Neuhaus-Schierschnitz Abriss-Fund weckt Erinnerungen

Horst Wachter erzählt über die frühere Mineralwasserfabrik seines Großvaters. Foto: /Carl-Heinz Zitzmann

Als Pierre Grünbeck beim Abriss eines alten Hauses zwei Flaschen mit der Aufschrift „Mineralwasserfabrik Louis Wachter Neuhaus-Schierschnitz“ entdeckt, staunt nicht nur er, dass es so eine Firma mal in seinem Heimatort gegeben hat. Horst Wachter, Enkel des Luiwa-Bräu“ Inhabers erinnert sich noch ganz genau an den Betrieb seines Großvaters.

Neuhaus-Schierschnitz - „Ich hab die Flaschen gleich erkannt, als ich das Bild gesehen habe“, erzählt Horst Wachter. Auf dem Foto, das er meint, zeigt Pierre Grünbeck Bürgermeister Andreas Meusel seinen Fund, den er bei Abrissarbeiten gemacht hat. Dass die beiden, seltenen Exemplare in die Heimatstube kommen, war für den jungen Mann sofort klar. „Das muss man doch aufheben und zeigen“, begründet er. Aber wer war eigentlich Louis Wachter? Und wo war seine Mineralwasserfabrik? – Fragen, auf die man erst später eine Antwort fand und zwar bei Horst Wachter.

Er ist der Enkel des Firmeninhabers und wohnt noch heute in dem Haus, in dem die Fabrik war. „Na ja Fabrik ist übertrieben“, sagt er schmunzelnd. Denn eigentlich war es nur ein Zweimann-Betrieb. „Mein Opa Louis und seine Frau Lina“, klärt er auf. Die Arbeit war gut eingeteilt: Lina Wachter spülte und säuberte die Flaschen. Anschließend tat sie eine Portion Geschmacks-Essenz hinein. Louis Wachter füllte die Flaschen an einer speziellen Füllmaschine mit kohlensäurehaltigem Wasser. Welche Geschmacksrichtungen das waren, weiß Horst Wachter nicht. „Es gab entweder weiße, grüne oder rote Limo“, erinnert er sich. „Und die hat geschmeckt“, schwärmt seine Frau.

Oft haben die Großeltern dafür bis abends 22 Uhr im Keller gestanden und das köstliche Getränk hergestellt. Aber nicht nur der Geschmack waren besonders, auch die Flaschen und deren Verschlüsse. Sowohl auf den Flaschen als auch auf den Verschlüssen stand der Namen des Herstellers. „Und die Porzellan-Verschlüsse waren oval“, weiß Horst Wachter. Damit konnte man die Limo auf Anhieb erkennen, denn die vom Bier waren rund. Leider, so bedauert er, hat er heute keine komplette Flasche mehr. „Nur eine einzelne Flasche und ein Verschluss“, sagt er und holt beides gerne vor.

Die Wachtersche Limo oder „Luiwa-Bräu“, wie man sie auch gerne nannte, wurde ausschließlich an Gaststätten in Neuhaus-Schierschnitz und die umliegenden Orte. „Mit dem Pferdewagen“, weiß der Enkel noch genau. „Opa saß auf dem Kutschbock und an der Seite des Wagens stand die Aufschrift „Louis Wachter Neuhaus-Schierschnitz“, sieht er heute noch vor sich. Als Jugendlicher durfte er mit 14/15 Jahren selber mit dem Tafelwagen die gute Limo ausfahren. „Da haben hinten oft die Kinder drauf gesessen“, erzählt er. Gern sind sie aber auch ans Haus der Wachters in der Sonneberger Straße gekommen, um sich am Kellerfenster so eine gute Limo zu holen.

Wie damals in jedem Ort üblich war Louis Wachter nicht nur Limonadenhersteller sondern auch Landwirt. Seine kleine Landwirtschaft umfasste damals rund drei Hektar Land. Außerdem hatte man eine kleine Viehzucht mit Pferden, einer Kuh, Schafe, Schweine sowie Kleinvieh, wie Hühner, Hasen. „Aber nur für den Eigenbedarf und die Eigenversorgung“, betont Horst Wachter.

Andere hat Familie Wachter dagegen mit Heizmaterialien versorgt, denn man betrieb auch eine Kohlenhandlung. Die Anlieferung der Kohle erfolgte per Waggon bis zum Bahnhof. Von dort wurden die Briketts mit der Gabel per Hand auf das eigene Pferdefuhrwerk umgelagert, zum eigenen Hof gebracht und abgeschüttet. Nun konnte die Bevölkerung – natürlich erst nach Vorlage einer Kohlenkarte – ihre zugeteilte Menge mit dem Handwagen abholen.

Als junger Mann konnte sich Horst Wachter gut vorstellen, die Fabrik seines Großvaters einmal zu übernehmen. Aber zu DDR-Zeiten war das nicht möglich. Selbstständige Firmen waren nicht gewünscht. Die Mineralwasser-Fertigung wäre an den Konsum gegangen und Horst Wachter hätte sich anstellen lassen müssen. „Das wollte ich nicht“, ist er heute noch überzeugt.

Deshalb ging er andere berufliche Wege und zwar in den Elektrokeramischen Werken (EKS). Hier war er erst im Neuhäuser Werk als Disponent tätig und hatte später als Direktor der zentrale Produktion die Verantwortung über 2200 Beschäftigte. Sein Leben war in Ordnung und dass er doch noch einmal eine eigene Firma haben sollte, hätte er nicht geglaubt. Aber dann kam die Wende und damit die Zerschlagung der EKS. 1993 gründet er zusammen mit seinen Partnern, die Firma WWS. Bis 2010 war er hier tätig und schaute immer wieder mal vorbei. „Da hängt doch das Herz dran“, gibt der 84-Jährige zu. Umso schwerer traf es ihn, als die WWS vor gut drei Jahren Insolvenz anmelden musste.

In seinem Rentnerdasein hat er entschlossen, verschiedene Chroniken aufzuarbeiten. Neben der über Louis Wachter und seine Mineralwasserfabrik hat er auch sämtliche Gaststätten, die es in Neuhaus-Schierschnitz einmal gab, aufgeschrieben.

 

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