Freies Wort hilft Lilly ist wieder zu Hause

Lachen, kuscheln, spielen – es ist wieder Leben eingekehrt in das Haus am Dörnbergsweg. Hier kann sich die kleine Lilly nun von den Strapazen der Intensivtherapie gegen den heimtückischen Blutkrebs erholen.

Mittelstille - Verschmitzt linst Lilly unter ihrem leichten Sommermützchen hervor. „Guck Guck“, sage ich. Was für ein blöder Spruch. Aber dem kleinen Mädchen scheint er zu gefallen. Keck zieht sie ihr buntes Hütchen wieder über die Augen, wartet darauf, gekitzelt zu werden. Mama Lisa schaut belustigt zu. Sie kennt das Katz-Maus-Spiel ihrer Tochter. Kleiner Frechdachs, sagt die 31-Jährige. Den Blick voller Liebe.

Behutsam hebt die Mama ihre kleine Kämpferin aus dem Buggy. Kaum steht Lilly auf dem Boden, läuft sie los. Erst an der Hand, dann ein paar Schritte allein. Katze. Stein. Blumen. Schmetterling. Sand. Wasser. Fische. Es gibt so viel zu entdecken für das kleine Mädchen, dass ein Drittel seines so jungen Lebens auf der Kinderkrebsstation des Erfurter Helios-Klinikums zugebracht hat. Um gegen eine lebensbedrohende Krankheit zu kämpfen: Leukämie, AML. Die schlimmste Form. Diagnostiziert im Januar dieses Jahres, kurz nach Lillys erstem Geburtstag.

Für die jungen Eltern brach damals eine Welt zusammen. Zu den schlafraubenden Sorgen um ihr Wunschkind kamen die finanziellen. Dass sie nach Bekanntwerden ihres Schicksals durch den Aufruf von Freies Wort hilft e. V. so viel Unterstützung erfahren würden, macht das Paar noch immer sprachlos. 30 000 Euro haben allein die Leserinnen und Leser von Freies Wort, Südthüringer Zeitung und Meininger Tageblatt gespendet. In ungezählten Initiativen sammelten Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Nachbarn, Vereinskameraden – und völlig unbekannte Menschen Geld. Sie strickten, nähten und häkelten für Lilly, schickten Päckchen mit Spielzeug oder Bekleidung. Organisierten Benefizaktionen. Die Anteilnahme war und ist nach wie vor riesig, sind Lisa und André noch immer überwältigt. Es gibt Momente, sagen sie, die kann man nicht so einfach in Worte fassen. Nur fühlen. Gerade erleben sie diese Momente. Die Beiden bitten deshalb um Verständnis, wenn sie sich nicht bei jedem Einzelnen persönlich bedanken können. Ein großes herzliches Dankeschön, feste Umarmungen deshalb an dieser Stelle: „Wir werden die große Anteilnahme am Schicksal unserer Lilly nie vergessen.“

Harte Zeiten

Lisa hat ihren Sonnenschein auf den Schoß genommen. Sie genießt die warmen Strahlen der Sonne. Streicht Lilly sanft über das langsam nachwachsende blonde Haar. Vom Erkunden und Entdecken müde geworden, sucht die Einjährige die Nähe ihrer Mama. Will kuscheln, schmusen. Sechs Monate wachte die 31-jährige Konditormeisterin am Bett ihrer Tochter. Tag und Nacht. Papa André versuchte seine beiden Frauen, auch Dank seines verständnisvollen Arbeitgebers, so oft wie möglich zu besuchen. Vor allem an den Wochenenden. „Es war eine harte, nervenzehrende Zeit“, blickt Lisa Herdmann zurück. Sechs Chemoblöcke hat Lilly überstanden. Einschließlich der üblen Nebenwirkungen wie Darmkrämpfe und Durchfälle, Appetitlosigkeit, Schmerzen, Fieber, Mundfäule, ausgelöst durch Herpes Viren. Bedingt durch das schwache Immunsystem. „Sie konnte uns ja nicht sagen, wo es wehtut“, beschreibt die Mittelstillerin ihre Hilflosigkeit.

Die Strapazen der letzten halben Jahres sind an der jungen Frau nicht spurlos vorbei gegangen. Wann sie das letzte Mal durchgeschlafen hat? Vor ewigen Zeiten, sagt die 31-Jährige. Die dunklen Ränder unter den Augen sprechen Bände. In der Klinik hielten sie die piepsenden Geräte wach oder Lilly, die sich hin und her wälzte, wimmerte, weinte. Zu Hause plagen sie Ängste von einem möglichen Rückfall. So viel gehört hat die junge Mutter, Kinder kennengelernt, die es nicht geschafft haben, wie ein etwas älterer Junge, der in den ersten Wochen viel mit Lilly gespielt hat.

Das Funktionieren müssen funktioniert nicht mehr. „Jetzt fällt alles ab“, sagt Lisa, glücklich zwar, aber sichtlich erschöpft. Gern würde sie im Rahmen einer Therapie alles verarbeiten, Kraft und Zuversicht für den weiteren Weg schöpfen. Doch einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen, ist schier unmöglich. Umso mehr freut sich die Familie auf die gemeinsame Rehabilitation auf der Nordseeinsel Sylt im April nächsten Jahres. Und auf einen Urlaub mit Sonne, Strand und Meer. Vielleicht in Griechenland. „Mein Lieblingsland“, schwärmt Lisa.

Blick nach vorn

Lilly liebt es, im Wasser zu planschen, erzählt die Mama. Nicht mehr lange und sie kann ganz untertauchen. Wenn der so genannte Hickmann-Katheder entfernt ist, über den die Chemotherapie verabreicht worden ist. Das erste Bad nach sieben Monaten. Der nächste Schritt zurück in ein normales Leben.

In der Nachbarschaft springen hörbar vergnügt zwei Mädchen auf dem Trampolin. Lilly spitzt die Ohren und hebt den Zeigefinger. „Sie liebt Kinder, sucht den Kontakt“, erzählt die Mama. Einmal habe sie bitterlich geweint, als der Spielkamerad nach Hause musste. Schon sind Lisa Herdmann und ihr Partner gespannt auf den ersten Kindergartentag ihrer Tochter. Wenn alles weiter so gut verläuft wie bisher, beginnt im Januar die Eingewöhnung im kleinen, feinen Waldkindergarten Breitenbach. Dann ist Lilly zwei Jahre alt.

Zurzeit geht es der Kleinen gut. Die Ärzte sind hochzufrieden. Die Leukämie ist weg, die Lebensfreude wieder da. Damit das so bleibt, müssen Mutter und Tochter im vierwöchigen Rhythmus für vier Tage in die Klinik, wo Lilly Chemospritzen in den Oberschenkel bekommt. Diese Therapie dauert ein Jahr. Damit der Krebs wegbleibt. Auch diese Behandlung steckt der kleine Wirbelwind gut weg. Ihre Eltern unternehmen alles, damit es ihrer kleinen Kämpferin gut geht. Nachholt, was sie versäumt hat. Zum Beispiel Spaziergänge mit Oma, Opa und Hund, buddeln im Sand, schaukel und rutschen auf dem Spielplatz. Sie haben beschlossen, nicht zurück, sondern nach vorn zu schauen.

Autor

 

Bilder