Delta-Projekt in Suhl Warum nicht auf Probleme beim Lesen und Schreiben verzichten?

Bürgermeister Jan Turczynski, Delta-Projektleiter Gerd Gneist und Wiebke Heber von der Volkshochschule zum Vorlesetag. Foto: frankphoto.de

In Deutschland leben 6,2 Millionen funktionale Analphabeten. In Suhl wird die Zahl der Illiteraten auf bis zu 600 geschätzt. Das Delta-Projekt will auch als Brücke zwischen ihnen und den Angeboten für sie fungieren.

Suhl - Wer Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, muss nicht Analphabet sein. Dennoch wird die Zahl der Illiteraten allein in Suhl auf bis zu 600 geschätzt. 600 Menschen, die in einer entscheidenden Phase ihres Lebens nicht die Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie brauchten und nie richtig Lesen und Schreiben gelernt haben. Mit mitunter hohem Aufwand und Einfallsreichtum versuchen sie im täglichen Leben diese Tatsache zu verbergen oder werden als Erwachsene auch von Partnern, der Familie, Freunden geschützt, die ihnen Aufgaben abnehmen. Dabei gibt es Alphabetisierungsangebote, die das Leben einfacher machen und das Versteckspiel beenden könnten.

Der bundesweite Vorlesetag war in Suhl Anlass, unter dem Thema „Lesen lernen im Erwachsenenalter“ die Struktur der Stadt vorzustellen. In der Volkshochschule (VHS) haben sich Bürgermeister Jan Turczynski, Delta-Projektleiter Gerd Gneist vom Internationalen Bund (IB) und Wiebke Heber, Fachbereichsleiterin Sprachen und Grundbildung/Alphabetisierung an der VHS über Möglichkeiten und Vorhaben verständigt. Jan Turczynski, zugleich Sozialdezernent, war es wichtig, dem Delta-Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, eine Plattform zu bieten und Gerd Gneist die Möglichkeit, sich und das Delta-Projekt vorstellen zu können. Neben Suhl ist es nur noch in Koblenz, Schwerin und Neuenhagen angesiedelt.

An Alphabetisierungsangeboten allein an der VHS in Suhl mangelt es in erster Linie nicht, wohl aber daran, die Personen überhaupt zu erreichen, die die kostenfreie Hilfe erhalten könnten. Gerd Gneists Erfahrungen zeigen, dass Betroffene in den seltensten Fällen von sich aus Hilfsangebote suchen. „Sie vermeiden eher, was irgendwie mit Schule im Zusammenhang steht“, sagt er. Deshalb möchte er sensibilisieren und auch auf den indirekten Weg setzen. „In Vereinen, in der Schule, auf Ämtern, im Jobcenter, bei Berufsberatern, in Krankenhäusern oder Wohnungsgesellschaften beispielsweise muss auffallen, wenn oft Buchstaben verwechselt werden oder es jemandem schwer fällt, Sätze zu beenden. Meine Aufgabe ist es, die Betroffenen zu finden, sie zu erreichen und davon zu überzeugen, dass ihnen geholfen werden kann.“

Weiterhin stellt er sich die Gründung einer Selbsthilfegruppe vor, in der sich Betroffene in ähnlicher Situation austauschen und eventuell auch gemeinsam motivieren können, daran etwas zu ändern. Sich überschulden, weil man Verträge nicht lesen kann oder sich falsch ernähren, weil auch kochen zu kompliziert wird, keine Gute-Nacht-Geschichten vorlesen, weil es nicht geht, all das lässt sich ändern. Gerd Gneists Zusammenarbeit mit vielen Kooperationspartnern und seine Vorhaben sind dabei sehr hilfreich.

Bei Fragen ist Gerd Gneist gern Ansprechpartner. Er ist erreichbar unter ((03681)3516820 oder gerd.gneist@ib.de

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