Berlin - Die geflochtenen dunklen Zöpfe lugen unter der bunten Baskenmütze hervor. Herzhaftes mädchenhaftes Lachen gesellt sich hinzu. Sängerin Chris Doerk, die vor einem halben Jahrhundert mit Frank Schöbel das Traumpaar des DDR-Schlagers bildete, wirft in einem Berliner Café mit elegantem Schwung ihre puschelige wärmende Boa zur Seite. Dass sie am 24. Februar 75 Jahre alt wird, ist kaum zu glauben. «Aber das Alter hat seine Spuren hinterlassen: In Größe 36/38 passe ich nicht mehr rein», sagt sie laut lachend, wenn auch etwas Wehmut mitschwingt.
In der Vergangenheit zu graben ist nicht Sache der lebenslustigen Sängerin, die westlich von Berlin lebt. In den 1960-er/70-er Jahren war sie mit ihrem Kollegen Frank Schöbel verheiratet. Damals trug sie einen feschen Kurzhaar-Schnitt, gepaart mit ihrem offenen Lachen. Doerk und Schöbel lieferten als Traumpaar der Schlagerindustrie Hit auf Hit. Vor allem Songs mit fröhlichen Texten und eingängigen Melodien zum Mittanzen waren ihr Markenzeichen. Gemeinsam traten sie in den Musikfilmen «Heißer Sommer» (1968) und «Nicht schummeln, Liebling» (1972) auf.
Nach sieben Jahren dann 1974 die Scheidung, alles vorbei mit «Chris und Frank» - auch auf der Bühne. Jeder ging eigene Wege: Beide stehen bis heute als Schlagersänger im Rampenlicht. 2013 gab es erstmals seit 30 Jahren wieder gemeinsame Konzerte des einstigen Duos. 40 Auftritte in den neuen Ländern waren restlos ausverkauft.
Chris Doerk war nach der Scheidung zu DDR-Zeiten unter anderem viel in Kuba unterwegs. Das Land ist für sie eine zweite Heimat; «ich glaube, weil ich so fühle wie die Kubaner und sehr lebensfroh bin», sagt sie. 2004 war sie zuletzt dort zur Buchmesse und stellte ihr Buch «La Casita» über die Liebe zu dem Land vor.
Eine Platte produzierte sie aber erst wieder 2012. Es war die erste nach 20 Jahren Pause. «Ich war der Meinung, es gibt genug Titel von mir.» Den Anstoß gab 2011 der Gastauftritt bei einer AC/DC-Coverband. «Der Sänger "Dr. Kinski" meinte, in mir steckt eine Rock'n Rollerin», blickt sie zurück. Sie wählte den Titel «She's got the Jack». Doch dann fragte einer, ob sie wisse, dass sie über eine Frau mit Geschlechtskrankheit singe. «Alles war zweideutig. Ich habe dann einige Zeilen weggelassen und dafür den Refrain öfter gesungen», erinnert sie sich und stimmt den Song zum Beweis gleich noch einmal an - etwas verhalten wegen der Gäste in dem Café.
Die Texte für ihr eigenes Album schrieb Doerk dann lieber allein. «Es macht Spaß, auf der Bühne zu stehen und die CD zu vermarkten», sagt sie. Für eine neue Platte hat sie vor ihrem 75. schon einiges produziert. Sie lasse sich aber nicht unter Zeitdruck setzen. Zu ihrem Geburtstag wird aber zunächst die Single «Ich muss wieder mal raus» veröffentlicht - mit einem Medley ihrer alter Titel.
Heute geht Chris Doerk das Leben etwas ruhiger an. Dinge, die sie nicht mag, lässt sie sein. «Ich schminke mich nicht gern und hasse BHs», sagt sie wieder lachend. Sauer reagiert sie, wenn jemand an ihren Zöpfe zupft und fragt, ob die echt sind. «Natürlich», betont sie.
Es nerve auch, im Alter fülliger zu sein. Fotos sind dann so eine Sache, vor allem die mit Handy. «Von unten fotografiert sieht man so fürchterlich aus», weiß sie und schüttelt sich. «Wenn ich lache, verschwinden die Falten, alles hebt sich», dirigiert sie mit einer gehörigen Portion Selbstironie den Fotografen charmant.
Doerk hat immer noch Auftritte. «Die Bühne macht mir Spaß, solange mich die Fans wollen», sagt sie. Gibt es bald wieder gemeinsame Konzerte mit dem Ex, wie von vielen Fans ersehnt? Doerk zuckt mit den Schultern. Eher nicht, heißt das wohl.
Sie selbst spürt keine Langeweile. «Zur Not lese ich ein Buch», sagt Doerk - und lacht wieder. Sie sei auch sehr bodenständig. Kochen, Stricken, Backen, aber auch das Lösen verquerer Kreuzworträtsel sind ihre Hobbys. Sie liebt die Natur und fotografiert gern. Dazu ist sie mit Leidenschaft Oma. Der gemeinsame Sohn mit Frank bescherte ihnen einen Enkel.
Und wie begeht Doerk nun ihren Geburtstag? «Ich feiere doch nicht, das ich immer älter werde. Bin ich verrückt?» Alt werden sei nicht toll. Wer das sage, lüge wie gedruckt. «Wir gehen aus, irgendwohin», sagt die Baskenmützen-Trägerin, die garantiert erkannt wird.