorbereitet. Dann sind die Kräuter aus dem Garten von Franz Elschner dazugekommen“ erzählt sie. Petersilie, Brennnessel, Giersch, Bärlauch und Estragon sorgen für den Geschmack.

Um all das zu schnippeln, braucht es scharfe Messer. Daher ist Messerschleifer Fritz Schweser ein gefragter Mann. Vom kleinen Schnitzer bis zum langen Küchenmesser bringen die Marktbesucher alles mit, was stumpf ist. Kaum zwei Minuten später gleiten die Klingen wieder sauber durch Papier. Zuerst werde am Bandschleifer grob geschliffen, erzählt Fritz Schweser. Danach geht’s an den Feinschliff. Dafür hat er extra einen belgischen Brocken mitgebracht. Mit diesem Schleifstein, bestehend aus vulkanischer Asche, Schiefer und Granat-Steinen, könne er jede Klinge wieder scharf machen.

Doch der Maschinenbauingenieur fertigt auch selbst Messer. Sein Fachwissen aus dem Bereich der Härterei käme ihm dabei entgegen. „Man muss wissen, welche Farbe der Stahl beim Erhitzen und beim Abkühlen haben muss“, sagt der Zella-Mehliser. Alles andere habe er sich autodidaktisch beigebracht.

Zwei Wochen ist er beschäftigt, um aus einem Stahlblock eine feine Damastklinge herzustellen. Ihm käme es dabei besonders auf die Zusammensetzung des Stahls an. Der mache den Unterschied zwischen billigen und teuren Küchenutensilien. Nachschärfen müsse man das Metall trotzdem. „Ein Messer, dass immer scharf bleibt, gibt es nicht“, räumt er mit einem Irrglauben auf.

Zwischen Handwerk und Kunst bewegt sich der Pokal, den Jasper Venter für Zella-Mehlis gefertigt hat. Es ist einer von 100, die in den kommenden Jahrzehnten an die Bürger der Stadt verliehen werden. Der überdimensionale, bemalte Origami-Kranich geht an den jüngsten Bürger der Stadt aus dem Jahr 2021, so die Voraussetzung, die der Künstler an sein Werk „Blinder Esel“ geknüpft hat. Frieda Bittorf wurde am 31. Dezember 2021 geboren. Auf dem Arm von Mama Sandra Grimm beobachtet die Kleine das Geschehen.

Doch fast hätte sie den Pokal gar nicht erhalten. Denn anstatt an dem jüngsten Bürger war sein erster Impuls, den Pokal an den ältesten Bürger zu überreichen, erzählt Jasper Venter. „Ich war damals selbst in einer Krise und dachte, er sollte an jemanden gehen, der schon alle Lebenskrisen durchlebt hat“, berichtet er. Doch nun stehe der Pokal für die Zukunft und für Glück.

Autor

 

Bilder