Evangelische Kirche „Wir müssen aus dieser Besessenheit raus“

Eike Kellermann
Landesbischof Friedrich Kramer. Foto: dpa//Ronny Hartmann

Die Evangelische Kirche befürwortet die Corona-Impfung, will Impfgegner aber auch nicht verteufeln. Eine Gratwanderung in einem aufgeheizten Klima.

Erfurt - Jan Lemke, der Präsident des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), sorgt sich um die Stimmung im Land. Sie ist wegen der Corona-Beschränkungen und der möglicherweise kommenden Impfpflicht aufgeheizt, jede Woche gehen Zehntausende auf die Straße. Lemke grübelt deshalb, „wie die Spaltung überwunden werden kann, wie die blank liegenden Nerven wieder beruhigt werden können“.

„Impfen ist Nächstenliebe“

In einer Großorganisation wie der EKM mit ihren rund 700 000 Gläubigen gibt es naturgemäß keine einhellige Meinung. Zwar hat sich die Synode, das Kirchenparlament, unter dem Schlagwort „Impfen ist Nächstenliebe“ für die Corona-Impfung ausgesprochen. Nicht festlegen will sich die Kirche aber in der Streitfrage Impfpflicht. „Ich glaube nicht, dass wir die gesellschaftlichen Verhältnisse durch kirchliche Verlautbarungen gestalten sollten“, sagt Lemke.

In Richtung der Corona-Demonstranten sagt er freilich auch: „Mit Nazis kann man nicht spazieren gehen.“ Landesbischof Friedrich Kramer setzt noch einen drauf: „Wer Diktatur schreit, spinnt.“ Aber auch er macht beim Jahresauftakt-Pressegespräch deutlich, dass die EKM zu einer Impfpflicht keine inhaltliche Position beziehen wird. Das widerspräche wohl der von ihr angestrebten Rolle als Gesprächspartner für beide Seiten. „Wir müssen aus dieser Besessenheit raus“, mahnt Kramer. Und EKM-Gemeindedezernent Christian Fuhrmann sagt: „Es muss selbstverständlich werden, in Achtung und Toleranz mit anderen Positionen umzugehen.“ Es müsse nicht immer einen Konsens geben.

Nicht zuletzt, weil in der EKM, auch an der Spitze, wohl genügend Zweifler an einer Impfpflicht sind. So sagte die Kramer-Stellvertreterin und Thüringer Regionalbischöfin Friederike Spengler in der Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“, es erscheine ihr sehr bedenklich, wenn das hohe Gut der geistigen und körperlichen Unversehrtheit des Einzelnen von einer verpflichtenden Impfung eingeschränkt würde.

Pfarrer bei Demo

Bundesweit für Aufsehen sorgte Anfang Dezember bei einer Corona-Demonstration in Sonneberg der Auftritt des früheren Steinacher Pfarrers Martin Michaelis. Er kritisierte, dass Leute, die aus Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz und den Zusammenhalt des Landes auf die Straße gingen, verächtlich gemacht würden. Bezüglich der Impfung ließ er Vorbehalte erkennen. Gottes Schöpfung habe den Menschen mit dem besten aller Immunsysteme ausgestattet, sagte er.

Der Auftritt habe einen „innerkirchlichen Aufruhr“ und eine „Schneise der Irritationen“ zur Folge gehabt, sagt EKM-Personaldezernent Michael Lehmann. Dass Michaelis in Sonneberg aufgetreten sei, ohne vorab den dortigen Pfarrer zu informieren, sei „unkollegial“ gewesen. Der Sonneberger Superintendent Thomas Rau sagte im Dezember, der Auftritt werde „vermutlich auch dienstrechtliche Konsequenzen“ haben.

Hat er nicht. An diesem Montag kam Pfarrer Michaelis zum Personalgespräch nach Erfurt ins Landeskirchenamt. Personaldezernent Lehmann danach: „Ich habe das Vertrauen, dass sich die Dinge nicht wiederholen. Deshalb müssen wir das Schwert Disziplinarmaßnahme nicht ziehen.“ Michaelis indes zeigte sich auf Nachfrage „verblüfft“, dass Lehmann indirekt aus einem vertraulichen Personalgespräch berichtet habe. Was seine Rede in Sonneberg betrifft, sei der Inhalt durch das Recht auf freie Wortverkündigung gedeckt. Das habe ihm Lehmann sogar schriftlich gegeben. Deshalb gebe es überhaupt keinen Grund für Disziplinarmaßnahmen, so der nun in Quedlinburg lebende Pfarrer.

 

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