Freies Wort hilft Nach Flut im Ahrtal: Tiere und menschliche Betreuer brauchen Hilfe

Christina Bliss und Carl Knüpfer Foto: Michael Reichel/ari

Der Tierpark „Schwanenteich“ war ein Paradies für Kinder und Familien in Bad Bodendorf. Von einem Verein betrieben, ist er in den Fluten versunken. Bei der Hilfe zum Wiederaufbau stehen solche Orte nicht an erster Stelle. Vergessen werden sie aber auch nicht. Aus gutem Grund.

Bad Bodendorf - Gerade im Angesicht der Katastrophe sind es die kleinen Dinge des Lebens, die Christina Bliss wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern, ihr Hoffnung geben, Zuversicht – und den Willen, noch einmal von vorne anzufangen. „Viele Leute“, sagt sie und stapft über einen kleinen Pfad am Ufer des Schwanenteichs, „können das vielleicht nicht nachvollziehen, aber man freut sich so, wenn man ein Glöckchen – oder etwas Ähnliches – wiederfindet und weiß, dass das mal das Lieblingsspielzeug von einem Tier war“. Sie geht weiter, immer weiter, bis sie die Schwäne erreicht, die schon darauf warten, gefüttert zu werden. Um sie herum ist vor allem Zerstörung.

Der Teich, an dem Bliss entlang- geht und in dem die Schwäne schwimmen, ist – besser: war – ein zentraler Teil des Tierparks von Bad Bodendorf, der von den Einheimischen in der Region deshalb eigentlich immer nur „Schwanenteich“ genannt wird; auch wenn er die Heimat von noch viel mehr Tieren war.

Katzen lebten dort und ein Esel, Waschbären und Ponys, Hühner und Pfauen und noch viele mehr. Der Schwanenteich war immer auch ein Gnadenhof für Tiere, die andernorts kein Zuhause und keine Zukunft hatten. Damit war er auch ein beliebtes Ausflugsziel für Familien mit Kindern und für ältere Menschen.

Wer die Bad Bodendorfer nach dem Schwanenteich fragt, bekommt sofort Geschichten zu hören, die ungefähr so anfangen: „Als ich neulich da war …“ Ortsbürgermeister Alexander Albrecht erzählt zum Beispiel davon, wie er sich nicht lange vor der Flutkatastrophe an der Ahr noch mit den Waschbären auf dem Areal fotografieren ließ. An der Stelle gibt es nur noch Holz- und Zaunreste. Dazwischen jede Menge Treibgut: Bäume, Flaschen, Reifen, das Wrack eines Autos. Denn das Hochwasser, das in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli weite Teile der Ahr-Region in Rheinland-Pfalz zerstört hat, hat auch diesen Tierpark verwüstet. Er liegt weniger als 50 Meter vom Flussbett entfernt.

Wenn es beim Anblick dieser Trümmer so etwas wie Licht am Ende eines sehr langen und sehr dunkeln Tunnels gibt, dann ist es das: Die meisten der Tiere des Schwanenteichs haben die Katastrophe überlebt. Bliss – die dem Vorstand des gemeinnützigen Vereins angehört, der den Tierpark Schwanenteich betreibt – sagt, es sei gelungen, die allermeisten von ihnen noch rechtzeitig zu bergen. Den Esel habe sie ein paar Kindern „in die Hand gedrückt“ und ihnen gesagt, sie sollten ihn zu einem Bauernhof bringen, der ein paar hundert Meter weiter ist. Dort lebt das Tier heute. Als sie die Waschbären hätten holen wollen, habe die Feuerwehr die Vereinsmitglieder dann aber nicht mehr auf das Gelände gelassen.

Der Zootierpfleger und Tierparkkoordinator des Schwanenteichs, Carl Knüpfer, sagt, möglich sei das nur gewesen, weil der Verein nach einem – gemessen an den Verhältnissen des Jahres 2021 – überschaubaren Ahr-Hochwassers im Jahr 2016 Notfallpläne erarbeitet habe. Damals habe das Wasser das Gelände knietief überspült. Und jetzt? Knüpfer zeigt auf die umliegenden Bäume, in deren Ästen sich Zweige, Wasserkästen, leere Eimer und Ähnliches verfangen haben; Marker dafür, wie hoch das Wasser dieses Mal stand. Stellenweise hängt dieser Müll etwa vier Meter über dem Boden.

Umso schmerzhafter ist die totale Zerstörung des Schwanenteichs, weil der Verein große Pläne für das Gelände hatte. So beliebt sei das Gelände zuletzt gewesen, dass der Verein sich noch weiter habe professionalisieren und die Anlage habe ausbauen wollen, erzählen Bliss und Knüpfer. Jetzt müssen sie ganz, ganz, ganz von vorne anfangen.

Der Wille, diesen Neuanfang zu wagen, ist bei allen da, die für den Schwanenteich Verantwortung tragen. „Auf jeden Fall“, sagt Bliss. Die Frage sei nur, wie genau dieser Neuanfang aussehen wird. Denn den Schwanenteich so nah an der Ahr genau so, wie er war, wieder aufzubauen, wäre dann doch verantwortungslos. „So ein Hochwasser, seien wir ehrlich, kann in zwei Wochen wieder passieren“, sagt Bliss. Also gibt es Überlegungen, die Gehege und Volieren baulich deutlich über den Flussspiegel zu heben. Oder sie vielleicht in Bauwagen unterzubringen, die bei einer erneuten Flut vom Fluss weggezogen werden könnten.

Aber Aufgeben, Resignieren ist eben auch für den Schwanenteich und den Verein dahinter keine Option. „Wir sind seit mehr als vierzig Jahren eine Institution hier“, sagt Bliss.

„Freies Wort hilft“ wird, neben zahlreichen betroffenen Menschen, auch Vereine und Helfer wie diese beim Wiederaufbau unterstützen. In den kommenden Tagen berichten wir über weitere Einzelschicksale aus den Ahrtal-Orten Bad Bodendorf, Dernau, Rech und Altenahr, auf die der Verein die Hilfe konzentriert. sh

Aktueller Flut-Spendenstand bei „Freies Wort hilft“: 171.662 Euro.

Konto: DE39 840 500 00 1705 017 017

Verwendungszweck „Flut 2021“

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